Jagd ohne Beute – Kraven the Hunter verpufft im Mittelmaß
Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Gegenwart, dass große Studios mit bemerkenswerter Sturheit an Konzepten festhalten, die sich schon mehrfach als Sackgasse erwiesen haben. Manchmal scheint es, als hätte Sony eine besondere Begabung dafür, seine größten Comic-Schätze in graues Mittelmaß zu verwandeln. Seit Jahren arbeitet das Studio daran, aus den Nebenfiguren des Spider-Man-Kosmos ein eigenes filmisches Universum zu entwickeln, dass ohne ihren zentralen Helden auskommen muss und dennoch eine Strahlkraft entwickeln soll. Die bisherigen Ergebnisse, Morbius (berühmt-berüchtigt dank Meme-Kultur) und Madame Web (vergessen schon beim Abspann), verliefen ernüchternd: Kritiker wie Publikum reagierten mit Desinteresse, Spott oder schlichtem Schweigen.
Mit Kraven the Hunter folgt nun der nächste Versuch, dem schwächelnden Franchise neues Leben einzuhauchen. Die Hoffnung: Ein kompromissloser Antiheld, roh, wild, brutal. Die Realität: Ein Film, der genau das Gegenteil erreicht und der seine eigene Existenz kaum rechtfertigen kann. Trotz einiger interessanter Ansätze bleibt der Film in den Untiefen der Mittelmäßigkeit stecken.
Pflichtübungen ohne Spannung
Was zuerst auffällt, ist die erstaunliche Austauschbarkeit des Drehbuchs. Die Handlung folgt mit fast schon mechanischer Präzision den vertrauten Stationen eines Superheldenfilms und wirkt wie nach Schablone gefertigt: das Trauma der Kindheit, die Entdeckung übermenschlicher Kräfte, das Ringen mit inneren und äußeren Dämonen, schließlich der obligatorische Showdown. Spannung entsteht dabei kaum. Zu vorhersehbar sind die Wendungen, zu oberflächlich die Konflikte. Kraven, in den Comics ein komplexer, psychologisch vielschichtiger Antagonist, schrumpft hier zur eindimensionalen Rachemaschine. Psychologische Ambivalenz? Fehlanzeige. Alles wirkt routiniert und zugleich blutleer – als habe man ein Standarddrehbuch aus der Schublade gezogen und die Geschichte nur aus vertraglicher Pflicht erzählt.
Der Stoff hätte jedoch reichlich Potential: Der ewige Konflikt zwischen Natur und Zivilisation, das Verhältnis von Mensch und Tier, Fragen nach Instinkt, Moral und Gewalt – all dies liegt in der Figur angelegt. Doch Kraven the Hunter kratzt nur an der Oberfläche und verpasst die Chance, seiner Titelfigur Tiefe zu verleihen. Tierische Metaphern und symbolische Gesten tauchen auf, verschwinden aber sogleich wieder, ohne je ausgearbeitet zu werden. So bleibt das thematische Fundament so dünn wie die Dialoge, die es tragen sollen. Die großen Fragen verhallen wie Echos in einer leeren Halle. Zurück bleibt ein Film, der vieles andeutet, aber nichts zu Ende denkt.
Stilistisch versucht der Film, durch eine dunkle Farbpalette, permanente Schatten und bedrohliche Klangwelten eine düstere Atmosphäre zu erzeugen, wirkt dabei aber kalkuliert, nicht organisch. Die Dunkelheit bleibt rein äußerlich – eine Frage der Beleuchtung, nicht der Stimmung. Doch Atmosphäre entsteht nicht allein durch Lichtsetzung. Statt ein eigenes filmisches Universum aufzuspannen, präsentiert sich der Film wie ein Konglomerat aus Versatzstücken, dem jede innere Kohärenz fehlt.
Düster ohne Seele
Besonders deutlich werden die Schwächen in den Actionszenen. Was eigentlich das Herzstück eines Films wie diesem sein müsste, wirkt fahrig und uninspiriert. Die Choreografien sind unübersichtlich, der Schnitt hektisch, die Effekte oft sichtbar künstlich. Vor allem der finale Showdown gerät zum Ärgernis: ein überladenes Spektakel aus schlechtem CGI und übersteigerten Effekten, das weder Intensität noch Übersicht besitzt und eher Kopfschmerzen verursacht als Adrenalin. Gerade hier zeigt sich, dass die digitale Technik nicht als Verstärkung, sondern als Krücke eingesetzt wird – und der Film darunter sichtbar leidet.
Kraven the Hunter fehlt es erkennbar an einer klaren Vision. Ein Film gewinnt durch Regie – durch die Entscheidung, welchen Ton, welchen Rhythmus, welche Perspektive er wählt. Doch hier vermeidet er jede Entscheidung. Er schwankt zwischen düsterem Drama, trashigem Actionkino und ironischer Comic-Adaption – ohne sich je zu entscheiden. So bleibt der Film ein Hybrid ohne Identität, ein Werk, das alles ein bisschen sein will aber am Ende nichts wirklich ist.
Aaron Taylor-Johnson ist das große, fast einzige Kapital des Films. Er spielt mit spürbarem Einsatz, verleiht der Figur körperliche Präsenz und versucht, dem dünnen Drehbuch emotionale Wucht abzutrotzen. Man spürt seinen Willen, mehr aus der Rolle zu machen, als das Drehbuch hergibt. In manchen Momenten blitzt gar jene Wildheit auf, die man sich für den ganzen Film gewünscht hätte. Doch auch er stößt an Grenzen. So sehr Taylor-Johnson bemüht ist – er kann nicht kaschieren, dass die Nebenfiguren blass und eindimensional bleiben, die Dialoge hölzern und die Charakterzeichnungen insgesamt ungenügend sind. Er ist der einzige Darsteller, der sich aus dem Gleichmaß des Mittelmaßes erhebt, doch allein kann er den Film auch nicht tragen.
Fazit
Mit Kraven the Hunter setzt Sony die unglückliche Tradition seiner Villain-Filme fort. Nach Morbius und Madame Web reiht sich auch dieses Werk in die Liste jener Produktionen ein, die ambitioniert wirken sollen, letztlich aber in Belanglosigkeit verharren. Der Film ist kein Desaster im klassischen Sinn, kein Totalausfall, der durch seine Abgründe zumindest noch Unterhaltungswert hätte. Er ist vielmehr der Inbegriff des Durchschnitts: vorhersehbar, spannungsarm, uninspiriert. Gerade das macht ihn so enttäuschend. Denn eine Figur wie Kraven hätte das Potenzial zu einem intensiven, düsteren Drama gehabt – doch was bleibt, ist eine oberflächliche Actionroutine mit schwachen Effekten.
Aaron Taylor-Johnson bemüht sich redlich, doch auch er kann das sinkende Schiff nicht retten. Und so bleibt Kraven the Hunter ein Film, der schon beim Verlassen des Kinos zu verblassen beginnt – und in wenigen Jahren wohl nur noch als Fußnote in Sonys vergeblicher Suche nach einem eigenen Superhelden-Kosmos erinnert werden wird.