'It's the song, not the singer' sagt man bei musikalischen Werken, das ist nicht allgemeingültig, es kann seine spezielle Gültigkeit haben, es wurde auch schon widerlegt. Bei der mittlerweile dritten filmischen Ausgabe der gleichen Geschichte von Anrufer unbekannt (2015), die aufgrund allein ihrer Prämisse begrenzt ist – eine Prämisse, die nun einmal den Ton angibt und ursprünglich den Reiz ausmachte – , kann man auch von ausgehen, dass das Geschehen mehr wie ein Nachbau des Ewiggleichen, als "credit to capitalism" als wie eine eigene Kreation wirkt und somit nicht als Neuigkeit durchgeht.
Hinzukommt, dass neben der sicherlich interessant sein könnenden deutschen Variante Steig. Nicht. Aus. (2018) aufgrund des Alleinstellungsmerkmals des lokalen Actionthrillers bzw. ein Nichtvorhandensein diesen Genres mehr Aufmerksamkeit geweckt ist und narrative Schützenhilfe dort willkommen war und gutgeheißen wurde. Während bereits der südkoreanische Hard Hit (2021) ein müdes Schulterzucken beim lokalen und westlichen Publikum hervorgerufen hat und (der 2017 geplante) Retribution nun auch zu einer Zeit kommt, als Hauptdarsteller Neeson (nicht ganz unschuldig, aber auch zwangsläufig, wegen des Bedienens einer einstmals sicheren Formel; "(...)you're investing in me. That' the deal." - "Maybe you've lost your touch.") bereits zur Parodie seiner eigenen Persona wurde und eine gewisse Fatigue gerade bei den Kinogängern deutlich spürbar ist. Die Wahl des ausführenden Regisseurs auf den handwerklich sicherlich soliden, aber auch nicht umsonst zuletzt bei Fernsehserien beschäftigten Nimród Antal statt bspw. Jaume-Collet Serra, welcher mit hinter der Produktion steckt, macht nur begrenzte Hoffnung auf etwas Spektakuläres, womit die letzte mögliche Überraschung und damit auch die Neugier eigentlich schon beim trockenen Blick auf das Projekt selber verglommen ist:
Berlin. Finanzier Matt Turner [ Liam Neeson ] wird von seiner anderweitig beschäftigen Frau Heather [ Embeth Davitz ] gebeten, diesen Tag ausnahmsweise die Kinder Zach [ Jake Champion ] und Emily [ Lilly Aspell ] zur Schule zu bringen. Auf der Fahrt, die schon in Streit losgeht und wo Matt eigentlich im Auftrag seines Vorgesetzten und Partners Anders Muller [ Matthew Modine ] wichtige Geschäftskontakte knüpfen bzw. halten muss, bekommt er plötzlich den Anruf eines unbekannten Mannes. Dieser warnt ihn, aufgrund einer platzierten Bombe unter dem Sitz weder das Auto zu verlassen, noch die Polizei zu rufen und auf seine diversen Forderungen einzugehen. Aufgrund bereits einiger Explosionsopfer in der Stadt, die alle im Zusammenhang mit Matts Firma stehen, wird seitens Europol Angela Brickmann [ Norma Dumezweni ] eingesetzt.
"The Singer Not The Song" haben die Stones gesungen, 1965 war das, Neeson ist Jahrgang '52, er wird nicht jünger, er wird nicht agiler, es wird der dritte Frühling nicht mehr kommen (es stehen noch einige Filme bereit und an, unter anderem die David Koepp Verfilmung Cold Storage und In The Land of Saints and Sinners; am Fleiß allein mangelt es nicht), es wird dem Alter Tribut gezollt, Experimente folgen keine mehr, es gibt auch ein Sequel, und mancherlei Ex-Häftlings-Plots. Aber es soll sich erst einmal konzentriert werden aufs hiesige Einsteigen und nicht mehr Aussteigen (dürfen), 90min Fahrt die Stadt, mit den (Enkel)Kindern an Bord und der Bombe im Gepäck.
Der Teufel steckt hier im Detail, zumindest in den ersten Bildern, und dass der Film ausgerechnet in Berlin auch spielt, wie Steig. Nicht. Aus! ist gleichzeitig Irrsin und wirft dennoch einen anderen, einen fremden Blick auf die Stadt als die Inszenierung des heimischen Alvart. Eine Explosion direkt vor dem Brandenburger Tor, die Straßen sind selbst für die frühen Morgenstunden leer, die Sonne geht jetzt auf, der Tag beginnt. Die Wohnung ist edel, dreigeschossig mindestens, sie ist geräumig, sie ist geschliffen, sie ist eher unpersönlich, Studio Babelsberg. Die Familie scheint dysfunktional, die Eheleute krachen miteinander zusammen, die Kinder untereinander, der Sohn mit dem Vater, wenig Verständnis und ein Auseinanderleben aller, was sich durch den ganzen Film dann zieht. Die Stadt selber wirkt künstlich, was nicht bloß, aber auch an den vielen Rückprojektionen liegt, ansonsten stets negative bis stockende Energie. Eine leere Motivationsrede und einen Blick in den Spiegel und man rollt in den Straßenverkehr.
Der Zünder ist da bereits aktiviert, das weiß der Zuschauer dieses Filmes, das kennt man von den 'Vorgängern', wenn man diese gesehen hat, so richtig gezündet hat der Film selber noch nicht und wird dies auch nicht. Die Regie ist durchaus angenehm, sie ist übersichtlich, sie lässt den Figuren etwas Raum zum Atmen, sie wirkt aber auch 08/15, nach Handbuch, sie ist etwas blässlich insgesamt und auch in den Bildern. Etwas spezieller wird man im zweiten Drittel, ausgelöst von der Verständlichkeit der Warnung, der zweiten Autobombe direkt gegenüber, dem zerrissenen Metall und dem schwarzen Krater im Asphalt, wo vorher noch ein Wagen mit mehreren Personen in nächster Umgebung stand. Darüber hinaus wird viel geredet und viel erklärt und Fragen gestellt und dennoch missverstanden, Ecken und Kanten werden zuweilen ausgebügelt, Kleinigkeiten verändert, Kritik an den Machenschaften sterilisiert; ein Katz-und-Mausspiel im babyblau, ein Lügengespinst, eine 20 Mio. USD teure Stadtrundfahrt mit Sicherheitsgurt, über weite Strecken auch eher ein schnödes Drama mit Rätseln als ein Thriller, ab und an mit Schauwerten wie einer längeren Verfolgungsjagd gegenüber einem Großaufgebot der Hauptstadtpolizei quer durch die Gefilde und Blockaden aufgestellt.