Gespensterschiffe
Es kommt nicht an die Popularität des Spukhauses heran, ist aber doch fester Topos des Phantastischen: das Schiff, auf dem es umgeht. Ob Fliegender Holländer, Wilhelm Hauffs "Geschichte von dem Gespensterschiff" (1825), Frederick Marryatts "The Phantom Ship" (1839), die Mary Celeste, Francis Marion Crawfords "The Upper Berth" (1886), die Überfahrt auf der Demeter in Bram Stokers "Dracula" (1897), William Hope Hodgsons maritime Schauergeschichten, Richard Middletons "The Ghost Ship" (1912) oder gegenwärtige Horror-Reißer wie Darcy Coates' "From Below" (2022): Beispiele finden sich zuhauf. Auch die Filmgeschichte ist voll davon. "Mystery of the Mary Celeste" (1935) mit Bela Lugosi, John Carpenters "The Fog" (1980), der originelle Bermuda-Dreiecks-Mystery-Sci-Fi-Thriller "Triangle" (2009) oder der Blockbuster "Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales" (2017) gehören zu den überzeugenderen Abwandlungen, derweil sich das Gros solcher Filme bestenfalls im Mittelmaß bewegt: "El buque Maldito" (1974), "Death Ship" (1980), "Mary" (2019) oder "Haunting of the Mary Celeste" (2020) ebenso wie Steve Becks "Ghost Ship" (2002), der damals nach Becks "13 Ghosts" (2001) erneut an den Erfolg von William Malones "House on Haunted Hill"-Remake "Haunted Hill" (1999) und den kurzen Spukhaus-Boom anknüpfen sollte.
Die Nähe zwischen Gespensterschiff und Spukhaus liegt auf der Hand und das Gespensterschiff scheint zunächst automatisch bloß ein Spukhaus auf hoher See zu sein. Eine Annahme, die man noch schneller zu haben geneigt ist, wenn sich ein Schiffswrack auf dem Meeresboten (wie in "From Below") oder ein längst geflutetes, versunkenes Haus (wie in Alexandre Bustillos und Julien Maurys "The Deep House" (2021)) zum Vergleich anbieten.
Stärker noch als das Spukhaus fasert das Gespensterschiff jedoch in alle Richtungen aus: Hier sind der unheimliche, klar begrenzbare Ort und die Figur des Reisenden gleichermaßen anzutreffen; der Fliegende Holländer ist – wie Melmoth oder Ahasverus – ein Wanderer; wobei Kapitän und Schiff so sonderbar verschmelzen, wie es in Spukhaus-Stoffen üblich ist. Darin liegt der eigentliche Kern des Gespensterschiff-Stoffes: die Sehnsucht nach einem Unbekannten oder Unerreichbaren (als Auslöser des ganzen Spuks) und/oder die Suche nach Erlösung auf schier ewiger Reise (als Symptomatik des Spuks). Und zugleich findet man die permanente Wiederholung vergangener Schrecken, die in guter Spukhaus-Tradition wieder und wieder durchgespielt werden. Dabei können Gespensterschiffe voll und ganz gespenstisch sein – durchsichtig, schemenhaft (wie der Fliegende Holländer bei Charles Temple Dix) oder über der Wasseroberfläche schwebend (wie der Fliegende Holländer bei Carl Barks) –, was eher den Charakter von Sehnsucht und Suche kräftigt, oder bloß (wie in "The Upper Berth") in einem Teil ihrer Räumlichkeiten von einem gespenstischen Wesen heimgesucht werden, dessen Schicksal eng mit dem betreffenden Raum verknüpft ist (was eher den Spukhaus-Charakter stärkt). Das Gespensterschiff kann aber auch (sogar gänzlich ohne jede Phantastik) auch einfach ein schlicht gänzlich verlassenes, menschenleeres, entvölkertes Schiff sein, das unheimlich still über die Gewässer treibt: Hier öffnet sich ein Subgenre dann auch für weitere Subgenres oder gar gänzlich andere Genres. In Stokers "Dracula" – oder in Murnaus "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" (1922) oder jüngst in André Øvredals "The Last Voyage of the Demeter" (2023) – ist die Demeter eher der Ort einer gänzlich externen Heimsuchung, so gespenstisch sie gerade auch bei Murnau erscheinen mag, der man aber eben auf offener See noch weniger entkommen kann als den obligatorischen Schrecken in einem gewitternächtigen old dark house... Und schließlich ist das Schiff auch noch umgeben von der erschreckenden Übergröße des Ozeanischen und seinen eventuellen zusätzlichen, handgreiflicheren Bedrohungen, wobei auch hier über Stoffe wie Alma Katsus Roman "The Deep" (2020) oder Sebastian Gutierrez' American Intwernational Pictures-Hommage "Mermaid Chronicles Part 1: She Creature" (2001) allmählich ein Bogen geschlagen wird zu ganz gewöhnlichen Schiffen, denen ein externes Grauen – aber eben maritimes Grauen, unheimliches Seemannsgarn, von Riesenkraken über Seehexen und Meerjungfrauen bis zu lovecraftschen Wesenheiten – bevorsteht: bis hin zu kaum noch phantastischen Abenteuergeschichten, gewissermaßen aufgehend in den "Schrecken der Meere", die Adrian Baar 1976 in einer lesenswerten Anthologie zusammengestellt hatte.[1]
Queen Mary: Bröckelnder Glamour
In William Wylers "Dodsworth" (1936) war sie glanzvoller Schauplatz und Attraktion eines Films, der mit seiner Seriosität und erlesenen Qualität, die schon damals in Hollywood ihresgleichen suchte, im Gegenzug auch sie adelte: Die Queen Mary – gerade erst im Mai 1936 vom Stapel gelaufen – mauserte sich schnell auch zum ihrerzeit schnellsten Passagierschiff samt Blue Riband-Ehrung, was zur Größe und dem prächtigen Art déco-Interieur noch das gewisse Etwas hinzufügte. Dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm der Transporteinsatz der Queen Mary, die in einen verheerenden Unfall verwickelt wurde und befehlsbedingt nicht für einen doch eigentlich so nötigen Rettungseinsatz zur Verfügung stand; kurz darauf folgte eine beinahe katastrophale Konfrontation mit einer zerstörerischen rogue wave, welche die Vorlage für "The Poseidon Adventure" (1969) samt seiner Verfilmungen abgeben sollte.
