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- kurz angerissen -

Ob man zuerst die natürlich fließenden Bewegungen des Wassers im Bach registriert oder die künstlich modellierten Formen des Geländewagens, der in der Nähe parkt, ob man sich eher in den hoch stehenden Wipfeln der Nadelbäume verliert oder im flachen Design des Laptops, auf dem Baupläne abgespeichert sind, ob der Weg mit dem Blattwerk eines Winterwaldbodens ausgelegt ist oder mit dem Asphalt einer Schnellstraße... die Linien sind stets kristallklar herausgearbeitet in Ryûsuke Hamaguchis meditativem Drama „Evil Does Not Exist“, das ein Modell der Koexistenz zwischen Tradition und Moderne auf die Probe stellt, ohne dazu auf die sonst üblichen Extreme von Gut und Böse zurückgreifen zu können.

Die winterliche Idylle, die in hochauflösenden, kontrastreichen Bildern mit einem magischen Realismus angereichert wird, repräsentiert dabei ein natürliches Gleichgewicht, das aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen Gefahr läuft, seinen Halt zu verlieren. Hamaguchi nimmt sich viel Zeit, mehr womöglich als es die Konventionen eines Spielfilms ihm eigentlich erlauben, den ursprünglich als Kurzfilm konzipierten Stoff zu einem 107-minütigen Monument mit viel Stillstand auszuweiten, der im Verborgenen allerdings auch viel in Bewegung versetzt. Er lässt den Betrachter die ungewohnte Ruhe der Bilder am eigenen Leib spüren, beinahe, als solle auch ihm als Konsumenten und Teilnehmer einer schnelllebigen Zivilisation eine Lektion in Sachen Geduld erteilt werden.

Mag die Redundanz des fünften gehackten Stücks Holz und des achten gefüllten Wasserkanisters innerhalb der laufenden Szene auch unnötig erscheinen, so gewinnt „Evil Does Not Exist“ erst durch diese Ritualisierung von Abläufen im Nachgang seine Intensität. Die wie eine La-Ola-Welle durch den Raum gleitende Dynamik des Diskussionsverlaufs im Bürgerhaus beispielsweise kann sich nur deswegen entwickeln, weil dieser einen Sequenz volle 15 Minuten Zeit zur Entfaltung gegeben werden; Zeit, die trotz der vermeintlichen Ereignislosigkeit genutzt wird, nicht nur im dramaturgischen Sinne, indem sich die vermeintliche Informationsveranstaltung für die Redner unerwartet in ein wahres Verhör verwandelt, sondern auch, weil hier etliche Metaphern und harte Fakten gestreut werden, die für die weiteren Ereignisse von Bedeutung sein werden.

Gerade weil Hamaguchi Dämonisierungen vermeidet und den erzählerischen Fokus gleichmäßig auf einen Repräsentanten des Dorfs und zwei Vertreter der Industrie verteilt, von denen insbesondere einer mit seiner Stellung hadert, könnte „Evil Does Not Exist“ abseits der schönen Bilder ein wenig trocken, ja im unangenehmen Ausmaß dokumentarisch wirken. So allerdings hallt das aufreibende Ende erst recht nach, weil es wie ein dumpfer Faustschlag aus dem Nichts zu kommen scheint. Die Wirkung ähnelt jener, die auch die Arbeiten von Lee Chang-dong („Burning“, „Peppermint Candy“) verströmen: Erst mit den letzten Bildern wird einem schockartig klar, was die ganze Zeit bereits sichtbar war.

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