John Kramer: Torture Porn-Robin Hood?!
Filmfan- und Horrorkinder der 00er-Jahre hat „Saw“ geprägt wie kaum ein anderes Phänomen. Das Original war ein Gamechanger und kann mal ganz getrost als moderner Klassiker genannt werden. Und „Saw III“ z.B. war nicht nur der erste Film „ab 18“ den ich im Kino sehen konnte (bzw. mich irgendwie reinschmuggelte), sondern ist auch einer meiner persönlichen Guilty Gore Goodies. Zu seiner Hochzeit war ein neuer „Saw“-Teil im Oktober ein absolutes Event, das weit über die Horror- und Torture Porn-Nische hinausging und als eine wahre, weltweite Gelddruckmaschine bezeichnet werden durfte. Erst recht weil die Dinger allesamt recht kostengünstig produziert wurden und werden. Doch spätestens mit dem deutlich entfernten Ableger „Spiral“ war vor ein paar Jahren ein Tiefpunkt erreicht, von dem sich selbst eine solche Marke nur schwer erholen kann. Doch Horrorikonen sterben nunmal nicht - oder es werden zumindest reanimierende Wege gefunden - sodass die Reihe nun mit „Saw X“ doch noch zweistellig wird und ein weiteres Mal den Nachbrenner anschmeisst. In einem Prequel, das zwischen den beiden ersten Teilen angesiedelt ist und Kramers Kampf gegen den Krebs und das System zeigt - natürlich mal wieder mit perfiden „Spielchen“, die einiges an Blut und Körpersaft von seinen Opfern fordern…
Das böse, böse System…
Ist „Saw“ trotz gemischter Qualität eine der besten Horrorreihen aller Zeiten? Ja, klar, warum nicht. Wirklich besser, homogener oder schlechter als etwa Freddy, Chucky, Jason oder Pinhead ist John Kramers Reise und Vermächtnis sicher nicht. Überall gibt es Ausfälle und Tiefpunkte. Das ist man als Horrornerd gewöhnt und gewinnt über die Zeit vielleicht ja sogar schlechteren Ablegern noch etwas ab. Doch „Saw X“ ist zum Glück gar nicht übel und darf getrost als einer der besseren, belebenderen Parts dieser Mythologie bezeichnet werden. Mit über 100 Minuten vielleicht etwas zäh und lang. Doch im Grunde tut ihm diese Ruhe, Gelassenheit, Wut im Bauch, Konzentration auf die Figuren und seine Rachephantasien gut. John Kramer bzw. Tobin Bell heißt man immer gerne willkommen zurück. Die Fallen sind fies und saftig fast wie zu besten Zeiten, selbst wenn natürlich der Wow-Effekt von damals verpufft und mittlerweile quasi nonexistent ist. Übliche Easter Eggs und kleineren Fanservice gibt’s natürlich, ist aber nicht Hauptaugenmerk. Man könnte „Saw X“ sogar ohne Vorwissen nahezu komplett verstehen und „genießen“. Alle „Saw“-Filme sehen meiner Meinung nach teurer aus als sie sind/waren, „Saw X“ ist da keine Ausnahme. Und einfach mal gegen Industrien, Konzerne oder das System an sich nach oben zu schießen, damit trifft man momentan natürlich einen Nerv. Selbst wenn „Saw X“ in dieser Beziehung sogar einen doppelten Boden hat und fast als subversiv durchgehen könnte. Insgesamt hat „Saw X“ weitaus mehr auf dem Kerbholz als man denkt und schon Daseinsberechtigung - sei es nur als Lückenfüller, Fansnack, Rückblick oder Best Of. Man hat eben nahezu schon alles in der Reihe und von Nachahmern gesehen - von OPs bei vollem Bewusstsein am offenen Hirn bis zu Gedärms als Seilzeug, von zerquetschten Extremitäten bis zur lebensgefährlichen Selbstgeisselung.
Kapitalismuskritik trifft Kotztüte
Franchiseratings (Update)
Saw - 9,5/10
Saw II - 7/10
Saw III - 8/10
Saw IV - 6,5/10
Saw V - 5,5/10
Saw VI - 6,5/10
Saw VII/3D - 4,5/10
Jigsaw - 6/10
Saw: Spiral - 3,5/10
Saw X - 6/10
Fazit: gemächlich und… ganz gut? „Saw X“ ist eine überraschend durchdachte und schlüssige „Jubiläumsausgabe“ einer Horrorlegende. Einer der besseren Teile der Reihe. Moralisch, in der Interpretation von Kramers Charakter und gesellschaftskritisch zwar fragwürdiger denn je, außerdem braucht er durchaus Anlaufzeit und macht als Prequel den Braten jetzt auch nicht mehr fett. Dennoch wird „Saw X“ zumindest Fans des Franchises glaube ich nicht enttäuschen. Ist sogar erstaunlich charakterbezogen und nicht nur ein reines Fallenfest.