Zwar folgte nach Kriegsende nochmals eine neue Glanzzeit, aber nach und nach büßte die Queen Mary ihren Geschwindigkeitsrekord, dann auch ihre Rentabilität ein. An Halloween 1967 legte sie letztmalig ab, um schließlich vor Long Beach als Touristenattraktion Karriere zu machen: Die Stadt kaufte das Schiff im selben Jahr auf, um es als Mischung aus Hotel, Restaurant und Museum einzusetzen. Und etwa 1½ Dekaden später beginnen sich Gerüchte um das einstige Passagierschiff mit seiner teils glanzvollen, teils tragischen Geschichte zu ranken. Gerüchte, die man bald auch in quasi hauseigenen Grusel-Touren nährte und ausschlachtete zugleich, derweil man nun am ehesten zur Staffage für Schwachsinn à la "Ghost Hunters" (2004 ff.) taugte.[2]
Im Rahmen der Pandemie – nunmehr in finanzieller Hinsicht – abermals in schwere Fahrwasser geraten, kam ein schon 2013 – unter anderem vom umtriebigen, aber nur bedingt talentierten Drehbuchautor Gary Dauberman – angestrebtes Filmprojekt gerade recht, welches nun auch als Trilogie daherzukommen droht(e).
Haunting of the Queen Mary
An das Artwork von "Death Ship" und "Ghost Ship" lehnt sich das Artwork von "Haunting of the Queen Mary" deutlich an. Versprochen wird also ein klassischer Gespensterschiff-Stoff, in dem das Schiff nicht bloß zufällige Kulisse, sondern eng mit einem Unheil und seinen fatalen Folgen verknüpft ist, welche des Schiffes bedürfen, um sich bedrohlich zu entfalten.
"Haunting of the Queen Mary" will aber – und das wäre erst einmal positiv hervorzuheben – keine reine Geisterschiff-Mär unterbreiten, sondern auch dem Werdegang der Queen Mary Rechnung tragen und widmet sich seiner realen Vorlage dann auch gleich auf (mindestens) zwei Zeitebenen: der Queen Mary, bevor und nachdem sie in den Ruf kam, dass es auf ihr umgehe; und der Queen Mary in ihren frühen Jahren als Passagierschiff sowie der Queen Mary in ihren späten Jahren als Hotel. Mit der Rolle eines Hotels, eines nicht wieder auslaufenden Schiffes, wird die Queen Mary ohnehin schon recht nah an den Spukhaus-Film gerückt – was schon 2013 anklang, als die Rede davon war, einen "'The Shining' on a ship"[3] abzuliefern –, aber der Film orientiert sich letztlich an einer ganzen Vielzahl von Genrefilmen, -klischees und ikonischen Szenen, greift sogar recht ambitioniert bestehende Diskurse auf...
Die Handlung kommt [Achtung: Spoiler!] voller Windungen und Wendungen daher, was vor allem für negative Beurteilungen sorgte, die über Gebühr harsch ausfielen. Zwei Zeitebenen, von denen die erste den Anfang ihres Ende gleich vorwegnimmt, werden miteinander verschränkt, jeweils von eigenen Rückblenden unterbrochen und schließlich noch um eine dritte Zeitebene angereichert, die das Geschehen begründen soll.
In chronologische Reihenfolge gebracht, sähe die Geschichte ungefähr so aus: Beim langwierigen Bau der Queen Mary während der Weltwirtschaftskrise scheint deren Gelingen auf der Kippe zu stehen. Abergläubische Arbeiter erbringen, um den Stolz der Nation und die Stabilität des Schiffes zu sichern, altem Aberglauben gemäß ein Bauopfer: Ein als Mörder verurteilter Ex-Häftling stirbt lebendig begraben einen qualvollen Tod in den Grundmauern der Queen Mary, die inmitten selbiger einen schiffseigenen Pool aufweisen darf. Im Jahr 1938 artet dann bereits eine Halloween-Party gründlich aus: Der Kapitän hat recht fanatisch bloß Prestige und das Blue Riband vor Augen, während sich im Kesselraum ein Unfall ereignet und parallel ein Amokläufer nicht nur seine Familie mordet.
