Ich gehe jede Wette ein, dass sich die Macher der beliebten SAW-Reihe nicht nur einmal in den Allerwertesten gebissen haben dürften, weil Sie die berühmt berüchtigte Hauptfigur John Kramer (Tobin Bell), den Fallenschlächter mit seiner ganz eigenen Auffassung von Gerechtigkeit, am Ende des dritten Teils haben sterben lassen. So konnten Sie das Franchise-Aushängeschild, dass mittlerweile mit anderen Horror-Ikonen wie Freddy, Jason und Michael Myers in einem Atemzug genannt werden kann, in den folgenden fünf Teilen nur noch in Rückblenden bzw. Alternativkonstrukten zeigen. Dass das Publikum mehr oder weniger nur Kramer sehen will, sah man unter anderem auch an den Resonanzen zum letzten Output der Reihe, dem katastrophalen Saw: Spiral (2021), der mit dem nur schwer zu ertragenden Dampfplauderer Chris Rock als Cop und mit einem inspirationslosen Nachahmungstäter den bisher geringsten Kinoumsatz (weltweit nur 40 Millionen Dollar) für einen SAW-Film erzielte. Aus Schaden wird man klug, so kehrte für den im September 2023 erschienenen Saw X Tobin Bell in seiner Paraderolle zurück und das gar nicht mal so schlecht: Obwohl gewisse Abnützungserscheinungen des Konzeptes und die ein oder andere Unglaubwürdigkeit nicht von der Hand zu weisen sind, liefert dieser mittlerweile nun zehnte Teil genau das, was der Zuschauer sich erhofft: Krämers blutige Überlebensspielchen gepaart mit einer wendungsreichen Geschichte, die seinen Charakter wieder in den absoluten Mittelpunkt des Geschehens rückt.
Um das sinkende Saw-Schiff wieder in sichere Gewässer zu geleiten, nahm Kevin Greutert auf dem Regiestuhl platz. Josh Stolberg und Peter Goldfinger, die Autoren der beiden vorangegangenen Auskoppelungen Jigsaw (2017) und Spiral (2021), lernten aus ihren Fehlern und fertigten das Drehbuch von Saw X mit der Prämisse an, John Kramer wieder zurückzubringen. Das gelang ihnen dadurch, dass sie von der Timeline her direkt an den legendären ersten SAW-Film anknüpften, so dass sich die Story zwischen Saw 1 und Saw 2 abspielt. Durch einen Zufall erfährt der an einem Hirntumor erkrankte, altersschwache und gekennzeichnete John Kramer (Tobin Bell) in einer Selbsthilfegruppe von einer neuen Krebsbehandlung, die in Mexiko stattfinden soll und die Chance auf vollkommene Heilung verspricht. Voller Hoffnung begibt er sich zu dem kostspieligen Experiment. Als er nach dem vermeintlichen Eingriff schockiert bemerkt, dass alles nur ein riesengroßer Betrug war, ist der selbsternannte Moralapostel und Serienmörder wieder zurück: Er greift sich die verantwortlichen Scharlartane und zerrt sie vor sein eigenes, blutrünstiges Gericht...
Auch wenn die Einleitung dieses Mal für einen SAW-Streifen ungewöhnlich lange dauert und nicht ganz frei von der einen oder anderen Länge ist, erfüllt sie seinen Sinn und manipuliert im Prinzip die emotionale Haltung des Publikums dem Jigsaw-Killer gegenüber: John Kramer, der Jenige, der Menschen nach seinen eigenen Moralvorstellungen in sadistischen Todesspielen hinrichtet, wird als armer kranker, betrogener Mann manifestiert, wodurch sein nachfolgender Rachefeldzug in einem ganz anderen Licht steht. Die Entwicklung von der mordenden Bestie zum benachteiligten, sympathisierten Racheengel aká Death Wish und Konsorten steht der Figur John Krämer jedenfalls gut und lässt ihn beinahe schon als Helden da stehen. Dabei ist die bewusst betriebene Schwarz / Weiss Zeichnung unübersehbar, wenn Hoffnung und Harmonie der totalen Enttäuschung weichen müssen und sich die angeblichen Heilsbringer als hinterlistiges, geldgieriges Pack entpuppen, was mit der extra fies gezeichneten Drahtzieherin schonungslos auf die Spitze getrieben wird. Darüber hinaus spielt SAW X die moralischen Diskrepanzen der unterschiedlichen Parteien gekonnt gegeneinander aus, in dem die Frage in den Raum geworfen wird, was schlimmer ist: Die ohne Rücksicht auf Verluste durchgeführte Selbstjustiz oder die egoistische Betrugsmasche auf dem Rücken todkranker Menschen.
