Mit dem Namen Pinochet verbindet man gemeinhin die 17 Jahre dauernde Regentschaft des chilenischen Diktators, der 1973 nach einem Militärputsch an die Macht kam und das südamerikanische Land bis 1990 regierte, danach politische Immunität genoss und bis zu seinem Tod 2006 von keinem Gericht Chiles für die Verbrechen während seiner Amtszeit verurteilt wurde.
Der chilenische Regisseur Pablo Larraín nahm die Geschichte der Familie Pinochet unter die Lupe und präsentiert mit seinem 2023er El Conde eine rabenschwarze Satire über Aufstieg und Fall der lange Zeit das Land prägenden und bis in die demokratische Gegenwart beschäftigenden Dynastie. Komplett in Schwarz-Weiß gedreht, mit einem Vor- und Abspann in Frakturschrift sowie akustischer Untermalung durch ein klassisches Orchester (Streichinstrumente bis Marschmusik) besticht diese eigentümliche Biographie vor allem durch seine aufwändigen, mit viel Liebe zum Detail dargestellten Handlungspassagen, die wichtige historische Stationen der Familie Pinochet beleuchten, zum Großteil jedoch im Jahre 2006 kurz nach dem Tod des Diktators spielen.
Hieraus ergibt sich dann für das internationale Publikum (El Conde wurde beim Filmfestival von Venedig uraufgeführt) auch eine gewisse Problematik: mangels historischer Kenntnisse der Geschichte Chiles und speziell des negativen Einflusses Pinochets, seit dieser sich vor 50 Jahren an die Macht putschte, mögen den politsch weniger beschlagenen Zusehern die pointierten Dialoge und von einem Voice-Over sarkastisch bis zynisch kommentierten Handlungen einfach nur seltsam vorkommen.
Denn in Larraíns Spielfilm ist Pinochet (Jaime Vadell) ein bereits 250 Jahre alter Vampir aus Frankreich, der während der dortigen Revolution seinen Tod vorgab, um sich am anderen Ende der Welt, in Chile, ein neues Leben aufzubauen. Dort wurde er schließlich General und Diktator, doch 2006 ist er ein Greis und da mittlerweile gegen ihn ermittelt wird, inszeniert er ein weiteres Mal seinen vorgeblichen Tod.
Tatsächlich jedoch lebt er unerkannt auf einem einsamen Bauernhof nur in Gesellschaft seiner Frau Lucía Hiriart (Gloria Münchmeyer) und seines Butlers Fyodor (Alfredo Castro) weiter, ist verbittert über die Undankbarkeit des chilenischen Volkes und verzichtet schon seit einger Zeit auf frisches Blut, was ihn bald wirklich sterben lassen würde. Dieser Zustand ist seinen erwachsenen 5 Kindern bekannt, die es - politisch desinteressiert - ausschließlich auf das vermutete millionenschwere Erbe ihres Vaters abgesehen haben und daher alsbald anreisen. Und Eile tut not, denn gerade wird Chile von einer unheimlichen Mordserie erschüttert, bei der jungen Menschen das Herz herausgeschnitten wurde - der greise Vater, so lautet nun die Befürchtung, wird es sich doch nicht anders überlegt haben und nun doch - mittels Verjüngungskur - weiterleben wollen?
Um ganz sicherzugehen, engagieren die sterblichen Nachkommen die angebliche Buchhalterin Carmen (Paula Luchsinger), um die zahlreichen Dokumente im Haus zu bewerten; tatsächlich ist Carmen jedoch eine Nonne, die dem alten Pinochet den Teufel austreiben soll, damit er auch sicher stirbt. Und auch die anderen Anwesenden haben Geheimnisse, die Stück für Stück in einem mörderischen Ränkespiel aufgedeckt werden...
Pablo Larraín, der zuvor schon mehrere Filme über das Leben während der Pinochet-Herrschaft gedreht hatte, nahm sich diesmal den Diktator selbst vor, dessen Leben er mit viel Hintergrundwissen in despektierlicher Art und Weise in einer schwarzen Komödie aufarbeitet. Um die Elemente dieser Satire, die oft mit feiner Klinge arbeitet, bei der es streckenweise aber auch graphisch ordentlich zur Sache geht, richtig einordnen zu können, kann - sofern nicht vorhanden - ein kurzer Streifzug durch die Geschichte Chiles nach dem 2. Weltkrieg (Wiki genügt) hilfreich sein. Ein unverblümt reales Bild der Zustände während der Gewaltherrschaft Pinochets kann man sich u.a. auch durch den 2015er Streifen Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück verschaffen.
Die mit 110 Minuten etwas lang ausgefallene Satire El Conde hingegen hat sich schon allein wegen ihrer phantastischen Kinematographie und den skurrilen, oft im Plauderton vorgetragenen Verdrehungen und Relativierungen ein Lob verdient: 7 Punkte.