Review

kurz angerissen

Mit dem Umzug in die (nicht nur) stark katholisch geprägte Metropole Barcelona erweitert die „Bird Box“-Franchise ihren soziologischen Subtext und mischt ihr einen gehörigen Schlag religiöser Symbolik bei. Erlösermotive werden bemüht, Lichter steigen in den Himmel empor und wer blind war, möge wieder sehen. Das Arbeitsfeld der Effektkünstler ist die Unordnung einer entstehenden Apokalypse. Sie sind hauptsächlich damit beschäftigt, den Unrat der Straße sakral in der Luft schweben zu lassen, wann immer sich die Entität aus dem Off nähert, die letztlich ein Gleichnis darstellt für den irreversiblen Übergang vom Leben in den Tod, vom Irdischen ins Göttliche.

„Bird Box Barcelona“ verhält sich dabei insofern wie ein typisches Sequel, als dass es seine Grundidee in immer größere Bilder zu transkribieren versucht. Man registriert in praktisch jeder Weitwinkeleinstellung Selbstmörder, die wie die Zombies aus „The Walking Dead“ an Brücken baumeln oder am Boden verfaulen, man wird Zeuge, wie sich Geblendete in der U-Bahn vor den Zug werfen und als Masse auch jene Individuen mitreißen, die noch bei Verstand sind. Die Gesetze der neuen Realität haben auch angepasste Überlebensstrategien zur Folge. Die Pastor-Brüder, bekannt vor allem für den Endzeitthriller „Carriers“ (2009), bemühen sich sichtbar darum, diese Strategien zu vermitteln, wenn sie etwa blinde Gruppen in einer Kette durch die Stadt dirigieren, angeführt von Hunden, denen man im Vertrauen auf die übrigen Sinne ebenfalls die Augen verbunden hat. Herausgestellt wird einmal mehr, wie sich der Mensch mangels Alternativen damit abfindet, einer modifizierten Normalität ausgesetzt zu sein, die ihn dazu zwingt, im Dunkeln zu existieren, entweder unter der Erde oder mit geschlossenen Augen im Licht der Sonne. So weit, so bekannt; hier läuft man Hand in Hand mit der „Quiet Place“-Reihe, die zwei Jahre zuvor ebenfalls beim zweiten Teil angelangt war und mit den Ohren im Grunde immer noch dasselbe anstellt, was hier mit den Augen geschieht.

Auch die Hauptfigur ist im Kern eine klassische in diesem Kontext. Wie Vincent Price, Charlton Heston und Will Smith in ihren jeweiligen Verfilmungen des Richard-Matheson-Romans „Ich bin Legende“ versucht sie, ihr Dasein in einer veränderten Welt auf eigene Faust zu meistern, ohne dabei im physiologischen oder psychologischen Sonne völlig den Halt zu verlieren. Ihre Einsamkeit ist es vor allem, die das Mitleid des Zuschauers zu gewinnen versucht. In ihrem Handeln allerdings schlägt sich dieses Charakterbild nicht unmittelbar nieder, denn es entspricht nicht dem des Sympathieträgers, sondern dem des biblischen Antagonisten, der Seinesgleichen ins Verderben stürzt, im Glauben, Gutes zu tun. Die daraus entstehende Dissonanz bei der Bewertung des Protagonisten nutzt der Film bewusst aus, um ein gewisses Unbehagen beim Betrachter zu erzeugen, indem ihm eine Identifikationsfigur zunächst vorenthalten bleibt. Das Unbehagen mag allein der Atmosphäre wegen ohnehin schon in der Luft schweben, ist sie durch das europäische Setting doch ohnehin bereits eine völlig andere als im US-Original.

Die Abkehr von dessen Qualitäten, um eigene Wege zu beschreiten, ist bemerkenswert, doch unter dem Strich kann sich auch dieses Sequel eben nicht völlig von den Standards lösen, die Sequels im Allgemeinen ausmachen. Darüber hinaus geht auch noch der unmittelbare Thrill des Situativen verloren wie die Luft in einem Ballon. Hier wusste Susanne Bier trotz der konstruierten Prämisse effektiver zu arbeiten. Kein schlechter Versuch, aber für das angepeilte Ziel, etwas Eigenständiges zu erschaffen, auch wieder nicht konsequent genug.

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