Danach könnte man pauschal sagen, dass alles weitere fast wie immer ist: Nacheinander müssen die in einer großen Halle gefangenen Übeltäter in ihren eigenen persönlichen Foltervorrichtungen, die mit hemmungsloser Gewalt für splattrige Tatsachen und schmerzhaftes Blutvergießen sorgen, um ihr Leben kämpfen, während personelle Veränderungen bei den Bösewichten neue Gegebenheiten spannungsfördernd etablieren und auch die finale Entscheidung nicht ohne Überraschung über die Ziellinie kommt. Die Fallen sind wie gewohnt hundsgemein und eine realistische Chance, die teils comicartig überzeichneten Herausforderungen zu überleben, erhält eigentlich kaum jemand. An einigen Spitzen wird es sogar richtig unglaubwürdig, wenn ein Proband beispielsweise dazu gezwungen wird, sich selbst die Schädeldecke zu öffnen und Teile von seinem Gehirn zu entfernen. Nichtsdestotrotz übertüncht der relativ hohe Unterhaltungswert die aufkommenden Logikdiskrepanzen zufriedenstellend, so dass Saw X fast über die gesamte Zeit seine Zuschauer bei Laune halten kann. Auch handwerklich halten Greutert und sein Team an den Franchise üblichen Stilmitteln fest: Technisch einwandfrei realisierte Blut- und Splattereffekte, eine aufdringliche, überlaute, dramatische Soundkulisse und schnelle Schnitte bringen den Wahnsinn auf die Leinwand, der vom Härtegrad her noch eine ganze Spur zeigefreudiger ist als die beiden direkten Vorgänger, aber nicht mit dem Gewaltlevel der Teile 3 und 4 mithalten kann.
Greifbar ist auch der Mehrwert, den Tobin Bell mit seiner Rückkehr für die SAW-Marke bedeutet. Abgesehen von seinem Charisma hat er nun auch den Vorteil, dass er mittlerweile knapp 80 Jahre alt ist und sein Auftreten als von der Krankheit mitgenommener Krebspatient noch glaubwürdigerer erscheint. Gerade in der ersten Hälfte, als ruhige und emotionale Momente eine gewaltige Rolle spielen, läuft er zur Höchstform auf, was jetzt aber nicht heißt, dass er im zweiten Abschnitt, wenn er wie gewohnt Richter und Henker in einer Person ist, nicht überzeugen würde. Neben Bell kehrt auch ein weiteres Franchise-Urgestein zurück, Shawnee Smith als Krämers Assistentin Amanda, die ihm bekanntermaßen bei der Durchführung der Todesspiele hilft und ebenfalls eine ordentliche Vorstellung abliefert. Bei den "Antagonisten" spielt sich vor allem Synnove Macody Lund in den Vordergrund, welche die skrupellose, geldgierige, rücksichtslose Möchtegern-Doktorin mit den zwei Gesichtern evident verkörpert. Dabei ist es faszinierend, wie nachhaltig sie doch den Wandel vom herzensguten Engel zur falschen, gewissenlosen Schlange hinbekommt. Ansonsten haben wir das typische, klischeekonform zusammengewürfelte Kanonenfutter, das von solide auftretenden Darstellern gespielt wird, die schauspielerisch keine Bäume ausreißen, was sie aber für ihre Bestimmung auch nicht tun müssen.
Überflüssig ist es, Saw X seine Routinen und seine fehlende Exklusivität vorzuwerfen, was aber bei einer neunten Fortsetzung auch keine Überraschung sein dürfte. Saw X wärmt das, was die Serie berühmt gemacht hat, nochmals unterhaltsam auf und hält sich dabei zu 100 % an das bewährte Erfolgsrezept, da man aus den Fehlversuchen anderer nicht ganz so überzeugender Fortsetzungen gelernt hat. Wer auf der Suche nach Neuem ist, wird bei Saw X nicht fündig werden. Wer einen grundsoliden SAW-Streifen mit zufriedenstellenden Standardmechanismen sucht, ist hier an der richtigen Adresse. "Hallo zusammen. Es ist Zeit, ein Spiel zu spielen!" MovieStar Punkte: 7 von 10 Punkte.