Review

In einer postapokalyptischen Welt verbreiten unsichtbare Wesen Angst und Schrecken: ihre Anwesenheit treibt jeden Menschen dazu, sofort Selbstmord zu begehen. Es gibt kein Entrinnen vor dieser tödlichen Gefahr, außer die Augen ganz fest geschlossen zu halten oder besser noch, sie zu verbinden bzw. sehr starke Sonnenbrillen zu tragen. Auch in Barcelona wütet diese mörderische Lebensform, die wie ein starker Wind auftritt, Blätter, Kieselsteine und Abfall aufwirbelt und dabei merkwürdige Töne von sich gibt: wo sie auftaucht, springen Menschen aus Fenstern, werfen sich vor die U-Bahn oder schneiden sich selbst die Kehle auf.
Die wenigen Überlebenden versuchen zu fliehen oder sammeln sich in kleinen Verstecken, aus denen sie am hellichten Tag mit verbundenen Augen losziehen auf der Suche nach Nahrung und Energiequellen, eine Seiltrommel als Ariadnefaden mit sich führend. Auch Sebastián (Mario Casas) zieht durch die verwaisten Straßen der Hauptstadt Kataloniens, seinen Augenschutz nimmt er nur selten ab. Und doch scheint er besondere Fähigkeiten zu besitzen, denn der Suizid-Gefahr konnte er bislang entgehen. 4 Monate vorher, als die weltweite "Seuche" mit einem Zugunglück in Polen begann, verlor er auf der Flucht seine Frau. Jetzt hat er nur noch seine kleine Tochter, mit der er sich manchmal unterhält und die ihm immer wieder Ratschläge erteilt und ihn mahnt, nicht am grundsätzlichen Ziel seiner Mission zu zweifeln. Denn Sebastián verfolgt einen perfiden Plan: er lockt die Überlebenden ans Tageslicht, wobei er manchmal auch Gewalt anwendet, damit sie dort von den fremden Wesen sogleich in den Selbstmord getrieben werden...

Viereinhalb Jahre nach dem 2018er Bird Box – Schließe deine Augen wirft Streaming-Gigant Netflix nun also eine weitere Variante seines Überraschungserfolgs auf den Markt - nicht etwa ein Sequel, sondern eine Neuauflage mit weitgehend übereinstimmenden äußeren Bedingungen, nur diesmal eben in Barcelona. Doch was seinerzeit mit Sandra Bullock als Sympathieträgerin funktioniert hatte, gerät in der 2023er Version zum Fiasko: Hauptdarsteller Mario Casas (Dein Zuhause gehört mir, Kein Friede den Toten) spielt in den ersten drei Vierteln des Films ein ausgesprochenes Charakterschwein, das die wenigen Überlebenden, die ihm Schutz, Nahrung und sogar ärztliche Hilfe gewähren, hinterlistig in die Falle lockt. Als wäre es nicht schon genug, absolut niemanden zu haben, mit dem man in dieser feindlichen Umwelt mitfiebern kann, bemüht sich Bird Box: Barcelona auch diesmal in keinster Weise darum, irgendwelche Hintergründe aufzuklären - das Ergebnis kann daher schlichtweg nicht befriedigen.

Zu den wenigen Positiva des Streifens zählt die einigermaßen gelungene Umsetzung des postapokalyptischen Barcelona, dessen verschiedene Locations wohl dem einen oder anderen Touristen bekannt vorkommen dürften, doch das mit zahlreichen Computer-Tricksereien wirkungsvoll in Szene gesetzte Grauen in heller, sonnendurchfluteter Umgebung ist eben nicht einmal die halbe Miete. Daß sich - einem ebenso langweiligen wie vorhersehbaren (auch ohne Kenntnis des 2018er Vorgängers) Drehbuch folgend - Sebastián am Ende vom Saulus zum Paulus wandelt, bietet dann inhaltlich auch keinen Anknüpfungspunkt mehr mit dem (ansonsten durchaus geschätzten) Hauptdarsteller; auf das tränentreibende Kindergejammer in bester (sprich: klischeehafter) Hollywood-Manier hätte man ohnehin gerne verzichtet.

Der Stoff um geheimnisvolle tödliche Wesen und säuselnde Stimmen aus dem Nichts eignet sich jedoch gerade durch diese kaum greifbaren, filmisch jedoch leicht darzustellenden Erscheinungen durchaus für weitere Teile - vielleicht gibt es ja demnächst einen Bird Box: Quebec oder Bird Box: Shanghai (Letzteres immerhin ein "Wachstumsmarkt").
Wie auch immer, Bird Box: Barcelona ist bis auf seine technischen Spielereien ein ausgesprochenes Schnarchfest, das trotz einiger weniger Action-Einlagen weder besonderes Interesse zu wecken noch gar zu fesseln vermag: 3 Punkte.

Details
Ähnliche Filme