Erträglicherer Haneke
Kulturpessimismus mag schön, gut und berechtigt sein. Auch Zivilsationskritik angesichts des gegenwärtigen Zustands der Welt mehr als angebracht. Auch wenn man die vorherigen "Zustände" dabei niemals außer Acht lassen sollte - so spreche ich als Historiker zumindest. Und Identität! Hanekes Konservatisimus ist nicht national und auch nicht geschlechterbezogen, sodass sogar vorgeblich linke Euro-Feministinnen damit viel anfangen können - dem Ökonomismus sei dank. Das Problem bei Michael Haneke ist, dass all das trotzdem höchst reaktionär daherkommt - kryptisch, versteckt, und dennoch nach dem Motto: früher war alles besser. Man kann altmodisch und nostalgisch sein - ich bin es selber, manchmal, aber bei Haneke ist alles trotz jeder vorgegebeneer Weltoffenheit immer mit Ressentiments verknüpft - vor allem gegen jede Form von Technik und Bildern. Früher, als es noch keinen Fernseher und kein Radio gab, als die (katholischen) Kirchen ständig gut gefüllt waren und man sich noch selbst Geschichten erzählt hat, als die Kleinfamilie noch funktionierte, früher, als der Rassismus noch wirklich kolonialbedingt war, früher als man in Rokkoko-Möbeln saß und mit ruhigem Gewissen andere für sich arbeiten lassen konnte. "Code: unbekannt" drückt das anhand eines strengen, aber dennoch vielfältigen Kaleidoskops der französischen Gegenwartsgesellschaft aus. Der episodenhafte Charakter macht diesen Film aber um einiges erträglicher - so kann sich die Kamera, welche sich bei Haneke immer selbst nicht traut, wenigstens nicht nur immer auch auf eine Seite schlagen. Es ist einfach nicht wahr,wenn Haneke in Interviews stets behauptet, dass er keine Antworten auf seine Fragen liefern wolle, und das Publikum selbst entscheiden solle: das ist höchst verlogen und perfide Heuchelei, das Gegenteil ist der Fall - er gibt auch hier nur be- und verurteilende Antworten, meistens sogar ausschließlich letztere. Fragen werden nicht gestellt.
Rating 4.5