(Kinofassung)
Der „korsische Rüpel“ hat es weit gebracht. Bis zum Kaiser hat sich der aus Ajaccio stammende Napoleon Bonaparte aufgeschwungen, sein Weg dorthin war gesäumt von militärischen Erfolgen, der aufwühlenden Liebe zu Joséphine de Beauharnais und dem unbedingten Streben nach Größe. Doch birgt jeder Aufstieg auch die Gefahr des tiefen Falls.
Ein ambitioniertes Unterfangen seitens Regisseur Ridley Scott, diese historische Figur filmisch zu würdigen, ist „Napoleon“ allemal. Und optisch macht das Historiendrama oft was her. Die Ausstattung ist opulent, die Kameraarbeit und die Inszenierung von Massenszenen kann sich sehen lassen. Andererseits wirken manche Aufnahmen und gerade die, welche Weite vermitteln sollen, digital und artifiziell. Hier und da gleitet das ins Gemäldehafte ab, was wiederum passend wirkt. So bleibt die visuelle Präsentation zwar ambivalent, am Ende überwiegt aber der positive Eindruck in dieser Disziplin.
Für andere gilt das nicht. Historische Ungenauigkeiten gibt es in dem nach einem Skript von David Scarpa inszenierten Werk nicht wenige. Das ist ärgerlich weil unnötig. Hinzu kommt die Gewichtung hin zu der Erzählung rund um die Beziehung zu Joséphine. Unstrittig ist, dass sie eine wichtige Rolle in Napoleons Leben spielte, fraglich ist es aus inszenatorischer Sicht, sie zu einer wie hier ihn definierenden Figur werden zu lassen. Es ist nicht so, dass Scott in der Kinofassung allzu tief in die Person seiner Titelfigur eintaucht. In den zweieinhalb Stunden kommt nicht das Gefühl auf, dass man über diese ausreichend informiert wird, dass man sie durchleuchtet, die Motivation oder die Facetten ihres Innenlebens ergründet hat.
Das gilt allerdings auch für die gesamte hier abgedeckte Zeitspanne. Sprunghaft geht das Werk von einer Episode zur nächsten, ein unbefriedigender Schnelldurchlauf durch die Geschichte, die so nie Zeit und Raum zum atmen bekommt und historische Zusammenhänge ausspart. Dies geht auch zu Lasten der Emotionalität, wie eine komprimierte Unterrichtsstunde folgt man dem Wirken dieses Mannes und seinen Aktivitäten auf dem Schlachtfeld, wird dabei aber stets auf Distanz gehalten. Man merkt der Kinofassung an, dass da einiges fehlt. Verbindungen, Tiefe, Fluss. Politik, Innenleben, Griffigkeit. Der angekündigte Director's Cut könnte da Abhilfe schaffen, wird allerdings die geschichtlichen Ungenauigkeiten nicht beseitigen.
Darstellerisch überzeugt Joaquin Phoenix als Titelfigur, die in ihren Bewegungen zuerst wenig elegant und doch Willens ist. Seine durch die Laufzeit beschnittene Entwicklung ist hier zu erahnen, Phoenix' Qualität dennoch sichtbar, obwohl er wie die anderen Figuren trotz der Jahrzehnte nicht zu altern scheint, was irritierend wirkt. Vanessa Kirby spielt als Joséphine zwar ansprechend, doch trotz der vielen Zeit, die ihr das Skript auf der Leinwand zugesteht, bleibt die Figur am Rand. Und dafür hat sie wiederum zu viel Zeit bekommen. Ausfälle gibt es zwar keine, so recht im Gedächtnis bleibt abseits dessen aber niemand, positiv wie negativ.
Es sind dann eben doch die Bilder, die hängenbleiben. Von den ausladenden Gefechten, den Interieurs und den Schauplätzen an sich. Und weniger die historische Bedeutung, das Durchschreiten halb Europas oder der dadurch entstandene Nachhall. Diesen zu vermitteln, daran scheitert diese Schnittfassung bei allem Unterhaltungswert.
Als Geschichtsstunde aufgrund des Best-of-Charakters und einiger historischer Falschheiten nur bedingt brauchbar. Als Porträt dieser Figur allerdings ebenso, denn in der vorliegenden (Kino-)Fassung fehlt es diesem gewollten Epos an Emotionen, Figurenerkundung und Zusammenhang. Episodisch fliegt man durch Teile eines Lebens, ab und an garniert von einer Texttafel. Und ist dies auch immer wieder in chic fotografierte Bilder und eine ansprechende Ausstattung gekleidet, bleibt am Ende dieses überlangen Trailers nur das Warten auf die Langfassung. Die ich mir alleine schon deswegen ansehen möchte, weil Ridley Scott es eben immer noch schafft, dass so etwas hier wie ein Film aussieht. Und nicht nur wie ein Produkt. Bis dahin gilt: Opulent, aber lückenhaft.