Alice (Rena Niehaus), ein Mädchen aus gut situiertem Haus, wird auf offener Straße am helllichten Tag entführt. Sie wird als Geisel in einem entlegenem Bauernhof von 3 Kidnappern festgehalten, von denen einer der unbedarfte Fischer Michele (Michele Placido) ist. Er beginnt sich, in sie zu verlieben und dies nutzt sie – verständlicherweise - aus...
Eriprando Viscontis (der Neffe des legendären Luchino) Film von 1976 wurde in Deutschland unter dem sehr dezenten Titel „La Orca, Gefangen, geschändet, erniedrigt“ in die Kinos gebracht und zog ein Jahr später auf Grund seines Erfolgs ein Sequel namens „Oedipus Orca-Wilde Früchte“ nach sich, ist bei weitem nicht der schmierige Film, den man erwarten würde. Er schildert vielmehr fast sachlich und melancholisch die Beweggründe der Kidnapper (die keine Profis, sondern eher gescheiterte Kleinbürger sind) und das langsame Scheitern ihres Plans. Klar gibt es einige Nacktszene mit der sehr ansehnlichen Rena Niehaus, aber diese passen durchaus in den Kontext des Films. Außerdem ist er sicher auch ein Kommentar zur damaligen Situation in Italien, als Kidnappings, sei es aus politischen oder kriminellen Motiven, an der Tagesordnung waren.
Die schauspielerischen Leistungen der Darsteller wie Placido, Flavio Bucci u.a. sind durch die Bank solide und Visconti gelingt es auch, dass der Zuschauer für die Täter zumindest etwas Sympathie entwickeln kann. Die sicherlich interessanteste Figur des Films ist aber Alice, die sehr schnell merkt, wie sehr sie den naiven Michele manipulieren kann, um so Vorteile für sich daraus zu ziehen. Am Ende ist der Zuschauer fast nicht mehr sicher, wer hier das Opfer war. Gelungen ist auch die recht konsequente Art des Films, der weniger aus Sicht der Polizei oder Eltern geschildert ist, sondern aus Sicht der Beteiligten, die oft eher wie Spielfiguren wirken: Alice ist erschüttert, als sie mitbekommt, wie sehr ihr Vater (den man nie sieht) mit der Lösegeldzahlung zögert oder Michele, der merkt, wie sehr ihn die anderen ausnutzen.
Insgesamt sicher kein Meisterwerk, aber solide Unterhaltung mit 70er-Flair, der mal auf DVD veröffentlicht werden sollte. Der Nachfolger „Ödipus Orca“ ist dagegen um Klassen mieser, ein peinlicher, oft quälend langweiliger Versuch, vom Erfolg des Vorgängers zu profitieren.