Es handelt sich dabei um eine kleine Schausteller-Familie, die unter dem Namen The Diabolical Ratches firmiert: die achtjährige Tochter eine begabte Tänzerin, die Mutter eine Kartenleserin, der Vater ein Kriegsversehrter, der sein halbes Antlitz mit einer Gesichtsepithese verdeckt. Zur großen Kostüm-Feier der Ersten Klasse am Halloweenabend verschafft sich die Familie trotz Dritter-Klasse-Tickets mit einem kleinen Schwindel Zutritt; Tochter Jackie scheint sich die Chance zu bieten, vor einem großen Hollywood-Produzenten zu tanzen, der schon mit Fred Astaire gedreht habe. Dessen Verhalten führt jedoch schnell zum Streit, wobei – als auch noch der getätigte kleine Schwindel auffällt – Mr. Ratch seine Maske verliert und seine Versehrung offen zur Schau stellt. Jackie darf dann zwar doch noch tanzen – sogar mit dem anwesenden Fred Astaire vor den Augen von Ginger Rogers und dem Produzenten –, aber ihr Vater scheint da bereits nach kurzer Pinkel-Pause am Pool der Queen Mary wie besessen zu sein.[4] Mit kleinen Hommagen an "Psycho" (1960) und "The Shining" (1980) wird er seine Ehefrau attackieren, weitere Gäste und dann auch seine Gattin ermorden – und letztlich auch die eigene Tochter meucheln, ehe er von Bord zu fliehen gedenkt. Doch der Kapitän vereitelt diese Flucht mit Waffengewalt, sehr wohl wissend, dass sich in dem maskierten und kostümierten Amokläufer die gequälte Seele des einstigen Bauopfers versteckt, die ihren Dienst als Behüter des Schiffes aufzugeben gedenkt. Um das zu verhindern, feuert er gar auf Teile der Crew...
Über 80 Jahre später betritt ein weiteres Pärchen mit Kind das zum Stillstand verdammte Schiff bzw. Hotel, dessen Umbruchsgeschichte in den späten 60er Jahren kurz über Nachrichtenbilder präsentiert wird: Digital Marketing Consultant Anne, Historiker Patrick und der – von dem von einer Skelettdysplasie betroffenen Kinderschauspieler Lenny Rush verkörperte – Sohn Lucas, der mit seinen jungen Teenagerjahren gerade auch vor dem Eindruck seiner Kleinwüchsigkeit einen vergleichsweise reifen Eindruck macht. Bereits in der 10. Minute werden sie aufgrund der parallel gehandhabten Zeitebenen eingeführt – wenn auch erst einmal nur voneinander getrennt: Sohn und Mutter fahren im Auto zur Queen Mary, wo man den häufig abwesenden (und noch dazu den wohl nicht biologischen) Vater bzw. den Gatten wiedertreffen will, um mit diesem Projekte zur Rettung der Queen Mary zu präsentieren – ein Sachbuch, das auf Wunsch des Sohnes möglichst auch das spukhafte Treiben berücksichtigen solle, oder eine VR-Tour...
So sehr der Film später noch über eine teils kommentierende, teils gar ironisierende Montage, über einige die räumlichen Gegebenheiten verzerrende Kamerafahrten sowie über die wohlüberlegte Auswahl genutzter Kinder-, Volks- und Seemannslieder den Eindruck erweckt, mit wirklich immenser Gründlichkeit bis ins Detail durchkonzipiert worden zu sein, so sehr wird das Publikum schon bei der anfänglichen Autofahrt in Wortfetzen, Werbeslogans, Zeilen auf Lucas' Tablet oder Doppeldeutigkeiten in Ton, Bild und Schnitt torpediert, die – manchmal durchaus eher plump, vielfach aber erst im Rückblick oder gar erst bei einer Zweitsichtung – eine geradezu schicksalhafte Vorherbestimmung heraufbeschwören. (Kein Zufall, dass sich Jackie im Jahr 1938 ausgerechnet Cassandra als Alias auswählt.) Mangelnde Mühe darf man Regisseur Gary Shore und seinen Ko-Autoren keinesfalls unterstellen. Am schwerwiegendsten erscheint im Rückblick sicherlich Annes Äußerung, ihr Sohn habe einmal geträumt, dass er nicht bloß an Bord der Queen Mary gehen würde, sondern dass sie dort wohnen würden.
