Exzellente Neuverfilmung schrecklicher Ereignisse
Der wohl berüchtigste Flugzeugabsturz in der jüngsten Geschichte, obwohl schon über 50 Jahre her, schockiert noch heute und lässt einen fassungslos zurück, wenn man überhaupt begreift, was die Verunglückten von damals alles mitmachen und erleben mussten, um wochenlang bei Eisekälte und anderen Naturkatastrophen zu trotzen, einen starken Überlebenswillen entwickelten. Das alles entsprang keiner Phantasie, sondern waren reelle Ereignisse, die sich abspielten.
Der Stoff wurde bereits mehrfach verfilmt und in Tatsachenromanen niedergeschrieben. Die wohl berühmteste Kinoadaption entstand 1993 unter der Regie von Frank Marshall, mit Ethan Hawke in der Hauptrolle. Der spanische Direktor Juan Antonio Bayona wagte sich 2023 erneut an den sehr strapazierenden Stoff, der ebenfalls eine Kinoauswertung fand und dann direkt auf Netflix wanderte. Als Vorlage diente diesmal der Roman von Pablo Vierci, der eng befreundet war, mit einigen der Betroffenen und Überlebenden.
40 Mitglieder der uruguayischen Rugbymannschaft Old Christian's Club besteigen das Flugzeug zum Fuerza-Aérea-Uruguaya-Flug 571 im Jahre 1972, ausgehend von der Hauptstadt Montevideo Richtung Chile über die Anden. Die ausgelassene Siegerstimmung wird schon bald überschattet von einer der grössten Flugzeugkatastrophen der Menschheitsgeschichte: Das Flugzeug streift durch Pilotenfehler und Unwetter einen Gebirgsgrat, wird dabei in zwei Hälften auseinandergerissen und zerschellt in einem Schneetal inmitten des Riesengebirges. Einige der Passagiere überleben zwar das Fiasko, doch der tragische Überlebenskampf bei -30, -40 Grad Celsius sollte sie eines besseren belehren. Auch ausgesandte Rettungsteams finden die Abgestützten nicht und so sollten die Überlebenden 72 Tage ausharren, bei Eiseskälte, herabstürzenden Lawinen, Nahrungskarenz und den ständigen Kampf ums Überleben. Eine Hardcore Belastungsprobe für alle!
J.A. Bayona, der schon Bekanntheitsgrad durch seine Regiearbeit mit "Jurassic World- Das gefallene Königreich" erlangte, machte sich mit "Der Schneegesellschaft" zum Vorsatz, einen noch authentischeren Film über die Thematik des Vorfalls von 1972 zu erschaffen, was ihm auch sehr gelungen ist. Möge der Titel des Films auch leicht ironisierend wirken, so werden die einzelnen Handlungsabläufe, vom Flug bishin zur Rettung, fast schon minutiös und bis ins kleinste Detail aufgezeigt und das alles ohne Ironie, nüchtern und packend authentisch. Erschütternd und brutal realistisch einen Flugzeugabsturz in Szene zu setzen, setzt schon Erfahrung voraus. Man fiebert mit, von der ersten bis zur letzten Minute und gewinnt niemals den Eindruck, Langeweile oder Belanglosigkeit könnten sich breit machen.
Auch die Kameraarbeit von Pedro Luque kann sich auf beeindruckende Art und Weise sehen lassen: Fängt er die wunderschöne Naturkulisse der schneebedeckten Anden in der Totalen ein, lässt er die verzweifelten Opfer mickrig von oben aussehen, gewinnt man den Eindruck der schieren Unüberwindbarkeit der Berge. Die Anden als natürlicher Gegenspieler werden hier deutlich in ihrer Macht und Überlegenheit visuell klasse dargestellt.
Zusätzlich zur Klasse des Filmes tragen die schauspielerischen Fähigkeiten der relativ jungen Darsteller bei, die allesamt erschreckend und authentisch die Rollen der Verunglückten rüberbringen.Die Performance wirkt zu keiner Zeit überspitzt oder kitschig. Der Film stützt sich dabei auch keinesfalls auf falsch aufgesetzte Sentimentalitäten und wirkt von Anfang an wirklichkeitsgetreu. Man ist als Zuschauer schon fast geneigt, mitzufrieren und das bei eiskalten Bildern und den perfekt agierenden bis zur Grenze ausgeloteten Charakterkünsten aller Einzelnen. Des weiteren wird noch das Stilmittel des Voiceovers genutzt, welches vom verstorbenen Charakter Numa Turcatti erzählt wird. Als faktisches Plus integriert der Regisseur nach dem Ableben der Charaktere auf dem Screen deren kompletten Namen und das erreichte Lebensalter, was den Wahrheitsgehalt zusätzlich aufzeigen soll.
Bayona schöpft hier aus dem vollen, zeigt wirklichkeitsgetreu die Auswirkungen von Exponiertheit der gnadenlosen Natur und klimatischen Einflüssen. Angefangen von den psychischen Symptomen bishin zu den körperlichen Leiden und Qualen. Einer der in der Geschichte thematisierten Hauptfaktoren, nämlich die des praktizierenden Kannibalismus aus der Not heraus wird hier nur taktvoll und zurückhaltend in Szene gerückt, praktisch nur angedeutet, was völlig ausreichend ist. Trotzdem sprechen die gezeigten Bilder Bände für sich und beinhalten eine gewisse Härte. Das Kopfkino, das sich im Zuschauer breit macht, erteilt sein übriges.
Die wichtigen Handlungspunkte, die die Story ausmachen, werden gekonnt abgesteckt und im Wechsel geniales Schauspiel zu wendungsreichen Katastrophen, festgehalten. Mit über 140 Minuten Spielzeit scheint das Katastrophenthrillerdrama lang geraten,fesselt jedoch jede Minute. Auch die Dialoge, die sich auf' s Überleben konzentrieren, sind niemals überspitzt und selbst auf die moralischen Bedenken seitens der Überlebensstrategen wurde Wert gelegt.
Die Filmmusik wurde sehr wohl dosiert und in ruhigen, traurigen, sowie bei erlösenden Handlungsszenen in höheren Klängen bestehend aus Flügel und Streichern eingesetzt; stets passend zum gezeigten, aber nie künstlich aufdringlich.
Bayona gelang ein visuell prägendes, stark beeindruckendes virtuoses Stück Kino, wie es nur das Leben schreiben könnte, mit authentischen Newcomer Schauspielern, einem realistischem Setting und packender Dramatik pur. Ein Überlebenskampf, der mitreisst, gleichzeitig fasziniert und mit einer imposanten Naturkulisse aufwartet, die gleichzeitig unerbittlicher Gegner darstellt, ohne jegliche Vegetation und Fauna, inmitten verzweifelte Absturzopfer, gefangen und ohne Hoffnung. Eine starke Neuauflage aus Südamerika, welche die US- Kinoauswertung von 1993 locker in den Koffer packen kann und seinem Anspruch gerecht wird.
Ist die FSK:16 Freigabe gerechtfertigt? Zurückhaltend gezeigter nur angedeuteter Kannibalismus; trotzdem hat der Film härtere Bilder und eine schonungslos gespielte Geschichte zu bieten. Die Freigabe ist durchaus berechtigt!