„Süchtige und Nutten sind alle gleich!“
Mit „Tote Zeugen singen nicht“ und „Ein Mann schlägt zurück“ mit Franco Nero in der jeweiligen Hauptrolle beteiligte sich auch der italienische Regisseur Enzo G. Castellari erfolgreich am Poliziesco-Genre. 1976 drehte er seinen Spät-Western „Keoma – Das Lied des Todes“ ebenfalls mit Nero in der Hauptrolle und wählte für seinen actionreichen Kriminalthriller „Racket“ aus dem gleichen Jahr Fabio Testi („Das Geheimnis der grünen Stecknadel“) als Star der Produktion, der sodann auch im 1977 erschienenen weiteren Poliziesco „Dealer Connection – Die Straße des Heroins“ die Hauptrolle bekleiden durfte.
Rom entpuppt sich immer mehr als Drogenumschlagsplatz auf der internationalen Achse des Heroingeschäfts. Der britische Interpol-Kommissar Mike Hamilton (David Hemmings, „Profondo Rosso“) wird nach Rom geschickt, um die großen Fische mit Hilfe des erfahrenen Undercover-Polizisten Fabio (Fabio Testi) dingfest zu machen. Fabio versucht, sich in die Verbrecherbande des Drogenbosses Gianni (Joshua Sinclair, „Wenn Du krepierst - lebe ich“) einzuschleusen und gerät dabei in Lebensgefahr…
„Knie nieder und friss Staub!“
Direkt zu Beginn springt „Dealer Connection“ von einem Drehort zum anderen zwischen Rom, New York, Kolumbien und Hongkong, währenddessen sich Castellari auch gleich einen Cameo-Auftritt genehmigt. Das soll anscheinend die Zusammenhänge des internationalen Drogengeschäfts verdeutlichen, ist im Prinzip aber nicht von weiterer Bedeutung. Dass Fabio, den Testi unrasiert und im Jeans-Outfit betont leger und verwegen gibt, Polizist ist oder zumindest von der Polizei bezahlt wird, ist schon früh zu erahnen, dennoch gönnt sich „Dealer Connection“ sehr viel Zeit, bis er dies offen ausspricht. Bis dahin habe ich den Eindruck, dass Castellari sein Publikum durch eine unnötig komplizierte Erzählweise vorsätzlich verwirren möchte, was meines Erachtens nicht sonderlich geglückt ist. Als viel interessanter erweisen sich die zahlreichen, zum Teil sicherlich dem Entstehungsjahr, zum Teil Castellaris Bestreben, einen Actionfilm statt eines Sozialdramas zu drehen, geschuldeten, oberflächlichen bis naiven Auseinandersetzungen mit dem Drogenkonsum und dessen Folgen aus Opfersicht, der plakativ alles Mögliche, was sensationslüstern durch die Medien kolportiert wurde, aufgreift und verarbeitet – sei es ein die letzten Krümel von der Klobrille leckender Junkie, sei es die verzweifelte Mutter, die ihrer Tochter einen Schuss setzt und konstatiert: „Du kannst ja nix dafür!“ Mit eigentlich gar nichts von alldem hat wiederum eine erotische lesbische Sexszene zwischen Sherry Buchanan („Der Tod trägt schwarzes Leder“) und einer weiteren jungen Dame zu tun…
Wie dem auch sei, es dauert eine ganze Weile, bis Action-Spezialist Castellari hält, was das Wissen um seine Position auf dem Regiesessel verspricht und wilde Schießereien eine Reihe aufwändiger Stunts und Actionszenen einleiten. Unterbrochen durch ein paar Albernheiten zwischendurch (Hemmings als Busengrabscher – ich bin entsetzt!) wird schließlich mit Beginn des letzten Drittels (!) bereits zum Finale geblasen, das weitestgehend auf Handlung verzichtet, sich zunächst trotz des bleihaltigen Argumentaustausch reichlich zieht, dann aber doch noch mal so richtig aufdreht und manch irren Stunt bietet. Neben den üblichen Prügeleien, Schießereien und Autocrashs ist mir besonders die meines Erachtens besonders starke und gelungene Szene auf einer Rolltreppe im Gedächtnis geblieben. Der Showdown findet sogar in der Luft statt, wobei Fabios Sportflieger ihn ganz schön weit trägt – dafür, dass es angeblich keinen Treibstoff hat… Schön finde ich, dass die Spur des Drogenrings auch zu Weißkitteln im Drogenlabor führt, sich das Drehbuch demnach nicht auf die üblichen Klischees vom Straßendealer und Zigarre rauchenden dekadenten Drogenbaron beschränkt. Begleitet wird „Dealer Connection“ von einem lässigen, pulsierenden mal Hi-Hat-, mal Bass-lastigen Percussions- und Orgel-Soundtrack von niemand Geringerem als den Prog-Score-Experten „Goblin“, der ganz klar zu den Stärken des Films zählt.
Die exploitative Herangehensweise an das Drogenthema treibt unterm Strich einige bizarre Blüten, ist aber nicht das Problem des Films. Als enttäuschend erweist sich vielmehr, dass man erschreckend wenig aus der anfänglich suggerierten Vielzahl an Drehorten macht und die beachtliche Action schlecht über den Film verteilt, sie nach dramaturgisch und erzählerisch nicht sonderlich geglückten zwei Dritteln geballt im letzten Teil abfeuert und dabei auch schon mal seine Darsteller vergisst: Testi ist allzeit präsent, doch aus Namen wie David Hemmings, Massimo Vanni („The Riffs – Die Gewalt sind wir“) und Romano Puppo („Fireflash – Der Tag nach dem Ende“) hätte man doch mehr herausholen können. Dank seines Italo-Flairs inkl. einiger markiger Sprüche bleibt unterm Strich ein leicht überdurchschnittlicher, spekulativer Action-Poliziesco, der kein Vergleich ist zu Castellaris wirklichen Klassikern und mit 5,5 von 10 Fixbestecken auskommen muss.