Ein Bekenntnis zur Durchschnittlichkeit
Es gehört schon eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein – oder milde Hybris – dazu, wenn man sich an „Der Exorzist“ wagt. An DEN Exorzist. Jenen Film aus dem Jahr 1973, der nicht einfach ein Genre definierte, sondern ein kulturelles Erdbeben auslöste, das bis heute nachhallt. Jahrzehntelang galt er als unantastbar, als eine Art heilige Schrift des Horrorkinos. Und dann kommt David Gordon Green daher, frisch vom Erfolg seiner Halloween-Trilogie, deren Anfang vielversprechend war, aber spätestens mit dem letzten Teil sichtbar ins Straucheln geriet. Mutig? Vielleicht. Reckless? Vermutlich eher. Man könnte meinen, er hätte daraus gelernt, bevor er sich an den nächsten Horror-Monolithen wagt. Man könnte es meinen. Doch „Der Exorzist – Bekenntnis“ beweist das Gegenteil.
Was hier über die Leinwand krabbelt, kriecht und kreischt, ist leider kein diabolisches Meisterwerk, sondern eher ein schlapper Abklatsch, der an vielen Stellen so zahnlos wirkt, dass selbst der Teufel vermutlich gelangweilt gähnt. Green liefert keinen mutigen Reboot, keine moderne Neuinterpretation – sondern einen Film, der aussieht, als habe man ein „Exorzismus-Horrorfilm“-Checklistendokument abgearbeitet, ohne je zu fragen: Warum? Oder zumindest: Könnte man das nicht besser? Wer hier nach existenzieller Verdichtung, metaphysischem Grauen oder der unheimlichen Vehemenz des Originals sucht, wird sich rasch dabei ertappen, etwas anderes zu finden: gepflegte Langeweile. Denn so sehr sich der Film um Ernsthaftigkeit bemüht – er bleibt im Kern ein Werk ohne Zähne.
Im Zentrum stehen diesmal zwei besessene Mädchen – ein Setup, das theoretisch gewaltiges Potenzial bietet. Zwei Seelen, zwei Familien, zwei Schicksale, zwei religiöse und psychologische Frontlinien, doppelte Intensität, doppelte Fallhöhe: ein dramaturgischer Jackpot. Doch Green schafft es, diesen Ansatz bemerkenswert wirkungslos zu verheben. Die Story verspielt ihre Stärken bereits in der ersten Hälfte, weil sie weder tief genug gräbt, um emotional zu fesseln, noch atmosphärisch verdichtet genug ist, um echte Beklemmung zu erzeugen. Stattdessen breitet sich ein braves Exorzismus-Plotkorsett aus, das man so – und deutlich besser – schon unzählige Male gesehen hat: verschwundene Kinder, mysteriöse Ohnmachtsanfälle, religiöses Flüstern, dämonische Fratzen - all jene Szenen, die man kennt, seit Linda Blair einst die Filmgeschichte besudelte. Nur eben ohne deren Wucht. Ohne deren Mut. Ohne deren Seele. Und das ist ironisch, denn genau darum sollte es hier eigentlich gehen.
Das Drehbuch wirkt, als sei es in der Rohfassung geschrieben und dann einfach nie wieder angefasst worden. Die Dramaturgie ist vorhersehbar wie das Amen in der Kirche. Innovation? Fehlanzeige. Es ist fast, als habe Green Angst davor gehabt, der Vorlage zu nahe zu treten – nur um gleichzeitig nie wirklich zu verstehen, was die Vorlage eigentlich ausmachte. Man kann dem Skript zugutehalten, dass es nicht katastrophal schlecht ist. Aber „nicht schlecht“ reicht eben nicht, wenn man am Thron eines Klassikers sägt. Typische Exorzismus-Momente werden abgefeuert wie Pflichtaufgaben, und anstatt etwas Eigenes zu schaffen, wirkt der Film wie ein konservativer Aufguss eines Genres, das längst mutigere Visionen gesehen hat. Die entscheidende Frage – Was macht dieses Werk zu einem unverwechselbaren Beitrag im Jahr 2023? – bleibt unbeantwortet.
