Review

Wenn [Achtung: Spoiler!] Kosmische Strahlung in einem Stollen der Schweizer Alpen auf Uranerz einwirkt, dann tut sich eben ein Energieportal auf, das in andere Teile des Multiversums führt. Dass man von Heisenberg und Schrödinger zum Multiversum gelangen kann, hatte Johannes Leinert (Jan Bülow) schon vor jener Dissertation geahnt, die er später als populärwissenschaftlichen Erlebnisbericht in Romanform unter dem Titel "Die Theorie von Allem" vorlegen wird: Aufgewacht war er mit dieser Ahnung, dieser Intuition, als hätte er im Schlaf in eine andere Welt geschaut, wo die Theorie, an die er sich daraufhin machte, schon längst ausgearbeitet worden sei…

Wo beginnt man bei einem Film, in dessen Zentrum im Grunde eigentlich alles zusammenzufallen imstande ist? Vielleicht beim א, dem aleph, dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, das in der Mathematik zudem dient, um die Mächtigkeit unendlicher Mengen zu bezeichnen. Es wird ein bisschen Hebräisch gesprochen in diesem Film, ganz nebensächlich nur – die einzig nicht-untertitelte Passage in diesem deutsch-, schwyzerdütsch-, englisch-, italienisch- und französischsprachigen Film –, aber doch bedeutungsschwanger, was sich spätestens im Rückblick zeigen wird. "El aleph" (1949) war zudem der Titel einer Kurzgeschichte Jorge Luis Borges', der in selbiger im titelgebenden Punkt einer ansonsten gewöhnlichen Kellertreppe das gesamte Universum zugleich in Erscheinung treten ließ – und damit wie mit zig weiteren Geschichten über das Verhältnis zwischen Teil und Allem, Einzelnem und dem Einen Umberto Eco ebenso prägte wie Peter Greenaway (um bloß zwei postmoderne Kunstschaffende zu nennen).
Es geht aber weniger um Buchstaben als vielmehr um Mathematik – oder "mathematische Esoterik", wie Leinerts Doktorvater Dr. Strathen (Hanns Zischler) einmal kritisch anmerkt – und Physik in diesem Film einer Sinnsuche, der mehr sein wird als eine Sinnsuche. Freilich nur auf eine nicht einmal populärwissenschaftliche Weise, die ein knappes Vierteljahrhundert nach der Sokal-Debatte nicht davor scheut, naturwissenschaftliche und mathematische Elemente eher metaphorisch einzubinden. Man darf hier an Darren Aronofskys "Pi" (1998) denken, in dem sich der Mathematiker Maximillian Cohen mit der Entschlüsselung des Universums über die titelgebende Zahl π befasst und dabei auch in das Visier von Kabbalisten gerät…

