Führer mit Hunger auf Herzen
Pablo Larrain ist nicht gerade bekannt für Genrestoff, eher für politische Kommentare und höchst stilvolle Portraits. „Spencer“ und „Jackie“ hatten audiovisuell mächtig Nachdruck. Aber bei „El Conde“ (oscarnominiert und exklusiv auf Netflix) erweitert er sein Portfolio um den Vampirmythos, satirisch-bissige Übertöne und eine neue Herangehensweise an die gesellschaftspolitische Aufarbeitung der Vergangenheit (seines Landes)… Erzählt wird in der witzig-düsteren Vampirgeschichte über einen blutsaugenden General und Führer, der seines langen und mordreichen Lebens überdrüssig ist. Doch seine (menschlichen) Nachfahren wollen ihn nicht so einfach gehen lassen…
Geschichtsstunde mit scharfen Schneidezähnen
Manchmal wirkt „El Conde“ wie eine lethargische Mischung aus „Roma“ und „Only Lovers Left Alive“. Augenzwinkernd, bissig, ultrablutig in seinen Spitzen. Mit politischen Überraschungen und fantasievollen Parallelen. Satire und Fantasy und Horror - aber mit genug weltpolitischen Bezügen und Connections. Natürlich braucht man dafür etwas Geduld, etwas Vorwissen, durchaus politische Bildung und Übertragungsfähigkeit. Aber an und für sich auch unbescholten genießbar. Leider verliert er seinen Drive aus der brillanten ersten Viertelstunde nach und nach etwas in seinen familiären Verstrickungen. Ich hätte gerne noch mehr Zeitsprünge und Epochen gesehen. Die Optik ist einfach traumhaft schön. Dagegen verblasst nicht nur die übliche Genrekonkurrenz, sondern selbst hochkarätiges Oscarmaterial. Was hier visuell aufgefahren wird ist nicht weniger als ein Kunstwerk. Charakterstark und anders. Erzählerisch und charakterlich bleibt alles jedoch sehr verkopft bis verkrampft. Von der Ideologie und Idee brillant. Von der Umsetzung aber eher theoretisch und trocken. Trotz all dem roten Lebenssaft.
Schattiges Paralleluniversum
Fazit: eine Vampirgeschichte als Metapher, als Kunstwerk, als Biopic, als Kommentar auf die düstere Vergangenheit Chiles und die dunkle Seite der Menschheit allgemein. Ambitioniert, äußerst hübsch, alles andere als leer - aber doch auch anstrengend, fordernd und ermüdend. Dennoch schön Larrain mal in diesem Modus zu erleben.