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Im DVD-Zeitalter hat sich schon so manche Perle, die selbst auf VHS einem großen Publikum nicht immer zugänglich war, der Käuferschaft erschlossen, aber es gibt hier und da immer noch den einen oder anderen Klassiker, den man eben nicht an jeder Ecke präsentiert bekommt.
Einer der wenigen, wirklich bedeutsamen Gruselfilme, die das noch betrifft, vor allem in Deutschland, ist Jacques Tourneurs „Night of the Demon“, den es zwar in einer deutschen Fassung gab, um den sich aber niemand zu kümmern scheint.

Das ist um so bedauerlicher, daß es einer der wenigen Gruselfilme ist, die das Prädikat wirklich verdienen – allerdings ist einem größeren Bekanntheitsgrad hinderlich, daß seine Produktion in eine Zeit fiel, in der kaum ähnliche Werke produziert wurden, sondern die Welt von mutierten Insekten und angriffslustigen Außerirdischen fasziniert war.

Tourneur war auf dem Gebiet des Horrors nicht unbeleckt, im Gegenteil, er hatte bis Mitte der 40er Jahre eine ganze Reihe von Gruselfilmen für Val Lewton inszeniert und dabei Meilensteine wie „Katzenmenschen“ oder „Ich folgte einem Zombie“ erschaffen, die auch heute noch ihr Publikum durch die düstere, unheimliche Stimmung und die schattig durchkomponierten Bilder begeistern.
Danach hatte Tourneur sich dem „Film Noir“ und Thrillern sowie Abenteuerfilmen zugewandt, doch in gewisser Weise stand ihm ein Meisterstück noch bevor. Dies bot sich mittels der Verfilmung einer der berühmten Geistergeschichten des britischen Kirchenfachmanns Montague Rhode James, der in den ersten drei Jahrzehnten des Jahrhunderts wie nebenbei zu seiner Lehrtätigkeit drei Dutzend Geistergeschichten veröffentlicht hatte, die auch heute noch von Rang und Namen sind, allein verfilmt wurde bis damals kaum eine davon.

Zu James berühmtesten Werken zählt sicherlich die Vorlage für „Night“, nämlich „Casting the Runes“ oder „Drei Monate Frist“, die Geschichte eines Literaturprofessors, der das Werk eines Satanisten verreißt und sich damit dessen Zorn zuzieht. Der finstere Autor übergibt ihm unbemerkt ein Papier mit Runen und legt so eine Fluch auf den Professor, der sich zunehmend verfolgt sieht und seltsame Botschaften bekommt. Um dem Schicksal seines Vorgängers zu entgehen, muß er dann das Pergament zurückgeben, was natürlich nicht im Sinne des Absenders ist, der sich zu schützen weiß.

James Geschichte findet sich im großen Ganzen in diesem Film wieder, auch wenn gewisse Nuancen verändert wurden und das alles zu einer eher konventionellen Konstruktion zusammengebaut wurde. Allerdings beruhen die Veränderungen zum Teil auch auf dem Einfluß des Produzent Hal E.Chester, der sich in die meisten seiner Filme einzubringen versuchte und auch hier den Autor Charles Bennett beeinflußte.

So ist nun hier ein Amerikaner ein Ziel des Fluchs, ein Enthüller von Scharlatanen zu Besuch auf einem Kongress in London, der nach dem Ableben eines Kollegen dessen Tochter kennenlernt und ebenfalls in Besitz des Pergaments kommt und die Folgen spürt. Obwohl man auf eine konventionelle Liebesgeschichte verzichtete, pfropfte man dem Geschehen noch eine Nebenhandlung auf, nach der die Runen auch in Stonehenge zu besichtigen waren und schon für einen einfachen Farmer zum Verhängnis wurden, der sich in einem katatonischen Zustand befindet, während er auf seine Mordanklage wartet.
Der Kern der Story bleibt jedoch enthalten: der kantige Dana Andrews gibt den ewigen Zweifler, dessen Wahrnehmung zunehmend außer Kontrolle gerät und der bemüht ist, alles rational zu erklären. John Holden kehrt trotz gegenteiliger Anzeichen immer wieder zu seiner alten Position zurück, während die Tochter des ersten Opfers hier die Gläubige ist.
Der Widerpart ist der sinistre Karswell, mit ungemeiner Finesse und gebremster Hinterhältigkeit gespielt von Niall MacGinnis, der mit seiner alten Mutter auf einem Landsitz residiert und der scheinbar aus dem Nichts ein Gewitter ausbrechen lassen kann.