Anne erzählt diese Anekdote der Leitungskraft Charles Bittner, die sich nicht nur von Anfang an in der klassischen Kluft eines Kapitäns recht kurios verhält, sondern im Laufe der Zeit dem fanatischen Kapitän der späten 30er Jahre immer ähnlicher im radikalen Handeln wird. Aber es wird zunächst der Sohn Lucas sein, der auf einer Führung abhanden kommt und den Geistern anheim fällt: Jackie, deren Geist noch immer an Bord ist, wird Lucas als Wirtskörper zur Flucht ebenso nutzen wie das bald 90 Jahre zuvor eingemauerte Bauopfer Mr. Ratch zu nutzen gedachte... Das erfährt man aber erst spät im Film: Zunächst verlassen die Eltern mit einem nach seinen Spuk-Erlebnissen etwas traumatisiert erscheinenden Sohn das Schiff, um es nach einigen Wochen – eine 30er-Jahre-Episode später – zu zweit wieder zu betreten. Der Sohn weilt angeblich erkrankt zuhause, derweil die Eltern nun Fotografien für die angedachten VR-Touren an Bord des für einige Tage menschenleeren Schiffes anfertigen und das angedachte Buch planen dürfen; ein Vorwand bloß, denn Bittner will den Zutritt eigentlich verweigern, als das Pärchen ohne Kind auftaucht, über dessen Besessenheit er längst im Bilde ist. Und auch für das Pärchen ist der Job nur ein Vorwand, denn sie wollen hier an Bord nach Annes Sohn (bzw. seinem körperlosen Teil) suchen... Eine erste von zwei klärenden S/W-Rückblenden folgt kurz darauf: Anne erinnert sich mit schwer entzündeter/gequetschter Hand daran, wie ihr längst von Jackie übernommener Sohn aus Furcht vor einem neuerlichen Besuch der Queen Mary aus dem heimischen Fenster geklettert war, welches ihr beim vergeblichen Rettungsversuch die Hand quetschte. Gegen Ende wird es eine zweite, gehörig abweichende S/W-Rückblende geben: Anne hat die Ereignisse im Hotel Queen Mary zwar überstanden, wird aber als Täterin abgeführt, da eine Nachbarin eine abweichende Aussage zu Lucas' Sturz gemacht habe. Nun folgt die Rückblende, in der Anne unter den Augen der wachsamen Nachbarin den Absturz ihres am Fenstersims hängenden Sohnes erst herbeigeführt habe... weil Anne dem Mädchen im Körper ihres Sohnes diese Übernahme nicht verzeihen konnte.[5]
Verzweifelt nach Wegen suchend, endlich das unheimliche Schiff zu verlassen, stellen zwischen diesen S/W-Rückblenden die Geister der Vergangenheit auch Anne und Patrick zunehmend nach: teils gar durch Smartphone-Displays greifend wie einst ein Freddy Krueger durch einen Telefonhörer züngelte ("A Nightmare on Elm Street" (1984)) oder ein totes Mädchen in "Ringu" (1998) einem Videoband und Bildschirm entstieg. Und das Pärchen kommt derweil der Ursache von allem näher, erfährt von dem Bauopfer in dem Ozeanriesen – in dem sich letztlich Bittner (oder jemand in ihm) voll und ganz als Kapitän einrichtet.
Bauopfer
Ursache allen Übels also sei zunächst das erbrachte Bauopfer. Wie die Umformung des Schiffs zum schwimmenden Hotel in den späten 60er-Jahren bringt auch dieser fiktive Entstehungsmythos der Queen Mary das Spukhausmotiv stärker in den Film, denn Bauopfer verbindet man gemeinhin mit immobilen Objekten; und wenn es bloß ein Deich ist – wie in Theodor Storms "Der Schimmelreiter" (1888): "Soll Euer Deich sich halten, so muß was Lebiges hinein! [...] Ein Kind ist besser noch; wenn das nicht da ist, tut's auch wohl ein Hund!"[6] Es ist vielleicht eines der bekanntesten (freilich vereitelten) Bauopfer-Motive in der Weltliteratur, in dem es bezeichnenderweise auch gilt, Sicherheit gegenüber bedrohlichen Wassermassen und Meeresgewalten zu erzeugen.
Die Naturgewalten – teils verkörpert als Naturgötter – galt es in allen Fällen über die weltweit verbreitete Tradition des Bauopfers zu beschwichtigen: "Der Glaube, jeder Neubau fordere ein Opfer, beruht auf dem Gedanken, daß dämonische Mächte (Erd- oder Flußgötter) versöhnt werden müssen, in deren Herrschaftsbereich der Mensch durch seine Bauten eingreift. So besteht in Schottland der Glaube, daß bei großen Bauten, z. B. alten Burgen, Menschenopfer Gebrauch seien. Eine gaelische Tradition, daß zur Versöhnung der Geister des Bodens bei einem Klosterbau ein Mensch eingemauert sei, zeigt noch deutlich den ursprünglichen Sinn des Bauopfers. Zweifellos waren die ursprünglichen Bauopfer Menschen, die lebend in die Fundamente eingemauert wurden. [...] Bei weiterer Entwicklung mildert sich der Brauch; [...] und allerlei Ablösungsbräuche lassen das Opfer ganz zurücktreten. Besonders das Kinderopfer bei Bauten tritt stark hervor in Sagen wie auch in Funden. [...] Auch zum Tode Verurteilte kommen als Bauopfer vor."[7]
Es schützte das Bauopfer vor allem also auch Gebäude vor dem Unbill der Naturgewalten. In Grant Allens "Wolverden Tower" (1899), der vielleicht bekanntesten Schauergeschichte zum Bauopfer, findet sich recht einprägsam sogar ein Gedicht zum titelgebenden, spukhaft heimgesuchten (oder heimsuchenden) Turm, der vor Wind und Wetter geschützt werden sollte:
"Fasted thrice with souls of men,
Stands the tower of Wolverden;
Fasted thrice with maidens' blood,
A thousand years of fire and flood
Shall it stand as erst it stood."[8]
Bekannter, aber undeutlicher, ist noch der Reim des alten Kinderliedes "London Bridge Is Falling Down" (um 1700), der auf ein Bauopfer anzuspielen scheint:
"Take a key and lock her up,
Lock her up, lock her up.
