Fast 4 Jahre habe ich nach diesem Film gesucht. „Feindliche Übernahme - althan.com“ wurde Anfang 2001 im TV als DER deutsche Actionfilm schlechthin angekündigt. Als es dann im Februar zur Auswertung kam und der Film von der Presse verrissen wurde, verschwand er ganz schnell in der Versenkung und ward nie wieder gesehen. Columbia Tristar beließ ihn dann auch im Giftschrank, verzichtete sogar auf eine DVD- oder Videoveröffentlichung und überließ schließlich Pro 7 die Rechte – zumindest für eine TV-Ausstrahlung. 2004 ist es nun endlich soweit. Etwa ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk?
Mitnichten, denn „Feindliche Übernahme - althan.com“ präsentiert sich als eine aufpolierte TV-Produktion, die ihren Ansprüchen nie gerecht wird. Der leider inzwischen verstorbene Regisseur Carl Schenkel, der nach „Abwärts“ dem Ruf Hollywoods folgte, spätestens mit „Knight Moves“ sich jedoch eingestehen musste, keinen Erfolg in Übersee landen zu können, kämpft zwar redlich gegen das katastrophale Skript an, schafft es allerdings nicht mehr als nur einen maximal durchschnittlichen Thriller zu inszenieren.
Die Althan AG ist ein deutscher Energiekonzern, der weltweit Großstädte mit umweltfreundlichem Strom versorgen will. Zur Vorstellung des revolutionären Projekts wird auch eine Gruppe der draußen sich verbal Gehör verschaffenden Demonstranten eingeladen. Eine Gruppe Rechtsradikaler nutzt diese Chance, stürmt die Rechenzentrale, scheitert jedoch mit ihrem Sabotageversuch dank des beherzten Eingriffs von Sicherheitschef Robert Fernau (Thomas Kretschmann, „Blade II“, „Resident Evil: Apocalypse“). Das soll erst der Anfang gewesen sein...
Eine illustre Truppe stand Carl Schenkel für „Feindliche Übernahme - althan.com“ zur Verfügung. Der inzwischen in Hollywood Jürgen Prochnows Erbe des deutschen Bösewichts antretende Thomas Kretschmann kehrte nach seinem ersten Gehversuch „U-571“ wieder nach Deutschland zurück um einsilbig, pseudohart und überzogen cool den zum Helden avancierenden Sicherheitschef zu geben. Leider taugt er mit seiner unsympathischen Darbietung als Filmheld kaum. Désirée Nosbusch („High Explosive“) fällt eher zufällig in die Hände der Neonazis und hat nicht mehr zu tun als unter blassem Make-Up blutend in der Ecke zu liegen, Klaus Löwitsch („Firefox“, „Extreme Ops“) gibt eine brauchbare Leistung als knallharter Mentor und fehlgeleiteter Ex-Elite-Soldat, der blondierte Martin Semmelrogge („Das Boot“, „Die Straßen von Berlin“) ist als Einsatzleiter komplett fehlbesetzt und Thure Riefenstein („Romantic Fighter“, „Best of the Best: Without Warning“) ist als skrupelloser Handlanger während seiner kurzen Screentime immerhin brauchbar.
Die wirklichen Kalauer verstecken sich woanders. Da glauben die Neonazis doch wirklich, dass der Konzern sein Konzept nochmal überdenkt und die Kraftwerke in Deutschland baut, um hier Arbeitsplätze zu schaffen, wenn man die im Ausland in die Luft sprengt. Ein Glatzkopf ist by the way DAS lebende Klischee schlechthin!
Die Hintermänner entpuppen sich als DDR-Überbleibsel, anstatt mit einem Helikopter an das Gebäude zu fliegen, klettert man zig Stockwerke an der Außenfassade hoch, ein wenig über alte DDR-Freundschaften wird auch noch philosophiert und schließlich entpuppt sich die Chose auch noch als großer Börsenstreich. Eine oberflächliche Lovestory wird nebenher geknüpft und das väterliche Verhältnis von Lehrer und Schüler auf die Probe gestellt. Was hier alles an Motiven aufgefahren wird, würde der dümmsten Privatsendereigenproduktion zur Ehre genügen.
Nun ist Carl Schenkel aber kein Dilettant und kratzt sein ganzes Können zusammen. „„Feindliche Übernahme - althan.com“ ist von einem kühlen Blaustich geprägt. Die Kameraarbeit von Egon Werdin („Mute Witness“, „An American Werewolf in Paris“) ist für eine deutsche Produktion ungewöhnlich kreativ und der Score des inzwischen in Hollywood Karriere machenden österreichischen Komponisten Harold Kloser („The Day After Tomorrow“, „AVP: Alien Vs. Predator“) unterstützt die knifflige Besteigung des Gebäudes.
Eyecandy-Ideen, wie die Schwenks über die nächtliche Frankfurter Skyline, sind nett anzusehen, bisweilen, zum Beispiel hinsichtlich der CGI-Helikopter, auch etwas zuviel des Guten. Der Actionanteil fällt eher gering aus, denn der Adrenalinkick soll sich für den Zuschauer während der Kletterparty einstellen. Schenkel versteht es alles Potential aus der Situation zu kitzeln, lässt Personen abstürzen, inszeniert einen blutig endenden Zweikampf und stellt die Terroristen nebst Fernau vor ungeahnte Probleme, indem er eine Kaltfront aufziehen lässt, die sämtliches Klettergerät vereisen lässt. Das in luftiger Höhe statt findende Unterfangen lässt kaum Kritik zu – ist nur halt für einen als Actionthriller angekündigten Film leider zu wenig. Die sich zuspitzende Situation im Unterschlupf der Terroristen kann da nur marginal unterstützen...
Überraschungen hat „„Feindliche Übernahme - althan.com“ bis zum Finale dann auch keine mehr zu bieten, ist dafür unlogisch, unfreiwillig komisch, klischeehaft und wirkt wie aus Genreversatzstücken zusammengesetzt. Spätestens wenn Löwitsch sein „Bis zum letzten Mann“ hinausflüstert, ist man sich dessen gewiss. Ich will dem Film einen gewissen Unterhaltungswert gar nicht mal absprechen. Eine Zelluloid gewordene Schlaftablette ist er gewiss nicht. Die Action ist, für deutsche Verhältnisse, gut inszeniert und der Plot schreitet auch recht flott voran. Doch dieses extrem hirnlose Drehbuch ist schlicht und einfach ein Ärgernis. Meinetwegen hätte man dafür einiges zusammenstreichen können und dafür ein paar Schieße- und Kloppereien mehr im Film unterbringen können.
Fazit:
Auch wenn das verhunzte Skript den Unterhaltungsspaß deutlich trübt, kann man „Feindliche Übernahme - althan.com“ nicht in eine Reihe mit berühmtberüchtigten deutschen Actionkrepieren wie „Straight Shooter“ stellen. Dafür reißt Carl Schenkel den grenzdebilen Plot zu flott, professionell und schick herunter. Wer sich auf Action made in Germany einlässt, kann hier unterhalten werden.