Achtung, Spoiler!
Auch 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung ist Roman Polanskis "Rosemaries Baby" immer noch ein schwer zu schluckender Brocken, ein herbes Stück Psycho-Thriller rund um Teufelskulte.
Dabei wählt Polanski ganz gemäß Ira Levins berühmten Roman nicht die plakative Seite, sondern inszeniert ein spannungsreiches Spiel rund um seltsame Ereignisse und verdächtiges Verhalten, aus dem sich langsam aber sicher eine Geometrie des Grauens herauskristallisiert. Damit bot er den Film als Gegenbewegung zum gerade grassierenden Hippie-Kult, dessen Flower-Power-Bewegung hier überhaupt keine Entsprechung fand.
Mia Farrow spielt hier die jungverheiratete Rosemary, die mit ihrem Mann Guy in ein übel beleumundetes Mietshaus mitten in Manhattan zieht. Dort verläuft das Leben allerdings zu Beginn noch recht normal, nur die aufdringlichen alten Nachbarn, die Castavets (darunter eine irre widerlich-penetrante Ruth Gordon) stören die Idylle.
Doch langsam aber sicher entblättern sich die Schattenseiten, wenn die schwangere Rosemary genötigt wird, ein streng riechendes Amulett zu tragen, das Mädchen der Castavets aus dem Fenster stürzt oder Guy von den Nachbarn vollauf begeistert ist. Schließlich erlangt er auch noch beruflichen Erfolg und liefert Rosemary noch stärker der Einsamkeit und den Nachbarn aus, die sich jedoch alle sehr höflich verhalten.
Jede Szene hat ihre Bedeutung, jede Einstellung ist vorausgeplant. In Polanskis Film gibt es nichts Überflüssiges, was die Gesamtkomposition stören könnte. In klaren, scharf konturierten Bildern nähert sich die dunkle Gefahr im hellen Licht des Tages. Der Zuschauer darf sich dabei sein eigenes Puzzle zusammensetzen.
Hineingerissen in den Horror wird man erst, als Rosemary nach dem Genuß einer seltsamen Chocoladenmousse in Tiefschlaf verfällt und Alpträume erleidet. Dieser Traum/Vision, in der sie sich u.a. auf einem Schiff befindet, ist prachtvoll in Szene gesetzt, nicht zu unwirklich, aber auch keineswegs realistisch, schwebend, schwankend, bis er in der Kopulation mit einer monströsen Kreatur endet, auf die der berühmte Angstschrei "Das ist kein Traum. Das ist Wirklichkeit!" folgt.
Natürlich ist Rosemary jetzt schwanger und das Netz finsterer Machenschaften scheint sich um so mehr zuzuziehen, nachdem ein Freund bei Nachforschungen krank wird und später stirbt. Vorher läßt er ihr aber noch entscheidende Informationen zukommen, die die Zusammenhänge erhellen.
Gegen Ende gerät das Geschehen zum Alptraum ohne Ausweg, wenn sie immer wieder den scheinbaren Teufelsanbetern ausgeliefert wird, aber selbst in ihren fiebernden Bemühungen nicht zurande kommt. Es ist ein wenig frustrierend, daß sie sich nie entscheiden kann, ihre eigenen Verdächtigungen durchgehend selbst zu glauben, oder sie zu verwerfen oder etwa in ein Frauenhaus zu gehen, wo man anonym bleiben kann.
Auf der Schlußgeraden wird dann der gesamte Hintergrund noch einmal in Frage gestellt, ehe das finstere, berühmte Ende folgt. Sowohl die Teufelsanbeter als auch die Entscheidung Rosemarys, in erster Linie Mutter zu sein (und sei es für Damien mit den kleinen Hörnern) sind dermaßen eifrig inszeniert, daß ich es gar nicht anders als augenzwinkernd verstehen will, auch wenn ich Polanski keinen tieferen Sinn in diesem Film unterstellen will.
Die oft kolportierte Massensuggestion von dem bestialischen Teufelskind, daß dann in Wirklichkeit doch nicht zu sehen ist, ist allerdings etwas wirr. Tatsächlich erfolgt nach dem Anblick Rosemarys eine sekundenlange Überblendung, in der man das Antlitz ihres Sprößlings sehen kann. Was wollen die Reporter also?
Zu knacken hat man an diesem Film, wenn es einen nervt, daß die Hauptdarstellerin gegen den Rest der Welt einfach nicht zu Wort kommt. Ebenso unsympathisch kommt oft ihr Ehemann John Cassavetes rüber, der nicht gerade zu ihr zu stehen scheint. Das Gefühl des Unheils, der über dieser Produktion schwebt, ist jedoch in jeder Einstellung fühlbar und beweist, daß Polanskis seine verhängnisvollen Geschichten mit wunderbarer optischer Perfektion erzählen kann, denkwürdig, ohne jetzt unauslöschliche Bilder zu produzieren. Später kehrte der Teufel noch einmal für ihn zurück, doch dann mit einer gefühlvollen, versöhnlicheren Seite in "Die Neun Pforten". Hier jedoch regiert er uneingeschränkt: 9/10.