Directors Cut
Fallingapart statt Bonaparte
Ridley Scott dreht Filme weg wie am Fließband - nur leider ist „Napoleon“ kein Projekt gewesen, dass sich einfach mal so runterkurbeln und im faulen Autopilot durchziehen lässt in Scotts Stakkatoregie“rente“… Erzählt wird von Napoleons Aufstieg (und Fall) zu einem der wichtigsten, umstrittensten und berühmtesten Franzosen aller Zeiten - oder eher seinem Privatleben zwischen Komplexen, Selbstüberschätzung und Liebe…
Ein intimes wie irritierendes „Epos“
Ich „musste“ lange warten bis ich den Directors Cut von „Napoleon“ angucken konnte. Auf die beste Version eines Films warte ich jedoch immer gerne. Und bei Scott hat sich das schon öfters bezahlt gemacht (ich sage nur „Kingdom of Heaven“). Nur leider ist „Napoleon“ in keiner Länge und Breite dieser Welt ein guter Film - auch wenn dieser DC sicher das rundere Erlebnis liefert… Scotts Arbeitspensum ist enorm und bewundernswert in seinem Alter, das habe ich ja schon oft genug geschrieben. Aber dicke Dinger wie „Gladiator II“ oder eben „Napoleon“ sind für diese huschende Weise im glorreichen Spätherbst einfach null geeignet. Und bei „Napoleon“ wird das an jeder Ecke klarer denn je. Auch in dieser deutlich über dreistündigen Version. Schauwerte und Highlights werden schnell überflogen. Alles wirkt gehetzt oder für meinen Geschmack falsch konnotiert. An historische Fakten wird sich kaum gehalten, womit ich aber noch am besten leben kann, das erwartet man bei einem „Entertainer“ wie Scott einfach schon lange nicht mehr. Habe ich ehrlich gesagt noch nie. Doch „Napoleon“ hat in meinen Augen weitaus größere Probleme, wäre vielleicht als Miniserie besser aufgestellt gewesen. Ich halte Phoenix im vollen „Beau Is Afraid“-Modus für einen tollen Schauspieler und Typ - hier aber leider fehlbesetzt. Der Geschichte fehlt es an Druckpunkten, Spannung, klaren Themen und einer kohärenten Vision. Ein verkapptes Ehedrama mit Guillotine zwischendurch bringt’s für mich einfach nicht. Das fühlt sich an wie für 300 Millionen hingerotzt. Kerzenschein und Kurzwüchsigkeit. Geschwafel an toller Tafel. Das muss man sich auch erstmal trauen, erstmal hinbekommen in diesem Aufwand und in dieser Kragenweite. Das Ziel eines guten Films, einer unterhaltsamen Geschichte, verfehlt Scott damit aber spektakulär. Da können Kostüme, Kills und Kirby imposant, saftig und attraktiv sein wie sie wollen. Es wirkt verzettelt. Verwirrt. Verflixt.
Klein aber oh no!
Fazit: was ein öder anti-epischer Quark… auch im Directors Cut. Falsche Schwerpunkte, falsche Besetzungen, falsche geschichtliche Tatsachen, falsche Schlachten, falsches Epos. „Napoleon & Josephine“ wird für mich keinem seiner und unserer Ansprüche gerecht. Ich will nicht wissen, wie fragmentiert die Kinofassung war… (bzw. weiß es durch den Schnittbericht doch in etwa). Lieber nochmal Abel Gances Stummfilm über Napoleon gucken - dagegen verblasst Scotts Bastard von Historienhurz in allen Belangen!