Was will mir ein Film mitteilen, der nur zusammenhanglose Fragmente vom Videotagebuch eines desillusionierten Jugendlichen zeigt?
Der Stoff erzählt keine Geschichte, er bietet keine Höhepunkte, nur Ausschnitte aus dem Leben eines 19-jährigen Deutschen, der sich und seine Umgebung ständig mit der Handkamera filmt.
Das hätte im Zusammenschnitt mit mehreren Tagebuchfilmern vielleicht funktioniert, aber nicht mit einer Hauptfigur, die ohnehin nichts Wichtiges zu erzählen hat.
Denn Jakob (Tom Schilling) ist einer von Millionen Jugendlichen in unserem Land. Ohne Kontakt zu den Eltern, lebt er unter WG-ähnlichen Bedingungen beim älteren Bruder Kris und dessen schwangeren Freundin Karo, die Jakob heimlich begehrt.
Als Fick-Ersatz nutzt er die hübsche, aber distanzierte Mani und als Mutterersatz dient ihm die Mama eines Kumpels.
Und all das filmt Jakob mit seiner Handycam.
Großartiges Projekt auch, es fehlt nur eine Aussage des Ganzen, denn diese besteht allenfalls darin, ein Beispiel für die sinnentleerte Welt aktueller Jugendlicher aufzuzeigen.
Man hat keine Ziele mehr, keine Perspektive, Moral ohnehin nicht und überdies leidet man an übermäßiger Egozentrik, weil man sich am liebsten selbst im Fokus seiner Kamera sieht.
Wenn dem Material eine Aussage mitgeliefert worden wäre, könnte man darüber nachdenken, warum sich hierzulande möglicherweise ein paar Dinge nicht so positiv entwickeln, - so ist das lediglich eine einzige Schwarz-Weiß-Malerei ohne Inhalt. Ein einziges Nichts.
Gefilmt wird das wirkungslose Treiben mal mit einer Kamera aus der Distanz, dann wieder mit der Handycam, die Jakob stets mit sich führt.
Diese verfolgt Dartspielen, Helium einatmen, Fummeln am Rheinufer, mehrmals eine U-Bahn und die dazugehörigen Tunnel, Jakobs Gesicht beim Masturbieren, und Bruder mit Freundin heimlich beim Sex.
Letztgenannte Szene lässt für einen Moment so etwas wie Spannung aufkommen, verpufft aber im nächsten Moment wieder, um sich dem nächsten losen Fragment zu widmen.
Keine Reibungspunkte, nur Leere, soll das die heutige Jugend darstellen?
Immerhin ist man noch bereit, zu philosophieren, auch wenn die Ausführungen am Ende zu nichts führen.
Jakob bricht in eine fremde Wohnung ein, trinkt Wein, sieht Homevideos der Familie, um die Einrichtung kurz darauf zu zerdeppern.
Dies geschieht ohne Kontext, kein Bezug zu den Besitzern der Wohnung, keine inneren Beweggründe Jakobs, nur die Tat wird unkommentiert gefilmt. Eiseskälte und eine Distanz zur Hauptfigur, die zu keiner Zeit genommen wird.
Jakob ist mir ein Fremder und das bleibt er auch nach dem Abspann, ein Fremder irgendwo in Deutschland, den – so wie er ist – ich niemals kennen lernen möchte.
Mit „Egoshooter“ wird nichts erzählt, es wird zusammenhanglos berichtet aus einer Welt, die ziemlich fremd ist und doch zum Teil einen Realitätsgehalt aufweisen mag.
Die Zielgruppe ist hierbei eine Frage des Alters und der Identifikation mit dem Geschehen.
Das zeigt sich besonders bei den deutschsprachigen Rap-Songs, die immer wieder auftauchen und völlig pseudo-sozialkritisch rüberkommen, bei mir also nichts außer Kopfschütteln verursachen, weil ich mit den geschmeidig melodiösen Songs von Depeche Mode groß geworden bin.
Bin ich also zu alt für diesen Scheiß oder fehlt mir ganz einfach der Zugang zur heutigen Jugendkultur (von der ich nicht glauben mag, dass alle so sind wie Jakob und sein trauriges Umfeld)?
Wahrscheinlich von beidem etwas, denn der Streifen hat mir vom Gesamtkonzept her nicht zugesagt.
Er bietet nur Ausschnitte ohne Quintessenz, Bruchstücke aus einem ziellosen Leben, Alltägliches ohne Pointe.
Da schwappt die trostlose Stimmung zwar rüber und die Darsteller sind mit Erfolg um Authentizität bemüht, aber ansprechend oder gar unterhaltsam ist das Videotagebuch nicht ausgefallen.
Nur einen Satz werde ich länger im Gedächtnis behalten: „Es gibt keine klassische Musik, die wirklich dreckig klingt.“
Darüber lohnt es sich nachzudenken, den Rest kann man getrost vergessen.
2 von 10