Nach seiner erfolgreichen Karriere als Privatdetektiv hat sich Hercule Poirot (Kenneth Branagh) 1947 in Venedig niedergelasssen. Abgeschirmt von einem Leibwächter, einem ehemaligen Polizisten, genießt er in der Lagunenstadt seine Altersruhe, bis ihn eines Tages eine alte Freundin aufsucht: die Bestsellerautorin Ariadne Oliver (Tina Fey).
Der gelingt es, den Detektiv zur Teilnahme an einer Séance in einem als verflucht geltenden Palazzo zu überreden: Poirot, der weder an Gott und schon gar nicht an Übersinnliches glaubt, ist dazu nämlich erst bereit, als ihm die Autorin gesteht, daß sie mit seiner Hilfe das Medium Joyce Reynolds (Michelle Yeoh) als Schwindlerin überführen will. Letztere wurde von der Hausherrin Rowena Drake (Kelly Reilly) engagiert, um mit deren kürzlich durch Selbstmord aus dem Leben geschiedener Tochter Alicia Kontakt aufzunehmen.
Tatsächlich gelingt es der Spürnase schon recht bald nach Beginn des Spektakels, einige Tricksereien aufzudecken: so wurde die wie von Geisterhand selbst tippende Schreibmaschine von einem im Kamin versteckten Burschen bedient. Dann aber stürzt das Medium selbst unerklärlicherweise vom Balkon in den Tod, und Poirot bleibt nichts anderes übrig, als die Ermittlungen höchstselbst direkt vor Ort zu übernehmen. Während es draußen stürmt und regnet, befragt er nach bewährtem Muster sämtliche Anwesenden einzeln nacheinander...
A Haunting in Venice ist bereits die 3. Poirot-Verfimung, in der Kenneth Branagh nicht nur die Regie, sondern auch gleich die Hauptrolle übernimmt. Die Vorlage (Die Schneewittchen-Party, 1969), eine weniger bekannte Kurzgeschichte aus dem Spätwerk Agatha Christies, interpretierte der Nordire dann wie gewohnt ziemlich frei, verlegte die Handlung von der britischen Insel weg ins vom Krieg unbeschädigte Venedig und veränderte auch an der Handlung grundsätzliche Elemente.
Natürlich tritt Poirot/Branagh von Anfang an wieder als unsympathischer Egozentriker auf, verzichtet erfreulicherweise jedoch auf eine einzig seinem Schauspieler-Ego dienende One-Man-Show (wie in seiner ersten Poirot-Verfilmung, dem fürchterlichen 2017er Mord im Orient-Express) und nimmt sich im Verlauf des Films sogar ein wenig zurück. Umständehalber beginnt er schließlich kurzzeitig sogar, an seinem eigenen Verstand zu zweifeln - wenn auch nicht lange.
Was die anderen Mitwirkenden betrifft - die Darstellerriege beinhaltet wieder einige bekannte Namen - leistet sich Branagh bei deren Filmcharaktären dann aber wieder einige unrealistische Erfindungen, wie z.B. einen psychisch völlig gebrochenen Arzt (der dringend therapiert gehört) und dessen ca. 10-jähriger Sohn in Anzug und Krawatte gebildet wie ein Hochschulprofessor daherredet. Bitte was soll das?
Bezüglich Ausstattung und Location ist A Haunting in Venice allerdings kaum mehr zu toppen: abgesehen von der filmtechnisch stets attraktiven Lagunenstadt, in der in jener Nacht (natürlich) ein Sturm tobt, welcher Hilfe von außen nicht zuläßt, sind hier im Sekundentakt sämtliche Ingredienzien des Horror-Genres zu bewundern: knarzende Türen, herabstürzende Kronleuchter, geisterhafte Erscheinungen, laut knallende Geräusche, Puppen, die mal da und mal dort auftauchen, ein geheimnisvoller Papagei und natürlich jede Menge Jump Scares. Die schiere Menge dieser Effekte und das Tempo, in dem sie auftauchen, überfordern allerdings den Zuseher, der keine Gelegenheit findet, diese auf sich wirken zu lassen. Dabei hätten sich vor allem die vielen, öfters auch mit verzerrendem Weitwinkel aufgenommenen Perspektiven durchaus eine eingehendere Betrachtung verdient - hier seien stellvertretend die liebevoll detaillierten Szenen auf dem Kinder-Kostümfest zu Beginn (mit Scherenschnitten, Apfel-Schnappen etc.) erwähnt.
Leider bleibt für die Betrachtung dieser optischen Spielereien keine Zeit, und auch die teilnehmenden Film-Charaktäre kommen bezüglich einer Vorstellung (gemessen am Referenzwerk, Sidney Lumets meisterlichem 1974er Mord im Orient-Express) viel zu kurz. Dazu kommen Dialoge, die mit zwischenzeitlich ironischen Anspielungen den grundsätzlich eher ernstgemeinten Tenor des Streifens durchkreuzen. Wer die Verhörstrategie von Poirot kennt (der in der deutschen Synchro mit einem aufgesetzt wirkenden französichen Akzent spricht), kann sich anhand der Reihenfolge der Befragten auch schnell ausrechnen, welcher der Anwesenden aus dem Kreis der Verdächtigen ausscheidet und wer schließlich der / die TäterIn sein muß. Das Motiv für die Morde erweist sich schlußendlich als relativ alltäglich, spielt aber zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr.
Fazit: A Haunting in Venice ist ein opulent ausgestatteter Krimi, der mit einigen interessanten wie auch bescheuerten Ideen der Regie weitgehend ausgetretenen Pfaden des whodunit-Genres folgt. Seine größte Stärke besteht in bildgewaltigen Einstellungen und Effekten, welche die samt und sonders blassen Leistungen der zu berechenbaren Schachfiguren mutierten Mitspieler des (natürlich strahlenden) Meisterdetektivs immerhin ein wenig zu überdecken vermögen. Allein diese Schauwerte empfehlen den Streifen auch für eine Zweitsichtung - inhaltlich bleibt er ein harmloses Grusel- und Mitratevergnügen für die ganze Familie: 5 Punkte.