Take a key and lock her up,
My fair lady."[9]
Nicht grundlos wird das Lied schon früh im Film während der ersten Bedrohungssituation eingebunden. Zum Ende hin entpuppt es sich dann – obgleich die übrigen Lieder nahezu durchgängig ähnlich anspielungsreich daherkommen – als einziges Lied des Films, das innerhalb des Films ganz explizit, expressis verbis, seine Ausdeutung erhält.
Wie ein verübtes mörderisches Verbrechen oder ein überbauter Friedhof – gar ein Indianer-Friedhof, der in nord-amerikanischen Stoffen das Friedhofs- und Verbrechensmotiv gleichermaßen abdeckt – ist das Bauopfer im Grunde ein dienstbares Motiv für Spukgeschichten. Doch bringt es in einem Fall wie "Haunting of the Queen Mary" auch eine Widersinnigkeit mit sich: Denn wenn solch ein Bauopfer über Jahrzehnte solches Unheil nach sich zieht, dann hätte das bei der langen, langen Tradition des Bauopfers, das ja eigentlich Sicherheit und Beständigkeit garantieren soll, schon derart häufig passieren müssen, dass die Entwicklung einer langen Tradition vor diesem Hintergrund doch eher unwahrscheinlich hätte anmuten müssen. (Auch hier zeigt sich eine Schwäche in den Anlagen des Films, wie sie schon in Fußnote 5 thematisiert worden ist. Das gilt auch für das wie so oft gänzlich willkürliche Treiben der Geister, die etwa durch Spiegel kommunizieren oder durch ein Smartphone-Display greifen und attackieren können – von solchen Fähigkeiten dann aber auch bloß ein einziges Mal Gebrauch machen.)
Nach dem Glamour, hinter der Maske, unter dem Kostüm – schön & hässlich
Das Bauopfer, das Sicherheit gewährleisten soll, ist zugleich – zumindest in weitgehend säkularisierten Zeiten – die Leiche im Keller. Es ist das verborgene schreckliche Geheimnis, das nicht bloß einfach hinter der Fassade, sondern gleich im Mauerwerk eingemauert versteckt liegt. Dieses Spiel mit schöner Oberfläche und hässlichem Kern spielt "Haunting of the Queen Mary" ziemlich deutlich.
Weniger deutlich taucht es schon im zeitlichen Nacheinander – vom glamourösen Rekordschiff zur Katastrophe und (nach einigen "botched facelifts"[10], wie Patrick einmal anmerkt) zur effekthascherischen, hauptsächlich noch von alten Zeiten zehrenden Attraktion – auf; hierbei eng mit dem Motiv des Bauopfers verwoben, das im Laufe der Zeit nicht verborgen bleiben wird. Zum Verhältnis von Oberfläche und Innenleben gesellen sich hier Gegenwart und Geschichte.
Und überhaupt prägt das nach außen durchdringende, eingemauerte Bauopfer die gesamte Geschichte mit ihren besitzergreifenden Geistern in missbrauchten Wirtskörpern, die nach außen ganz sie selbst erscheinen, im Inneren aber längst ein(e) Andere(r) sind.
Deutlicher, offensichtlicher – da sichtbar – wird das Spiel getrieben, wenn die räumliche Form der Beziehung von schönem Schein und verstecktem Geheimnis gewahrt wird: Da malt sich etwa Mrs. Ratch mit einem Stift – kostengünstige Vortäuschung von Chic und Kaufkraft – eine Strumpfnaht auf ihre Wade. Auch dieses räumliche Verhältnis von Vortäuschung und Gegebenheiten wird an eine andere Form der Täuschung gebunden: Denn Mrs. Ratch versteht es offenkundig mit einer übernatürlichen Begabung, die Karten zu legen und zu lesen, greift dann aber auch zur Lüge, wenn eine falsche Antwort sie gegenüber der Kundschaft – die es in der Zwischenkriegszeit reichlich gab – bevorteilt. Passenderweise bildet sie mit Mann und Tochter eine Schausteller-Familie, die ja nun mit der Imitation und Simulation ihr Brot verdient, worauf am Ende noch abschließend zurückzukommen ist.
