Nachdem ich ihn vor Kurzem in einer beabsichtigt unausstehlichen Cameorolle im "Violent Shit" - Remake ertragen musste wurde es an der Zeit, mich wieder der sympathischen Seiten Enzo G. Castellaris zu versichern. Wo manch einer sich fragt, warum ich dann ausgerechnet mit dem markig titelgermanisierten Drogenranzer "Dealer Connection - Die Straße des Heroins" einen eher untypischen Vertreter aus der Filmographie des Mannes ziehe, dem sei gesagt, dass ich optimistisches Kino mag. Und bei aller Dreckigkeit, das Gezeigte kommt vom Härtegrad nicht an das an, was ich jugendlicherweise in verranzten Punkbuden beim Gruppenkiffen und gemeinsamen Pilzemähen erlebt habe. Dafür waren unsere wochenendlichen Rauschtreffen, bei denen ich immer als Tripsitter - Weichei mit Bierkanne in der Hand zugegen war, aber auch weit weniger ästhetisch ansprechend.
"Das letzte große Abenteuer unserer Zeit: Heroinschmuggel!" wirbt eine durchgestrichene Werbezeile aus dem offiziellen Werberatschlag zum Film. Wenn das mal keinen guten Urlaub verspricht, dann weiß ich auch nicht. Castellari hat hier im Vergleich zu "Racket - Bei Anruf Mord" (bei dem Telefone eine eklatant kleine Rolle spielen) die Actiondrossel angelegt, dafür am Anfang aber erst mal das Expositionsgaspedal bis zum Bodenblech durchgetreten, sodass der Film am Anfang im goldenen Dreieck zwischen Hong Kong, Amsterdam und Rom umhertitscht, "Dealer Connection" ist der perfekte Aktivurlaub für Süchtige und Polizisten im WInterurlaub.
Warum Winterurlaub? Weil in besagten Großstädten jede Menge Schnee im Umlauf ist und die Interpol - Ermittler Fabio (Fabio Testi) und Mike (David "Nicht Paul McCartney" Hemmings) schon mit Schneeschieber und Streusalz auf der Matte stehen. Während letzterer vor allem im Hintergrund taktiert und delegiert macht ersterer in cognito als abgerissener Späthippie und Junkie die Feldarbeit und liefert und möglichst vielseitige Kontakte mit freischaffenden Straßenapothekern und ihren Kunden sucht, um nachher möglichst viele Fische an Land ziehen zu können.
Dazu geht's einmal kurz in kollegialen Gewahrsam, um per einstudierter Flucht zu entkommen und im Anschluss eine Praktikantenstelle im Kartell anzutreten. Nachdem sich Fabio dort schnell hochgearbeitet und seine neuen Freunde zu einem Bruch ins örtliche Asservatenlager geht bei ausgerechnet der krummen Tour einiges schief und der alte Siffberger wird als Bulle enttarnt. Am Ende ist es nur eine Frage der Zeit, wann Ärsche aufgerissen werden...
Nach "Racket" haben sich sowohl Castellari als auch Testi und Hemmings zurückgelehnt und die berühmte ruhige Kugel nicht geschoben, sondern in Mehrfachausführung in Magazine gefüllt und verballert. Und das merkt man auf jeder Ebene, ohne den Zuschauer zu langweilen. Dazu bleibt aber auch in den ersten Minuten kaum Zeit, so oft wechselt die Handlung zwischen den Epizentren der damaligen Heroinepidemie hin und her. Passend dazu klingt der Soundtrack der ansonsten recht gothischen Progrocker Goblin nach einem Fiebertraum unter Palmen und sollte nicht zu Unrecht in der deutschen Synchronfassung von Lucio Fulcis "Syndikat des Grauens" nochmal zum Einsatz kommen.
Irgendwo zwischen Hitze und Rausch, Dreck und Elend streut Castellari visuell grandiose Momente ein. Der Tod eines Junkies bei einem misslungenen Überfall auf einen Juwelier geht hier beispielsweise nach einer Weißblende in die Überdosis seiner ebenfalls süchtigen Partnerin über und trifft ins Mark. Aber auch kulissenseitig schafft Castellari es, dem Zuschauer ein schnelles Fernstudium in menschlichem Elend durchlaufen zu lassen, wenn auch nur oberflächlich und im Vorbeigehen. Ist das vielleicht gewollt? Wenn ich daran denke, wie wir solche Menschen auf der Straße dieser Tage zu ignorieren pflegen könnte man das beinahe meinen, wobei dem Zuschauer hier meist der Blick auf zitternd - verschwitzte Körper und Dealer verprügelnde Eltern vor Schulgebäuden aufgezwungen bekommt, aber nie was über die Suchtkarriere dahinter erfährt. Und das alles zieht am Zuschauer im selben Tempo und mit der selben Nebensächlichkeit am Zuschauer vorbei, mit der Fabio Testi von einer Rolltreppe rutschend einen Kartellschergen erschießt: nonchalant und cool, aber zugegeben auch substanzlos. Sieht man vom Heroin mal ab, hust.
Das Kontrastprogramm zum eher actionreichen "Racket" und leider die letzte Zusammenarbeit zwischen Testi und Castellari wird gelegentlich übersehen, wenn der große Bruder durch die kugelzersiebte Tür tritt und seine Ankunft auf der Party verkündet. Ich persönlich habe ihn knapp ein Jahr nachdem ich "Racket" sah kennen gelernt und brauchte zugegeben einige Anläufe, um ihm mögen zu lernen. Für mich hat sich dieser Kennenlernversuch ausgezahlt, wobei der Film für mich eher ein Vorglüher oder Rausschmeißer denn ein Hauptfilm ist. Ich denke, dass es hilfreich ist, auch als Zuschauer die ruhige Kugel rollen zu lassen und andere, typischere Castellaris auszublenden. Auf Heroin als Begleitmittel zum Film sollte jedoch unbedingt verzichtet werden, auch, wenn man sich zu Jugendzeiten in verpilzkifften Punk - WGs rumgetrieben hat.