Wie "Pi" ist "Die Theorie von Allem" ein schwarzweißer Film. Beinahe jedenfalls. Denn ehe der Streifen ins schwarzweiße Breitbildformat wechselt, steigt man – und damit könnte man auch beginnen, wenn man über "Die Theorie von Allem" schreibt oder spricht – erst einmal mit einem farbigen Bild im traditionellen Vollbildformat von 1,33:1 ein. Johannes Leinert sitzt – etwas wirrer Blick, unvorteilhafter Pullover, Rauschebart – in einer TV-Sendung des Jahres 1974, um mit dem amüsierten, stets mit einem kleinen Spaß aufwartenden Moderator über sein Buch zu sprechen, das er weder als phantastischen Sci-Fi-Roman, noch als Liebesgeschichte verstanden wissen will. Mit seinem Erfahrungsbericht will Leinert ja auch bloß seine auf Heisenberg und vor allem auf Schrödinger fußende Theorie von Allem an den Mann bringen, die auch an Hugh Everetts many-worlds interpretation gemahnt; aber Moderator und Live-Publikum können mit seinen Ausführungen nichts und mit den Namen nur wenig anfangen und übertünchen das eigene Unverständnis mit Gelächter – und so platzt dann dieser Live-TV-Auftritt und Leinert sprengt die Sendung, verlässt selbige…
Das Spiel mit Bildformaten und Farbigkeiten ist natürlich in jüngster Zeit, spätestens seit Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" (2014), eine Mode. Hier wie dort geht es um den Roman eines Schriftstellers, auf den in einer Rahmenhandlung knapp eingegangen wird. Und hier wie dort hat man es mit einem Hotelfilm zu tun. Hotelfilme haben von Mauritz Stillers "Hotel Imperial" (1927) oder Edmund Gouldings "Gran Hotel" (1932) über Gottfried Reinhardts "Menschen im Hotel" (1959) bis heute eine lange Geschichte, die freilich auf den populären Hotelromanen der Literaturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts fußt: von Arnold Bennetts "The Grand Babylon Hotel. Fantasia on Modern Themes" (1902) bis Vicki Baums "Menschen im Hotel. Kolportageroman mit Hintergründen" (1929). Wie ihre literarischen Vorbilder spielen sie in Hotels, Knotenpunkten der Moderne, in der sich ein knappes Jahrhundert nach seiner Etablierung das Hotel im Zuge der Belle Époque zum Tummelplatz des gehobenen Bürgertums mauserte und dem Austausch ebenso förderlich war wie dem Renommee des jeweiligen Stadtbildes, dem ein florierendes Gran Hotel freilich allerlei Prestige einbrachte. Das Hotel war ein Ort des Kommens und Gehens – für durchschnittliche Figuren ebenso wie für exotische Gestalten –, ein Ort der Passagen, ein Ort an dem – mit Tucholsky gesprochen – Ruhe zwar nicht zu finden war, aber verkauft wurde.
Einem Hotelfilm dürfte "Die Theorie von Allem" aber besonders viel schulden: Grigori Kromanovs Strugatskiy-Verfilmung "'Hukkunud Alpinisti' hotell" (1979). Hier wie dort beginnt der (jeweils als dargebotene, bereits vergangene Erzählung ausgewiesene) Film mit so majestätischen wie beklemmend-mysteriösen Eindrücken der alpinen Gebirgslandschaft, ehe die Hauptfigur in ein kriminalistisches Verwirrspiel mit satten Noir-Versatzstücken eintaucht, welches schon bald über unnatürlich versehrte Opfer ungeniert den lupenreinen Sci-Fi-Elementen Vorzug gewährt und eine gänzlich andere Richtung einschlägt. Bei Kromanov und den Strugatskiys ging es um Außerirdische, bei Kröger eben um Außeruniversale oder Multiversale aus dem Multiversum.
In "Die Theorie von Allem" wohnen Leinert und Dr. Strathen in der Schweiz des Jahres 1962 einem Physiker-Kongress im Schweizer Berghotel Esplanade bei, in dessen Rahmen ein für den Nobelpreis ins Auge gefasster Physiker aus Iran seine Theorie (von Allem) vorstellen will – den Kongress jedoch niemals erreichen wird. Aber Leinert und Strathen bleiben; auch in der Gesellschaft von Professor Blumberg (Gottfried Breitfuß), der für Leinerts Promotionsthema wesentlich mehr übrig hat – sich allerdings auch als nicht ganz seriöser, trinkender Typ zeigt, der etwas geschmacklose Späße mit den Zimmermädchen treibt und seine Glanzzeiten überschritten haben dürfte.

