Schlichtes Gesellschaftsportrait.
Wer Michael Haneke kennt, weiß, dass der Österreicher schon immer mit einem schlichten Filmstil, der oft nur von Andeutungen lebt, äußerst dramatische, provokative und bewegende Filme gedreht hat. Mit Werken wie "Funny Games" oder "Die Klavierspielerin" hat er sich meiner Meinung nach einen Platz gesichert in der Riege der wohl wichtigsten europäischen Autorenfilmer.
Auch hier, in einem scheinbar lose zusammengenüpften Teppich verschiedener Erzählfragmente offenbart sich sein genauer Blick fürs Detail. "Code: Unbekannt" ist eine Art Beobachtung (wie alle Filme Hanekes) verschiedener Gesellschaftsschichten, hauptsächlich in Paris. Dabei spielen eine Schauspielerin (gespielt von der genialen Juliette Binoche) und ihr Mann, ein Fotograf, die Hauptrolle. Zum Inhalt kann man wirklich wenig sagen, es sind viele Alltagssituationen dabei, die der ein oder andere nachvollziehen kann, da er sie vielleicht selbst erlebt hat.
Mit langen Kameraeinstellungen ohne Schnitt lässt Haneke seinen Schauspieler Entfaltung. Sein Drehbuch zeigt den Großstadtalltag von heute und überspitzt ihn ein wenig, aber nur, um dem Zuschauer gewisse Mechanismen vor Augen zu führen, die er sonst wohl übersähe. Die Macht der Äußerlichkeit etwa, die in diesem Film zu vielen Missverständnissen oder Eskalationen führt. Immer wieder wird das zwischenmenschliche Verhalten mit einem Schauspiel verglichen, die Grenzen sind teilweise nicht erkennbar.
Und der Zuschauer sieht sich in der Lage, die Handlungen der Akteure deuten zu müssen, genauso wie die Akteure selbst. Und es ist kompliziert, nicht immer möglich. Doch wird man so trotz der distanzierten Perspektive in den Film einbezogen und denkt darüber nach.
Ein Film wie dieser braucht seine Zeit, bis er wirkt, aber der konzentrierte Zuschauer wird mit perfekt inszenierten, grandios gespielten Situationen belohnt. Das "zivilisierte" Verhalten scheint lediglich ein ständiges (Fehl-)deuten und Vorspielen von angelernten Verhaltensmustern zu sein. Und so wird ab und zu auch ein Gegenkonzept gezeigt: Das einfache Landleben in Rumänien, wo man die "Zivilisation" nicht kennt und nicht braucht; Das Leben in Angst und auf das Nötigste reduziert, in den Krisengebieten im Nahen Osten. Jene scheinbar unwürdigen, bemitleidenswerten Lebensarten sind jedoch eine direktere, einfachere Alternative zum Krisengebiet Großstadt. 9/10.