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„Sie sprach vorhin von Selbstmord!“ – „Ach, die Leute, die darüber reden, tun’s nie!“

Der österreichstämmige Regisseur Edgar G. Ulmer („Die schwarze Katze“) drehte nach seiner Emigration in die USA auch so manch Low-Budget-Produktion, unter anderem den klassischen, komplett in Schwarzweiß gedrehten B-Grusler „Die Totengruft des Dr. Jekyll“ aus dem Jahre 1957.

Janet Smith hat sich mit George Hastings verlobt und kehrt mit ihm zurück in das Anwesen ihrer Kindheit. Dort erwartet sie Dr. Lomas, der ihr eine gute und eine schlechte Nachricht unterbreitet. Die gute: Sie ist die eigentliche Besitzerin des Anwesens, Dr. Lomas hatte es nach dem Tod ihrer Eltern lediglich für sie verwaltet. Die schlechte: Sie ist die Tochter des berüchtigten Dr. Jekyll, der mit seiner Persönlichkeitsspaltung die Region in Angst und Schrecken versetzte. Fortan fürchtet Janet, das gleiche Schicksal zu erfahren und wird von Alpträumen geplagt. Doch sind es wirklich nur Träume? Immerhin erwacht sie eines morgens mit Blut an den Händen...

„Die Totengruft des Dr. Jekyll“ lief seinerzeit im Doppel mit „The Cyclops“ in den USA und kam in den 1960ern auch nach Deutschland, wo man, um die Spielzeit von nicht einmal 70 Minuten etwas zu strecken, eine eigene Rahmenhandlung in Form eines Pro- und Epilogs hinzudrehte, dafür aber auf den kürzeren – und wesentlich stimmigeren – Pro-/Epilog der US-Fassung verzichtete. Jedoch muss angemerkt werden, dass der US-Prolog bereits einiges der Handlung vorwegnimmt. Doch worum geht es nun eigentlich? Richtig, eine Möchtegern-Fortsetzung der Geschichte von Dr. Jekyll, der mittels eines Serums zu Mr. Hyde wurde. Kurioserweise wirft man entscheidende Aspekte des Klassikers komplett über Bord, ließ das Serum größtenteils unter den Tisch fallen, macht aus Dr. Jekyll nach seiner Verwandlung einen Werwolf und aus all dem eine anscheinend vererbbare Krankheit! Insofern ist beinahe davon auszugehen, dass man zunächst eine etwas andere Geschichte im Sinn hatte, um letztlich dann doch auf einen prominenten Namen zu setzen und wie so häufig in der Geschichte des klassischen phantastischen Films eine Quasi-Fortsetzung mit weiblichem Geschlecht in der Hauptrolle (Originaltitel: „Daughter of Dr. Jekyll“) zu suggerieren. Die Vermengung der Jekyll/Hyde- mit der Werwolf-Mythologie sorgt bei Genrekennern indes vermutlich tatsächlich für Aufsehen und hat etwas Spaßig-Trashiges – wirklich etwas daraus gemacht hat man aus den sich dadurch ja auch bietenden Möglichkeiten allerdings nicht.

Etwas unbeholfen wirkt auch das Miniaturmodell des alten Herrenhauses um die Jahrhundertwende, das trotz ausgiebiger Nebelschwaden nur schwer kaschiert werden kann. Die hübsche Gloria Talbott („I Married a Monster from Outer Space“), die mich mit ihrem markanten Äußeren ein wenig an Barbara Steele erinnert, führt als weibliche Hauptrolle an der Seite des alten Westernmimen und erfahrenen B-Movie-Darstellers John Agar („Tarantula“, „Die Augen des Satans“, „The Mole People“ etc.) durch den Film, der mit vielen Dialog- und Innenszenen arbeitet, die recht statisch erscheinen – trotz Ulmers Regietalent sollte man keine findigen, expressionistischen Schattenspielereien oder andere Kamera-Schmankerl erwarten. Stattdessen bekommen wir einen etwas hüftsteifen und demotiviert wirkenden John Agar in einem scheußlichen und zudem anachronistischen Streifenhemd präsentiert, der glücklicherweise nicht mehr Screentime als Arthur Shields als Dr. Lomas bekommen hat, denn letzterer spielt wirklich gut den freundlichen, facettenreichen, etwas mysteriösen älteren Herren. Richtig interessant wird es sodann in den Alptraumszenen Janets sowie in den gelungenen, atmosphärischen Außenaufnahmen, die vermutlich gar keine waren, jedoch unter den dichten Nebelschwaden hübsch gruselig und auch etwas fremdartig-bedrohlich anmuten. Eine Verwandlungsszene im laufenden Bild wie bereits in der 1931er Original-„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“-Verfilmung weiß durchaus zu beeindrucken und auch die Make-up-Effekte können sich sehen lassen. Selbst etwas Erotik fand überraschenderweise in den Film in Form einer platinblonden Frau in Unterwäsche, die vom Monster durchs Fenster beobachtet wird – wenngleich auch diese Szene doch wieder arg anachronistisch erscheint.

Die Pointe des Films ist mehr oder weniger schon zu einem frühen Zeitpunkt vorhersehbar; 100%ig sicher kann man sich aber nie sein, weshalb ein Rest an Spannung verbleibt. Unterm Strich hat man es bei „Die Totengruft des Dr. Jekyll“ mit einem charmanten, kurzweiligen, typischen B-Movie seiner Zeit zu tun, der am Rande das Thema Autosuggestion streift, dessen viele Schwächen von einigen Stärken zumindest teilweise wettgemacht werden und der Freunde dieser Art von nostalgischer Unterhaltung zufriedenstellen sollte. Ein Klassiker des Genres ist er aber beileibe nicht.

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