"Die Theorie von Allem" ist also zwischen Kriminalfilm und Science Fiction auch ein Hotelfilm. Es ist aber zugleich auch ein Zugfilm – wenn man all die in Zügen angesiedelten Kriminalfilme, Thriller, Liebesfilme und sozialkritischen Dramen einmal so bezeichnen will. Carol Reeds "Night Train to Munich" (1940) taugt als Beispiel, zumal hier das (unter anderem) im Zug spielende Spannungs- und Unterhaltungskino (erstmals von unzähligen Malen bis heute!) mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Fluchtbewegungen (auch per Zug) und/oder Deportationen in Verbindung gebracht wird. Timm Kröger und sein Ko-Autor Roderick Warich ("The Trouble With Being Born" (2020), bei dem Kröger die Kamerarbeit übernahm) schneiden schon im Zug die Vergangenheit des "Dritten Reichs" an, wenn Leinert, Strathen und  Blumberg zu Strathens Missvergnügen erstmals seit Langem wieder aufeinandertreffen: Blumberg fragt erstaunt, ob Strathen extra für den Kongress wieder zurückgekehrt sei – und Strathen gibt an, er sei schon seit 1955 wieder da. Im Hotel wird das dann fortgeführt: Strathen, der offenbar engen Kontakt zu Ernst Jünger pflegte, macht sich über Blumberg lustig, der im Nationalsozialismus drei Jahre investiert habe, um die deutsche Physik vor hebräischen Einflüssen zu schützen… und Blumberg schilt Strathen verächtlich als  "frischgebackenen Judenfreund". Hier bringt Kröger in die oberflächliche sympathische Drolligkeit und Idylle der Bilder à la Kurt Hoffmanns "Drei Männer im Schnee" (1955), die den Film zunächst trotz beklemmenden Unbehagens hier und dort dominiert, eine Abgründigkeit hinein, die wesentlich unverdaulicher daherkommt als die späteren Gräuelbilder von Leichnamen.
Eine andere aktuelle Bezugnahme auf den Zugfilm vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus lieferte kürzlich James Mangolds "Indiana Jones and the Dial of Destiny" (2023), dessen Beginn noch in den 40er Jahren angesiedelt ist, an die auch die teils erfreulich altbacken wirkende Tricktechnik erinnert. Am Ende entpuppt sich [Achtung: Spoiler!] dieser fünfte Indiana Jones-Film dann als Abenteuerfilm mit Zeitreisethematik: Eine Wendung, die auch "Die Theorie von Allem" teilweise nimmt… fast so, als wäre das nostalgische Spiel mit überkommenen Formen des populären Films in den Inhalt hineingeholt worden, als wäre das Anything Goes der Stil- und Genrevermischungen auf das Durchmengen der Zeiten und Handlungszeiträume ausgeweitet worden. Bei Mangold war das wohl kaum intendiert – bei Kröger dann vermutlich schon eher.

Vorbildcharakter für Reeds "Night Train to Munich" hatte überdeutlich Alfred Hitchcocks "The Lady Vanishes" (1938): Auf einer langwierigen Zugreise spüren eine Passagierin und ein Passagier dem Verschwinden einer älteren Dame nach. Für "Die Theorie von Allem" ist das kaum von Relevanz – wenn man davon absieht, dass eine Zugfahrt zu Beginn einigen Raum einnimmt und dass die Hauptfigur später nach einer verschwundenen Dame, allerdings seinem love interest, suchen wird –, aber Hitchcocks Suspense, Hitchcocks Stil und Hitchcocks Themen sind hier insgesamt so überdeutlich gegenwärtig wie eine stilistische Nähe zum Film noir.
"Spellbound" (1945) – auch mit Zugszene daherkommend – klingt an; gerade während einer Verfolgungsszene auf Skibrettern. Und die Musik klingt fast durchgängig nach Bernard Hermann: weniger strudelnd vielleicht, aber voller Pathos – den die Bilder allerdings vielfach ironisch unterlaufen; manchmal nur ganz sanft, manchmal recht deutlich. Und "Vertigo" (1958) klingt natürlich an: James Stewart verguckt sich dort als von seiner Freundin Midge begehrter Scottie Ferguson in die mysteriöse Madeleine, die von einer Ahnin besessen zu sein scheint und einmal auf ihr eigenes Todesjahr zurückblickt; und er wird sich in ihr Double Judy vergucken – aber auch sie verlieren… Das findet man in "Die Theorie von Allem" wieder: Leinert, den eine Nachbarin daheim ihren Verlobten nennt, trifft im Schweizer Hotel auf die schöne – französisch wie hebräisch und deutsch sprechende – Karin (Olivia Ross), die sich ihm entzieht, ihm aber doch auch verfallen ist. Auch sie wird er verlieren – um lange nach 1962 nach längerer Recherche auf ihr in den frühen 40er Jahren verstorbenes Double zu stoßen.

