Ein Raum im Obergeschoß eines leerstehenden Bürogebäudes ist der Ort, an dem der titelgebende Killer (Michael Fassbender) sich nun schon seit mehreren Tagen auf den großen Augenblick vorbereitet. Mit sich wiederholenden Monologen (Halte dich an den Plan. Vertraue niemandem. Kämpfe nur den Kampf, für den Du bezahlt wirst. Halte dich an den Plan.) diszipliniert der drahtige Mittvierziger sich selbst bzw. eventuell aufkommende Langeweile oder Nervosität, zieht sein unauffälliges Tagwerk inklusive einiger Yoga-Übungen durch und zeigt auch keine Regung, als es dann endlich soweit ist: die Zielperson in einer Suite des gegenüberliegenden Hotels ist eingetroffen.
Der ältere Mann, eventuell ein Politiker oder Firmenboss, hat gerade Platz genommen und befindet sich bereits im Visier des Auftragsmörders, als eine Prostituierte den Raum betritt. So wenig dies die Konzentration des lauernden Schützen beinträchtigt, so schicksalhaft erweist sich dann die Anwesenheit der Dame, die quer durch die Suite spaziert und sich dabei justament die Kugel einfängt, die eigentlich als Kopfschuß für den männlichen Gast gedacht war. Doch nicht einmal dieses Mißgeschick kann den Killer aus der Ruhe bringen, der seine vorbereitete Flucht per Motorroller antritt und unerkannt verschwindet. Aber der Fehlschuß hat dann doch Konsequenzen, denn der unbekannte Auftraggeber möchte wegen der mangelhaften Ausführung auch gleich den Schützen aus dem Weg räumen, wie dieser nach einem Besuch seines Domizils in der Karibik feststellen muß: seine Lebensgefährtin liegt im Krankenhaus. Zwei Personen, von denen die eine wie ein Wattestäbchen aussah, reichen als Beschreibung, und flugs hat der Auftragskiller ein neues Ziel, dem er sogleich auf die Spur zu kommen beschließt...
Regisseur David Fincher war u.a. mit Se7en (1995) und Fight Club (1999) bereits zur lebenden Legende geworden und dementsprechend hoch waren die Erwartungen an seinen neuesten Thriller, den er unter dem unglaublich einfallsreichen Titel The Killer für den Streaminggiganten Netflix produziert hat.
Das auf einer Comic-Vorlage beruhende Werk, von dem der Regisseur sagt, diesen Stoff umzusetzen sei schon seit vielen Jahren ein Herzenswunsch, gliedert sich in mehrere Kapitel, in denen der betont übercoole Auftragskiller langsam aber sicher mit seinen gebetsmühlenartig vorgetragenen eigenen Vorsätzen brechen muß, um am Ende zu überleben. Ja, hätte er halt nicht danebengeschossen, mag man sich denken, denn der nicht geglückte Anschlag kostete im Nachhinein eine ganze Menge Leute dann doch noch das Leben.
The Killer ist ein eigenartiger Streifen, der fast ausschließlich von der inneren Stimme seines Hauptdarstellers lebt, die dessen Gefühlswelt emotionslos bis lakonisch beschreibt und somit das nachfolgende Geschehen auf der Leinwand einleitet. Nicht immer gelingt es dem Protagonisten, die lässige Attitüde beizubehalten, oftmals muß er gegen seine Leitmotive handeln.
Es gibt nur sehr wenig Dialoge im eigentlichen Sinn, dafür eine Ansammlung von Handlungsorten (New York, dominikanische Republik, Paris, Chicago etc.), in denen der Killer nach einer höchst akribischen Vorbereitung jeweils bestimmte Aufgaben zu lösen hat. Mit diversen Identitäten und stets verändertem Aussehen gelingt ihm dies freilich jedesmal spielend, gerade ein einziges Mal muß er sich wirklich prügeln.
So beeindruckend dieses Psychogramm eines eigenwilligen Auftragsmörders ausgefallen ist, so wenig Hintergrundinfos gibt es zur Hauptfigur an sich oder zu den einzelnen Beteiligten. Auch fehlt jeglicher Kontext zu Motiven, zu polizeilichen Ermittlungen, zum Honorar, zu Konkurrenten, zu früheren Aufträgen oder irgendeiner Lebensplanung des Killers. Und das ist inhaltlich dann schon ein bißchen sehr wenig für einen fast 2 Stunden langen Film, auch wenn sich Michael Fassbender für seine gelungene Darstellung die Bestnote verdient.
Darüberhinaus wollten sich mir zwei (sehr unterschiedliche) Dinge nicht erschließen: zum einen hört der Killer vor allem in der ersten Filmhälfte exzessiv über Kopfhörer Popmusik der britischen Gruppe The Smiths. Wieso drängt sich deren (textlich wie musikalisch) belangloses Gedudel akustisch so oft in den Vordergrund? Es bleibt ein Rätsel.
Der zweite Punkt, für mich wirklich ein Knackpunkt, ist der Fehlschuß selbst: fast 20 Minuten lang bereitet der Streifen auf diesen ersten Höhepunkt vor, und statt dem sitzenden Herrn, der ein gutes Ziel abgibt, trifft der salbadernde Killer dann ausgerechnet die Domina! Hallo, wo bleibt der Nachschuß? Das Malheur wäre fast ohne zeitlichen Verzug sofort zu lösen gewesen mit ein, zwei Nachschüssen, stattdessen beschließt der hochdotierte Killer, Fersengeld zu geben. Höchst unrealistisch, wenn auch vielleicht der Comic-Vorlage geschuldet.
Fazit: von seiner Arthouse-Machart her durchaus sehenswert hat der mit zunehmender Laufzeit repetitive Streifen, der auf ein furioses Finale verzichtet, inhaltlich kaum etwas zu bieten, was eine Zweitsichtung begründen würde. Gemessen an früheren Fincher-Werken ist The Killer somit fast schon eine Enttäuschung. 5 Punkte.