Und da wäre vor allem der Kriegsversehrte mit Gesichtsepithese, die recht grobschlächtig eine stattliche Kinnpartie mit darüberliegendem volllippigem Mund samt Pfeife und bemerkenswertem Schnurrbart imitiert, während dahinter eine halb zerstörte Wangen- und Mundpartie das eigentliche Gesicht verunstaltet: In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gehörten die Versehrten mit ihren Prothesen zum Alltag dazu; davon zeugen die Bilder eines Otto Dix wie auch Dokumentar- und Lehrfilme à la "Krüppelnot und Krüppelhilfe" (1920), "Ersatzglieder" (1921) oder "Gang eines doppelt Amputierten" (1921).[11] Hundert Jahre später feiern diese Eindrücke ein Comeback im Kino: Nach "Amsterdam" (2022) und "Blood & Gold" (2023) ist "Haunting of the Queen Mary" schon der dritte größere Spielfilm innerhalb von nicht einmal zwei Jahren, der Gesichtsepithesen zum Motiv macht. Wenn die Figur dann auch noch zum amoklaufenden Axtmörder mutiert, greift der Film damit deutlich das populäre Bild vom hässlich entstellten, aber charismatisch maskierten Killer auf (ohne es einfach zu übernehmen); und damit auch die Frage nach dem Verhältnis vom Hässlichen zum Bösen. Das Böse erscheint häufig im klassischen und im naiveren modernen Horrorfilm als das (maskierte) Hässliche, wobei die Gleichung von gut/schön bzw. böse/hässlich im Rahmen der 60er Jahre allmählich aufgelockert (aber eben niemals aufgegeben) wurde. Doch "Haunting of the Queen Mary" ist bereits hier schon etwas vertrackter, denn die stattliche Maske ziert das grotesk entstellte Gesicht eines eigentlich attraktiven Mannes, unter dessen ursprünglichen schönem Äußeren ein nicht unbedingt böser, aber doch zumindest schlitzohriger, tricksender, unehrlicher Charakter steckt.
Es gibt noch eine andere – nach traditionellem Verständnis: entstellte – Figur in dem Film: Es ist Lucas, dessen Darsteller eine kongenitale spondyloepiphysäre Dysplasie mit sich bringt. Zunächst macht alles den Anschein, dass diese Besetzung der kommerziell verwertbaren Mode von Sichtbarmachung und Awareness folgt, dass hier ein Darsteller mit Behinderung eine Figur mit Behinderung spielt, deren Behinderung keinen dramaturgischen Zweck verfolgt und von keinem der Akteure thematisiert wird. Doch solch ein Ansatz wäre bei symbolisch arbeitenden Filmen frommes Wunschdenken; und freilich hat "Haunting of the Queen Mary" mehr im Sinn, setzt dem seinerseits bereits ausdifferenzierten Bild des maskierten hässlichen Täters das Bild des guten, aber entstellten Opfers entgegen, das letztlich in der Tradition von Quasimodo, Lon Chaney, "Frankenstein" (1932) und "Freaks" (1932) anzusiedeln wäre (wobei nun in diesem Körper bald auch eine Täterin steckt, die ihrerseits Opfer war). Zwar spielt Lucas' Äußeres keine Rolle für den Spuk, der ihn befällt – aber doch für seinen Fenstersturz, dem aus der Perspektive der Nachbarin noch eine dritte Lesart zukäme: Lucas ist in dieser das gehandicapte Kind, dessen Mutter es letztlich loswerden will. Und tatsächlich gibt einem der Film für solche Vermutungen einiges an die Hand: Lucas ist relativ reif für sein Alter, wird aber von der Mutter zu seinem Unmut wie ein Kleinkind behandelt. Lucas ist scheinbar das Kind, das seine Mutter in ihre Beziehung mitgebracht hat. Lucas ist das Kind, das gerade nach dem Umzug in die neue Stadt unter der häufigen Abwesenheit des sozialen Vaters leidet und von Mitschüler(inne)n offenbar mit unschönen Mutmaßungen behelligt, von seiner Mutter in seinen Sorgen aber nicht ernst genommen wird. Nicht dass sie ihren Sohn nicht lieben würde, aber für Karriere und Partnerschaft scheint er ein Hemmnis zu sein. Und nicht allein seine Größe, sondern auch Kameraarbeit und Montage lassen ihn beim Familientreffen auf der Queen Mary mit den beruflichen und Erwachsenen-Gesprächen seltsam außen vor erscheinen. Und so ist "Haunting of the Queen Mary" ein Film, der an der Oberfläche auch populäre Motive sozialkritischen Kinos anspielt – das geliebte, aber doch störende Kind; den Entstellten und Armen, der von der Crème de la Crème gedemütigt wird und zum Täter gerät; die an Rekorden und Prestige interessierten Karrieristen, die über Leichen zu gehen bereit sind –, hinter denen sich dann doch eine alles nochmals neu beleuchtende Geistergeschichte verbirgt.
"The Queen Mary Presents: No Escape – A Ghosts and Legends Tour", bekommt man am Schluss des Films ein letztes Mal von einem Werbeschild mitgeteilt. Ähnlich direkt wie anfangs während der Autofahrt von einer Reklametafel den Hinweis "Anyone can be a victim – Identity theft". Eingangs also der Hinweis auf die Täuschung, ausgangs dann zum wiederholten Mal der Hinweis auf Präsentation und Vermarktung. Man erinnert sich, dass die zentralen Hauptfiguren passenderweise Schausteller(in) und Marketing Consultant waren.
