Nach dem Tod seiner Mutter zieht der zwölfjährige Mahito mit seinem Vater während des Zweiten Weltkriegs aus Tokio weg. Es geht aufs Land, wo Mahitos Vater in Natsuko eine neue Frau und einen Job in einer Fabrik gefunden hat. Von der neuen Situation und der Ersatzmutter wenig begeistert, dabei auch immer noch mit dem Verlust ringend, findet er dazu in der Schule wenig Anschluss. Doch weckt ein Graureiher, der sich in der Nähe des Hauses herumtreibt, sein Interesse. Insbesondere, als dieser mit ihm spricht und ihn in eine fremde Welt lotst.
Ein neuer Film von Hayao Miyazaki ist immer von Interesse und visuell ist das wieder wunderschön, dieser zeitlose Zeichenstil kombiniert sich mit detaillierten Hintergründen und den klaren Linien. Dezenter Einsatz von CGI fällt nicht störend auf und so ist das Werk in seiner Präsentation sehr gelungen. Auch die mitunter melancholische Musik unterstreicht die Grundstimmung.
Dafür hapert es ausgerechnet auf der erzählerischen Seite. Nicht am Kern der Geschichte oder an dem, was Miyazaki erzählen will. Es geht um das „Wie“. Phantastische Welten gab es in seinen Filmen schon oft zu sehen, die Verarbeitung eines Traumas ebenso und die Reisen, die die entsprechende Figur durchmacht. Hier fängt es schon damit an, dass Mahito nicht wirklich zugänglich ist und dies sich auch mit fortschreitender Spielzeit nicht ändert. Seine innere Anspannung ist nachvollziehbar, auch aufgrund der neuen Situation und der vorangegangenen Ereignisse. Doch immer bleibt da eine Distanz zu ihm, eine emotionale Verbindung ergab sich nicht. Das beginnt schon damit, dass sein erster Impuls gegenüber dem Reiher ist, diesen abschießen zu wollen. Dazu kommen die vielen anderen Figuren, deren Motivationen, wenn sie denn erkennbar sind, nicht mit Hintergrund gefüttert werden. Sie sind eben da und machen Sachen, aber es ergibt sich kein kohärentes Gebilde daraus. Dies wiederum trifft, so leid es mir tut, auf die gesamte Erzählstruktur zu. Der Aufbau scheint immer wieder zu springen, Informationen vorzuenthalten, als ob willkürlich und wiederholt einige Minuten aus dem Film genommen wurden. Und zwar die, die erklären, wie das hier zusammenhängt. Klar, auch in „Chihiro“ war nicht alles erklärt und auserzählt, aber in sich wirkte all diese Phantastik stimmig und ergab einen eigenen Sinn. Und eben das fehlt mir hier. Aus vielen Figuren und ihrer Bedeutung oder Agenda werde ich nicht schlau.
Und so schön der gesamte Film auch gezeichnet ist, zu der Nase der Reiher-Figur fällt mir nur eins ein – hässlich.
So bleibt die Distanz zu Mahito und auch zum gesamten Film bestehen. Und das ist ein für mich nicht zu ignorierender Einschnitt in das Erlebnis. Vergleiche zu anderen Werken von Miyazaki lassen sich leicht ziehen, findet man hier doch viele der von ihm schon früher behandelten Versatzstücke wieder. Die Verbindung dieser gelingt ihm in „Der Junge und der Reiher“, der mit einer Übersetzung des eigentlichen Titels „Wie lebt ihr?“ besser dran gewesen wäre, weniger. Für mich zu konfus, dadurch wenig immersiv und so hat mich dieses Spätwerk Miyazakis einfach nicht so recht erreicht.