Review

Irgendwie war er ziemlich genervt, der Typ, der da in die Aufnahme eines kleinstädtischen Krankenhauses reinspazierte. Er wolle zu Louise, sagt er zu der Frau am Schalter, doch die weist ihn darauf hin, erst einmal eine Nummer zu ziehen und dann zu warten, bis er dran sei. Artan (Alexej Manvelov) tut, wie ihm geheißen, kann es aber kaum erwarten, an die Reihe zu kommen. Als es endlich soweit ist, wird er aber kurz abgefertigt: Louise ist gerade bei einem Patienten und könne nicht einfach Besuch empfangen. Daraufhin verliert Artan die Beherrschung: er zieht eine Pistole und verlangt, Louise zu sprechen. Aufgeschreckt durch den Lärm erscheint die Gesuchte (Alma Pöysti) dann beim Empfang - sie ist alles andere als erfreut, Artan zu sehen. Wie sich schnell herausstellt, ist dies ihr Ehemann, von dem sie aber längst getrennt lebt und sich scheiden lassen will. Das Sorgerecht für die einjährige Tochter hat sie, und der Grund für den Beziehungsstreit war eine Verabredung in einem Café, zu dem Louise aber nicht erschienen ist.
Die mittlerweile verständigte Polizei postiert sich vor dem Krankenhaus, was der nervöse Artan durch die Fenster beobachtet. Eigentlich wollte er diese Situation überhaupt nicht, aber mit einer Waffe in der Hand handelt es sich mittlerweile um eine Geiselnahme, wie ihm schnell klar wird. Bei den Uniformierten wird das SEK angefordert, doch wird es mehrere Stunden dauern, bis es vor Ort ist - in dieser Situation ergreift der erfahrene Lukas (Fares Fares) die Initiative und bietet sich als Verhandlungsführer an: in Unterhosen kommt er allein und unbewaffnet in die Ordination, um sich einen Überblick zu verschaffen. Aber Artan will eigentlich gar nicht verhandeln, er will nur mit Louise alleine reden, weswegen er einen zivilen Fluchtwagen verlangt. Den können die Sheriffs vor Ort besorgen, wofür er jedoch alle Geiseln (Ärzte, Pfleger und Patienten) gehen lassen soll, was Artan auch erlaubt. Nur noch zu dritt will Artan jetzt aber raus, mit Lukas als Fahrer. Und so beginnt die Fahrt, der Polizist am Steuer und Artan auf der Rückbank, seiner (Noch-)Ehefrau die Pistole an den Kopf haltend...
 
Das Regiedebut Eineinhalb Tage des aus Erbarmen (2013) und Schändung (2014) einem internationalen Publikum bekannten Fares Fares ist ein kleines, aber feines Psycho-Drama geworden: mit nur wenigen Personen entwirft das Drehbuch Szenen einer Beziehung, an deren Scheitern - wie sich herausstellt - jedoch nicht nur der ebenso martialisch wie verzweifelt auftretende Artan Schuld hat. Während sich die ehemaligen Partner mit gegenseitigen Vorwürfen eindecken, versucht der Polizist als Fahrer stets zu kalmieren und die Situation zu beruhigen, ohne sich dabei eindeutig auf einer der beiden Seiten zu positionieren. Seine Spannung bezieht das Drama aus der realistischen Inszenierung eines kleinstädtischen Geiseldramas, dessen Ausgang -  bedingt durch den impulsiven Artan - nicht vorherzusehen ist, während man bruchstückhaft die Vorgeschichte der beiden erfährt.

Mit kleinem Budget und einer überschaubaren Anzahl Darsteller gelingt es Fares Fares, der hier nicht nur als Regisseur, sondern auch als Drehbuch-Co-Autor und einer der drei Hauptdarsteller auftritt, ein Stück schwedischer Gegenwartsgeschichte zu erzählen. Der Albaner Artan hatte die etwas ältere Schwedin Louise kennengelernt und wollte mit ihr eine Familie gründen. Doch Louise, die unter psychischen Problemen litt und leidet, konnte mit dessen erziehungsbedingt toxischer Männlichkeit wenig anfangen und so kam es zu einem Vorfall, aufgrund dessen Artan sogar ins Gefängnis mußte. Dazu kam der wenig hilfreiche Einfluß von Louises Eltern, besonders ihr Vater (der später auch im Film auftritt) war und ist ein übler Rassist.

Viele kleine und bemerkenswerte Details zeichnen Eineinhalb Tage aus, der auf jegliches Pathos oder Gefühlsduselei verzichtet, selbst dann, als Lukas eine persönliche Note in die Geschichte bringt, um die Situation zu entschärfen. Dem hünenhaften, vollbärtigen Fares Fares nimmt man sogar zwischenzeitliche Tränen problemlos ab, wie es mit zunehmender Filmdauer auch keinen Alleinschuldigen zu geben scheint und man für beide beteiligten Ex-Partner trotz deren Fehlverhalten zumindest ein Quantum Verständnis aufbringen kann.
Ein Film, in dem es erfreulich viele Grautöne gibt und der zu einem realistischen Ende kommt, die weiteren Folgen jedoch bewußt offen bzw. der Interpretation der Zuschauer überläßt - empfehlenswert, 8 Punkte.

Details
Ähnliche Filme