Und große Teile der 1938er-Zeitebene spielen immerhin auf dem Kostümfest der Halloween-Nacht, bei dem sich nicht bloß zu Mr. Ratchs Maske – die er im Grunde nur hier tragen kann, ohne aufzufallen – noch eine Kostümierung gesellt (während im Gegenwartspart Bittner als Leitungskraft in unrechtmäßig angelegter Kapitänskluft zur Kostümierung neigt). Auf diesem Kostümfest schaut zwar ein Mann mit Clownsmaskerade ausgesprochen ernst drein, aber weitgehend verwischt hier die Kluft zwischen Maskierung und Dahinter, inmitten von Schaustellern und Hollywood-Vertretern auf diesem Event des Verkleidens: So verkleidet sich unter anderem ein erfolgreicher Hollywood-Star als Zorro, derweil ein recht humorloser Produzent als Harlekin agiert – was nur auf den ersten Blick nach Verkleidung aussieht, aber auf den zweiten Blick durchaus passt, ist doch der privilegierte Star so mitleidig wie hilfsbereit und der Produzent ein Strippenzieher, der mal schmeichelt, mal befiehlt... Wo das Geschäft mit der Täuschung an der Tagesordnung ist – so suggeriert es ausgerechnet der Hollywood-Film eines Ex-Werbefilmers, der für die Attraktion Hotel Queen Mary etwas Werbung machen darf und soll –, da ist über tatsächliche und vorgetäuschte Identitäten am schwierigsten zu entscheiden: agiert doch der Produzent und Harlekin mal schmeichelnd, mal tadelnd, mal fügsam, mal befehlerisch; derweil der als Rächer der Armen verkleidete Star diese Rolle im Privaten, das in der Öffentlichkeit unweigerlich öffentlich bleibt, womöglich bloß schlicht die Rolle weiterspielt.
Der Film über phantastischen Identitätsdiebstahl sowie Präsentation und Vermarktung, der das Geheimnis im Innersten hinter glamouröser Oberfläche (per Bauopfer, Maskierung, Kostümierung) zum Leitmotiv erhebt, verfügt letztlich über eine Metaebene, auf der er offen seine Karten zeigt, aus denen man bloß lesen können muss: Motive sozialkritischen Kinos werden bedient, aber über phantastische Elemente anders ausgespielt; Motive des Horrorfilms werden bedient, aber deutlich vor dem Hintergrund einer Beziehung von Äußerem (Ästhetik) und Innerem (Ethik) ausdifferenziert; und Motive des Spielens, Verkleidens, Verstellens und Vermarktens bringen noch eine ironisierte Selbstreflexion hinein. Und permanent drängt alles in dem Film danach, das Innerste an die Oberfläche tauchen zu lassen: so wie das Bauopfer aus dem Grundgerüst an Deck und über Bord strebt, hebt auch ein gezielter Axthieb die Differenz von Mr. Ratchs warmen Antlitz und ihrer kalten Maske auf, indem er beides zugleich spaltet und stärker aneinander angleicht; das Außen ans Innen, welches durch den erzeugten Spalt heraussickert.
So ist "Haunting of the Queen Mary" inhaltlich wie formal ambitioniert, indes kann die mit Bedacht kompliziert verschachtelte Struktur, die bei der Erstsichtung so einige Fragen aufwirft, deren Antworten man (zu) spät erhält, kaum eine enge Bindung zu den Figuren bewirken, die für einen Horrorfilm doch so wichtig wäre. Der Ersteindruck zumindest lässt das Bruchstückhafte, Fragmentarische dieses vielfach zwischen den Zeiten vor- und zurückspringenden, zwischen Realitäten und Täuschungen schwankenden Films stark in den Vordergrund treten. Es ist ein Film, der in dieser Hinsicht mit einer Zweitsichtung zwar ein wenig wächst, spätestens dann aber auch seine Schlamperei in entscheidenden Details erkennen lässt. Ein Film, der hier und da (etwa gleich eingangs) effektiv einen beachtlichen Sog entfaltet und von solidem Handwerk und hübschem Dekor profitiert, aber inmitten aller Ansätze den Erzählfluss, die Spannungsdramaturgie, das Identifikationspotential der Figuren (die nach und nach in anderem Licht erscheinen und ständig neu überdacht werden müssen) etwas zu gewagt überlagert. Er ähnelt im Ganzen frappierend seinem Abspann, der wie eine fehlerhafte Spiegelung die Credits aus der Bildmitte nach oben und unten zugleich ablaufen lässt und die Wahrnehmung für einen gewitzten Einfall doch über Gebühr extrem herausfordert. Und für einen (nicht sehr in die Tiefe gehenden) Meta- oder Essayfilm indes bleibt der Horroranteil dann doch deutlich zu dominant. Bei aller Häme jedoch, die vielfach über den Streifen ausgekübelt wird, werden seine Qualität aber doch allzu leichtfertig übersehen.