Zwischen Ehrfurcht und Einfallslosigkeit
Wenn man „Der Exorzist“ sagt, meint man Atmosphäre. Dunkelheit. Schmutz. Transzendenz. Ein Gefühl, das unter die Haut kriecht. „Bekenntnis“ hingegen ist so vorsichtig inszeniert, dass man sich fragt, ob das Studio vielleicht Angst hatte, das Publikum könne sich erschrecken. Die Szenen, die unheimlich sein sollten, sind maximal „nett gruselig“. Nichts ist wirklich verstörend, nichts nachhaltig. Die Bilder haben wenig von jener bedrückenden Gravitation, die das Original auszeichnete. David Gordon Green scheint sich kaum zu trauen, eine wirkliche Dunkelheit zuzulassen. Die Bildräume sind oft zu sauber, zu klinisch, zu gut ausgeleuchtet. Dieser Film will niemandem wehtun – und genau darin liegt sein größter Fehler. Horror muss wehtun dürfen. Horror muss Grenzen testen. Horror muss etwas wagen. Green jedoch scheint sich ständig selbst zurückzunehmen. Das Ergebnis ist ein weichgespülter, beinahe sterile Anmutung, die an Horror-Light erinnert.
Intensität gibt es hier nur in homöopathischen Dosen. Die Exorzismus-Szenen, die das emotionale und dramaturgische Herz des Films bilden sollten, sind erschreckend – im Sinne von erschreckend banal. Kein Moment wirkt monumental, kein Ausbruch episch, kein Konflikt elektrisierend. Während der großen Exorzismus-Sequenz fragt man sich tatsächlich, ob Green jemals verstanden hat, was Exorzismus-Szenen überhaupt effektiv macht: Sie sind psychologische Kriegsführung. Sie sind metaphysische Dramen. Sie sind Glaubenszerreißproben. Doch hier wirken sie wie die Pflichtnummer einer Schulaufführung, brav, sauber, unauffällig. Lame – anders kann man es nicht nennen. Die Halloween-Trilogie zeigte zumindest in ihren stärksten Momenten, dass Green durchaus ein Gefühl für Spannung und Rhythmus hat. Hier hingegen scheint er jeden Mut verloren zu haben. Als wäre die bloße Existenz eines Franchise-Namens genug, um Atmosphäre zu erzeugen. Spoiler: ist es nicht.
Einige Einstellungen funktionieren, gerade die Close-ups der Mädchen haben Kraft. Aber die Bildgestaltung wirkt selten ikonisch, selten memorable, selten mutig. Die beiden beiden jungen Darstellerinnen sind ohne Frage das Glanzstück des Films. Ihr Spiel ist präzise, bedrückend, glaubhaft – ein Lichtblick in einer Inszenierung, die ihnen zu selten die Bühne gibt, die sie verdienen. Die Erwachsenen sind solide, aber die Figuren sind underwritten, die Dialoge nicht kraftvoll genug, die emotionale Tiefe bleibt begrenzt. Aus diesem Ensemble hätte man so viel mehr herausholen können.
Fazit
„Der Exorzist – Bekenntnis“ ist ein enttäuschendes Underachievement. Ein Film, der sich nicht traut, der zu viel Respekt vor seiner Vorlage hat, um wirklich Neues zu wagen, und gleichzeitig zu wenig Gespür für das Genre besitzt, um dessen Essenz überzeugend zu bedienen. Nachdem David Gordon Green mit seiner Halloween-Trilogie bewiesen hat, dass er durchaus Horror kann – zumindest zeitweise – liefert er hier einen Rohrkrepierer ab, der erschreckend vorsichtig, zahm und unmutig wirkt. Was bleibt, ist ein Film, der nicht gruselig ist, nicht spannend, nicht atmosphärisch. Er hakt das Genre ab, ohne etwas beizusteuern. Am Ende bleibt nur die Erkenntnis: Green versteht die Grundlagen des Horrors offenbar nicht tief genug, um einem Mythos wie „Der Exorzist“ gerecht zu werden. Die geplante Trilogie wurde inzwischen auf Eis gelegt – eine Entscheidung, die künstlerisch wohl gesünder ist als jeder Exorzismus.