Tourneur ist in Hochform in diesem Werk, er schafft eine stete, diffuse Stimmung der Bedrohung, die aus dem Nichts zu kommen scheint und zitiert noch einmal sein großartiges Licht- und Schattenspiel aus „Katzenmenschen“. Immer wieder wird die Handlung durch Szenen der Verunsicherung durchbrochen: das Gewitter, das aus dem Nichts ein Kinderfest zerstört; ein aus dem Nichts erscheinender Leopard; Andrews, der sich in labyrinthartigen Hotelfluren mit identischen Türen verirrt, seine flimmernde Wahrnehmung, als ihm das Pergament überreicht wird, nicht zuletzt die versuchte „Flucht des Pergaments“, als er es schließlich entdeckt.
Selbst eine alberne Sequenz wie die ungewollte Seance gewinnt durch die Stimme des ersten Opfers, wie er die letzten Sekunden seines Lebens rekapituliert: „It’s in the Trees. It’s coming...“ schreit die Stimme, ein Zitat, das Geschichte machte.

Größter Diskussionspunkt des Films ist und bleibt das Auftauchen des Dämons an sich, der in lediglich zwei Szenen überhaupt auftaucht. Angeblich wollte Tourneur den Dämon nie zeigen und die Erscheinung wird Chesters Einfluß zugeschrieben, aber das scheint Legende zu sein. Und es wäre auch schade gewesen, denn gerade die beiden Auftritte des Höllenwesens gehören zum Besten, was das Horrorkino zu bieten hat.
Zunächst erscheint aus dem Nichts in der Höhe eine Licht- und Feuerwolke, aus der sich langsam die herangleitende Silhouette des geflügelten Dämons schält, der fast nur aus Maul und Hörnern zu bestehen scheint. Unerbittlich nähert es sich seinem Opfer, das sich beim zweiten Mal zwischen der Hölle und einem heranrasenden Zug befindet, der die gleichen Begleiterscheinungen (Heulen und Dampf) mit sich führt.
Dazwischen ist der Film nicht so optisch eindeutig und gerade diese Gegensätze geben ihm seine besondere Qualität.

Sicher, nichts ist ohne Makel. Der Handlungsstrang um den Farmer ist letztendlich bedeutungsarm und wurde für den US-Release dann auch aus dem Film gekürzt (der so 14 Minuten kürzer, aber auch straffer wurde), was sich insofern nicht schlecht anfühlt, als das Andrews nicht unbedingt die beste Besetzung für John Holden war. Zu reserviert und zu ruhig nimmt er sich der unheimlichen Vorfälle an, die Mimik begrenzt und doch eher poltrig wie in den Filmen der schwarzen Serie, die ihn zum Star machten. Wirklicher Zeitdruck (die drei Monate Frist der Geschichte werden im Film zu zwei Wochen und der größte Teil entfällt auf die letzten 48 Stunden) kommt durch das Bremsen Andrews leider nicht auf, nur die optisch beeindruckenden atmosphärischen Sequenzen retten den Film auf Klassikergebiet. Das und die Leistung von MacGinnis, der eine wirklich beeindruckende Erscheinung abgibt.

So gibt es mit „Night of the Demon“ für Genreliebhaber eine Menge zu entdecken, viele kleine spektakuläre und gruslige Kleinigkeiten, die sich zu einen düsteren, geschlossenen Ganzen komprimieren – nur muß man dafür auf einen DVD-Import zurückgreifen, da der Film selbst bei den Fernsehverwertern in einem ebenso finsteren Archiv verloren scheint. (9/10)

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