5,5/10
1.) Baar selbst beschrieb – freilich unsystematisch – die Bandbreite seiner Auswahl im Vorwort wie folgt: "Der vorliegende Band versucht, einen Querschnitt durch die Vielfalt der Themen und Motive zu geben, die sich mit der Unheimlichkeit des Meeres oder im weiteren Sinne des Wassers beschäftigen. Ebenso mannigfaltig wie die Inhalte der Erzählungen ist auch die Art der Darstellung. Sie reicht vom Realismus – dem spannenden, klaren Erzählstil [...] bis zur Psychologisch differenzierten Darstellungskunst und der stark atmosphärischen Spannung[] [...] über die sich realistisch gebende Phantastik [...], die unheimlichen Vampirgeschichten, Gespensterfabeln und grausigen Legenden [...] bis zu der makabren und skurrilen Phantasie [...]. Immer und überall lauern Tod, Zerstörung, Grauen oder Verwirrung – auf untergehenden Schiffen, durch gierige Haifische, bie Überflutungen, in alles verschlingenden Strudeln von ungeheuerlichen Ausmaßen, durch Gespensterschiffe, Piraten oder geheimnisvolle Inseln." (Adrian Baar: Vorwort. In: Ders. (Hg.): Die Schrecken der Meere. Fischer 1976; S. 7-8) Die Weite dieser Bedrohungen schleppen auch die reinen Gespensterschiff-Geschichten immer mit sich, weil die realen oder imaginierten Gefahren des Meeres den schauplatz solcher Spukgeschichten stets umgeben und begleiten.
2.) Die betroffene Folge aus dem Jahr 2005 widmete sich gleichermaßen der Queen Mary als auch dem Winchester Mystery House. Bezeichnenderweise planten die Beteiligten an den Plänen eines Queen Mary-Films vor rund zehn Jahren zeitgleich auch einen Winchester Mystery House-Film (der dann ja später in Form von "Winchester" (2018) zustande kam).
3.) Chris Carmichael. Zitiert nach: Dave McNary: Queen Mary Thriller Launches Ubiquity Studios Slate (Exclusive). Variety, 17.12.2023 (https://variety.com/2013/film/news/queen-mary-thriller-launches-ubiquity-studios-slate-exclusive-1200967689/).
4.) Es ist wohl kein Zufall, dass sich das Bauopfer in unmittelbarer Pool-Nähe befindet, wo das Jenseits auf das Diesseits übergreift: An Bord des Schiffes auf dem Ozean holt Gary Shore mit seinen Autoren das Ozeanische, das alle Grenzen aufhebt, über den Pool an Bord – und bringt damit doch noch eine vage Unterart der Gespensterschiff-Stoffe in den Film, die sich den Schrecknissen aus der Tiefe, aus dem Wasser, widmet.
5.) Hier muss man sich dann schon fragen, wo die Feinarbeit geblieben ist, denn Anne zieht das Fenster eindeutig beidhändig hinab, sodass sie sich ihre versehrte Hand hierbei nicht geklemmt haben kann. Man könnte einen anderen, nicht weiter präsentierten Unfall annehmen – bekommt aber gar nichts für solch eine Annahme an die Hand gegeben. Auch die Möglichkeit, dass diese alternative zweite Erinnerung die eigentlich trügerische ist, erscheint unsinnig, denn um die Auswirkung des Spuks auf der Queen Mary auf heimische Nachbarinnen und die Polizei anzunehmen oder aber um eine Koinzidenz von nachbarlicher Wahrnehmungstäuschung und einer zweiten untergejubelten Erinnerung zu vermuten, müsste man sich schon sehr verbiegen. Auch die trügerischen Sinneswahrnehmungen, die Anne immerhin schon dazu verleitet haben, ihre bereits versehrte Hand nochmals als vermeintliche Geisterhand zu attackieren, lassen sich kaum überzeugend anführen... In Sachen Dramaturgie und Kontinuität lässt der Film an vereinzelten, aber entscheidenden Stellen vermissen, was er bei Querverweisen in Nuancen und Details in üppiger Überfülle an den Tag legt.
6.) Theodor Storm: Der Schimmelreiter. in: Rolf Hochhuth (Hg.), Theodor Storm: Am grauen Meer. Gesammelte Werke. Bertelsmann Lesering 1963; S. 712.
7.) Hanns Bächtold-Stäubli, Eduard Hoffmann-Krayer (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 1. De Gruyter 1987; S. 962-963.
8.) Grant Allen: Wolverden Tower. In: R. C. Bull (Hg.): Perturbed Spirits: A Book of Ghost and Terror Stories. Arthur Baker 1954; S. 34.
Möglicherweise hat Allen hier ein Gedicht aus dem "The Christian Guardian, and Church of England Magazine" (1847) abgewandelt. (Vgl.: L. N.: Speed Forth the Signal! In: Anonymous (Hg.): The Christian Guardian, and Church of England Magazine. Arthur Foster, Kirkby Lonsdale 1847; S. 447.)
9.) Zitiert nach: Albert Jack: Pop Goes the Weasel. The Secret Meanings of Nursery Rhymes. Penguin 2008; S. 115.
10.) Haunting of the Queen Mary (splendid film 2024: 01:27:17).
11.) Vgl.: Ursula von Keitz: Prothese und Transplantat. Orlacs Hände und die Körperfragment-Topik nach dem Ersten Weltkrieg. In: Christine Rüffert, Irmbert Schenk, Karl-Heinz Schmid, Alfred Tews (Hg.): Unheimlich anders. Doppelgänger, Monster, Schattenwesen im Kino. Bertz+Fischer 2005; S. 53-68.