Sowohl Stanley Kubrick als auch Steven Spielberg hatten bereits ein Napoleon-Projekt in Planung, nun ist der Film zu Ridley Scotts Alterswerk, möglicherweise sogar zu einem seiner letzten großen Filme geworden, GLADIATOR 2 befindet sich bereits in Produktion. Es ist müßig zu spekulieren, wie wohl Kubricks Version ausgesehen hätte, BARRY LYNDON mag eine mögliche Richtung anzeigen. Die wirklich visionären Tage Scotts sind allerdings auch schon seit einer Weile vorbei, seine Historienfilme eher solide inszenierte und aufwändige Abenteuerschinken, die über das Spektakel hinaus jedoch wenig zu erzählen haben.
NAPOLEON macht hier keine Ausnahme: Der Film klappert die historischen Meilensteine von Napoleons Karriere ab, informiert uns mit Texteinblendungen über Personal, Location und Jahr und hält sich nur ein ums andere Mal mit kleinen Detailszenen auf, wenn beispielsweise ein mumifizierter Pharao vor Bonaparte zurückzuzucken scheint. Doch es sind gerade solche Details, die aus einem durchschnittlichen Nacherzählfilm ein interessantes Charakterdrama oder einen Film mit einer Aussage werden lassen.
Sicher, Scott und Phoenix legen Napoleon nicht als strahlenden Helden und Eroberer an, sondern als unsicheren Ehrgeizling, der sich beim Befehligen seiner Truppen sichtlich wohler fühlt als wenn er selbst zum Säbel greifen muss und der seine Frau so miserabel befriedigt, dass diese sich einen Liebhaber nehmen muss. Doch da sich Scott ohnehin schon einige künstlerische Freiheiten herausgenommen hat, was die historische Sorgfalt angeht, hätte man sich durchaus eine extremere Variante des Herrschers gewünscht, die hier nur manchmal angedeutet wird. Joaquin Phoenix agiert leider meist mit angezogener Handbremse. Bei Kubrick waren beispielsweise Jack Nicholson und Audrey Hepburn für die Hauptrollen vorgesehen gewesen.
Auch die ungewöhnliche Beziehung zwischen Napoleon und Josephine (eine tolle Vanessa Kirby), eigentlich mit der interessanteste Aspekt des Films, kommt etwas kurz. Gerne hätte man mehr über die Dynamik des Paares erfahren, was wohl im vierstündigen Director’s Cut eingelöst wird. Doch den wird es nur auf dem kleinen Fernsehbildschirm bei apple+ zu sehen geben, was wiederum schade für die opulenten Gefechte ist. Diese sind, wie nicht anders zu erwarten, optisch ansprechend, ja schon nahezu pervers attraktiv gefilmt. Was klar macht, dass Scott deutlich mehr an den Scharmützeln interessiert ist als an ihren historischen Ursprüngen. Oder an ihren Konsequenzen.
Eine Texteinblendung am Ende des Films rechnet auf, dass in den gezeigten Gefechten drei Millionen Menschen ums Leben kamen. Was für eine Vorlage für einen radikalen Antikriegsfilm, der den Wahnsinn dieser genoziden Machtspiele in der Art von APOCALYPSE NOW auf die Leinwand bringt und der gerade heute mehr als zeitgemäß gewesen wäre. Doch auch diese Chance ist bei Scott verschenkt.