Während Leinert der mysteriösen Karin nachstellt, die im Hotel als Pianistin tätig ist und Dinge über ihn weiß, die sie nicht wissen dürfte, und Kindheitserinnerungen mit ihm zu teilen scheint, die sie nicht teilen können dürfte, nimmt er zugleich auch Spuren einer Verschwörung wahr, in die sie wie auch Strathen oder Blumberg verstrickt zu sein scheint. Es wird bald einen Toten geben: Professor Blumberg, den Leinert späterhin aber doch umherlaufen sehen wird. Zwei Kinder haben indes bereits einige Vorarbeit geleistet und bringen Leinert auf eine heiße Spur: In einem Stollen voller Uranerz ereignet sich Rätselhaftes und um ein Portal zwischen unterschiedlichen Teiles des Multiversums sind scheinbar Interessenkonflikte entbrannt, bei denen auch die DDR vertreten ist. Und gerade vor dem Hintergrund von Nolans „Oppenheimer“ (2023) schwingt dabei auch die Verantwortung des Physikers mit, was auch an Dürrenmatt gemahnt: Und wann und wo wurde „Die Physiker“ erstmals aufgeführt? In der Schweiz (in Zürich), im Jahre 1962…
Wenn "Die Theorie von Allem" dem Portal am nächsten kommt, zersetzt es den Film regelrecht: Kröger wandelt hier auf den Pfaden eines Experimentalfilmers wie Peter Tscherkassky, der sich mit Kurzfilmen wie "Outer Space" (1999) oder "Dream Work" (2002) ebenfalls hypnotisch und atmosphärisch daran machte, Elemente des klassischen Genrefilms gehörig aus den Fugen zu heben. "Die Theorie von Allem" kippt in einen puren Experimentalfilm-Look, derweil auf der Handlungsebene die frisch erschossene, so sehr an Schrödinger interessierte (aber eher seiner bedauerlichen theoretischen Katze gleichende) Hauptfigur doch nicht erschossen wieder aufersteht. Ihre Mörderin indes – Karin, die in Leinert ihren eigenen Freund erkennt und doch weiß, dass er ein anderer ist – ist nicht mehr auffindbar. Anders als es zuvor die Verehrerin oder Verlobte aus der Heimat berichtet hat, ist auch die Mutter der Hauptfigur keinesfalls nach kurzem Krankenhausaufenthalt verschieden: bei der Heimkehr informiert besagte Mutter allerdings die Hauptfigur darüber, dass die Verehrerin bzw. Verlobte ertrunken sei.

Ein Erzähler rekapituliert nun den bebilderten Abstieg der Hauptfigur: Leinert sei mit seiner Dissertation durchgefallen; ausgerechnet der Doktorvater Strathen, der in der Schweiz seinen eigenen Doppelgänger als Leichnam gesichtet hat, übt sich – ja nicht zum ersten Mal in seinem Leben – in Verdrängung und erteilt Leinerts Multiversen-Theorie eine klare Absage. Unter Physikern ist Leinert unten durch; auch in der Liebe klappt es nicht; Karin wird er nie wiedersehen; Susie, eines der Kinder, die ihm damals die entscheidenden Tipps gegeben hatte, wird als junge Frau bloß kurzzeitig die Geliebte des vertrauten älteren Mannes: die Beziehung beginnt zu enden, als die in den Roman "Die Theorie von Allem" überführte Dissertation Leinerts als italienischer giallo fantastico über eine Kinoleinwand flimmert und Leinerts Liebe zu Karin überlebensgroß vor ihnen aufersteht. Hier sieht man die Szene am Portal noch einmal: nicht im Tscherkassy-Look, auch in keinem 60er-/70er-Jahre-Brakhage-Look, sondern in einem stilechten 60er-/70er-Jahre-Euro-Genrefilm-Look, süßlich verkitscht, naiv, romantisch, pathetisch, atmosphärisch… und mit einem Happy End versehen.
Nicht zum ersten Mal zitiert Kröger hier ein vermeintliches Trivialkino. Zuvor schon wurde eifrig auch der paranoide US-Sci-Fi-Film der 50er Jahre zitiert: insbesondere "The Trollenberg Terror" (1956) mit seiner radioaktiven Wolke (und dem darin hausenden Grauen) über den Schweizer Alpen ist anwesend, wenn über dem Hotel und dem Stollen dauerhaft eine bedrohliche, bizarre Wolkenformation thront. Auch an "Nope" (2021) darf man hier daher natürlich denken – zumal beide Filme ausdrücklich auch Filme über Filme sind.

Und während sich Leinert in seine Erinnerungen von 1962 bis in die 40er Jahre versenkt, fließt die Gegenwart an ihm vorbei: Nach der Thematisierung der Nachkriegszeit mit ihrer Verdrängung des Nationalsozialismus blickt der Film nun auf den 1967er Schahbesuch und auf die RAF; endend mit einer unglücklichen Hauptfigur, die am Leben vorbeiläuft, die nach dem Tod der Mutter bloß noch auf das eigene Ende wartet: wissend um ein Multiversum, an das niemand sonst glaubt und in dem es ihm oder der geliebten Frau vielleicht anderswo besser ergehen könnte.
Karin gerät dabei nochmals kurz in den Blick: als imaginierter und zugleich alles bezeugender Schemen, vor allem aber als leinwandfüllende Abbildung auf einer Fotografie: Freilich hat man hier an "La jetée" (1962) zu denken, der seinerseits "Vertigo" deutlich zitiert und eine tragische Liebesgeschichte mit diffusen Kindheitserinnerungen entfaltet, die von der Zeitreisen-Prämisse in einen ewigen Kreislauf überführt zu werden scheint. Auch etwas von dieser Tragik hallt in "Die Theorie von Allem" nach, wobei es hier keinen Kreislauf gibt (und auch keine reine Zeitreisen-Prämisse), aber doch ein Verfehlen, dessen wahre Natur die Hauptfigur erst nachträglich erkennt (um erst dabei auch die vorherigen Gefühle des begehrten Gegenübers richtig verstehen zu können). Und ein "Upside Down" (2012), der als RomCom Klassismus und mehr in einer Parallelweltenprämisse durchspielt, schwingt auch mit.
Hier endet Krögers Rückblick ins 20. Jahrhundert, der vom Kino der 40er Jahre in die Nachrichtenbilder der 70er Jahre überführt – über Film noir, über Hitchcock, über 50er-Jahre-Invasions-Sci-Fi, über Berg- und Heimatfilme, über Resnais und Robbe-Grillet (in deren "L'année dernière à Marienbad" (1961) man sich im Hotel zugleich schon kennt und noch nicht kennt) und das Autorenkino der Virtualität insgesamt, über gialli und über den Experimentalfilm, alles unter dem Einfluss eines David Lynch, eines Peter Tscherkassy und generell eines zeitgenössischen Metafilms à la Peter Strickland oder Jordan Peele –, der vom Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit über den Kalten Krieg zur RAF führt und der damit Krögers "Zerrumpelt Herz" (2014) – über Familie Leinert in den späten 20er Jahren – als Mittelteil einer losen Trilogie über das 20. Jahrhundert fortschreibt.

Nicht immer gelingt dieses üppige Spiel der Zitate vollends, das in schwächeren Momenten bloß ähnlich ironisch und parodistisch die Genres mixt wie Martin Faltermeiers (ungleich grobschlächtiger und plumper erscheinende, mehr auf trash appeal setzende und unter gänzlich anderen Bedingungen entstandene) Sci-Fi-Horror-Heimatfilm-Komödie "Zombies from Outer Space" (2012), die den deutschen Heimatfilm der 50er Jahre und den US-Invasionsfilm der 50er Jahre im Setting des Bayerns der späten 50er Jahre, einst Teil der Amerikanischen Besatzungszone, verquirlt. Die Momente, in denen aber die Ironie eine Spur zu stark in den Vordergrund tritt (und die Bilder seltsam falsch unter dem Tönen der stilecht pathetischen Filmmusik flimmern lässt), sind jedoch rar gesät und nur von kurzer Dauer.
Es überwiegt eine bemerkenswert ausgewogene Balance zwischen Ernst, Pathos und Ironie, die sowohl europäische und insbesondere deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert ins Bewusstsein ruft und mit der Linie von Hugh Everetts many-worlds interpretation bis zu den Multiversen heutiger Schwachsinns-Blockbuster ein breites Feld US-amerikanischer und europäischer Filmgeschichte einkreist: stilistisch geglückt und gedanklich überzeugend… Bezugnahmen und Einflüsse nachzeichnend, spannende Assoziationen herstellend und alles in einem stimmigen Zentrum bündelnd, das in der hiesigen Filmlandschaft so ungewöhnlich anmutet wie ein Multiversenportal in den Schweizer Alpen. Und mit dem Motiv eines missglückten Lebens vor dem Hintergrund des "Es könnte auch anders sein"-Gedankens, der personifiziert wird von der begehrten Frau, die da war und doch nicht da war, ist das Ganze auch noch emotional anrührend: fast so sehr wie Petzolds "Roter Himmel" (2023), der vermutlich schönste deutsche Film des Jahres, durch den ebenfalls eine romantische Sehnsucht weht… "Die Theorie von Allem" ist hingegen der mit Abstand interessanteste deutsche Film dieses Kinojahres – und das trotz "The Ordinaries" (2022) oder "Das Lehrerzimmer" (2023).

Starke 8/10.

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