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Es gibt derzeit nicht viel Positives im Leben von Liza Drake (Emily Blunt) - sie lebt gemeinsam mit ihrer Mutter Jackie (Catherine O´Hara) und Tochter Phoebe (Chloe Coleman) in der Garage ihrer älteren Schwester, die sie gerade rausschmeißen will. Mietschulden und aktuell eine Suspendierung ihrer Tochter Phoebe von der Schule, weil sie in einem Wald Feuer gelegt hatte, zwingen Liza, einstweilen in ein Motel umzuziehen.

Beruflich arbeitet die Mittdreißigerin als Stripperin, würde aber gerne die Branche wechseln, und diese Chance sieht sie gekommen, als sie einen ihrer Kunden abcheckt: der gelangweilt wirkende Pete Brenner (Chris Evans) arbeitet bei dem kleinen Pharma-Start-up Zanna und kann eine gutaussehende neue Vertrieblerin gebrauchen, zumal das Geschäft schlecht läuft. Mit einem gefälschten Lebenslauf stellt er Liza, die händeringend jeden Job annehmen würde, der skeptischen Belegschaft vor und schafft es sogar, Firmenbesitzer Dr. Jack Neel (Andy Garcia), einen exzentrischen Millionär, von ihren Verkaufsqualitäten zu überzeugen - Liza kriegt den Job trotz des Einstellungsstops bei Zanna. Daß die pharmakologisch vollkommen unerfahrene Blondine ab jetzt das definitiv süchtig machende Schmerzmittel Lonafen als ein nicht süchtig machendes verkauft, ist ihr somit anfangs nicht klar, zumal Pete, der die Zusammenhänge allerdings nur zu genau kennt, eine riesige neue Werbekampagne dafür fährt. Deren Erfolg läßt auch nicht lange auf sich warten: in den nächsten Wochen und Monaten gehen die Verkaufszahlen bei Zanna steil nach oben und alle Beteiligten profitieren, für Liza scheinen endlich glückliche Zeiten angebrochen zu sein - doch das dicke Ende kommt nach...


Die schwarze Komödie Pain Hustlers des britischen Regisseurs David Yates (Harry Potter) thematisiert den Opioid-Skandal, der in den USA etwa ab 2012 bis zum Höhepunkt 2021 mehrere 100.000 Tote verursachte, die von den als harmloses Schmerzmittel verkauften Pillen (Fentanyl) abhängig und süchtig wurden und schließlich an einer Überdosis starben. Ein ernstes Thema also, dessen Proponenten im Film allerdings weitgehend so agieren, als sei dies alles ein großes Spiel, das ähnlich einem spektakulären Bankraub o.ä. schlußendlich blöderweise dann doch geklärt wurde. Blendet man die vielen Opfer aus, die ihr Leben durch ihr Vertrauen in nicht an ihrer Gesundheit, sondern ausschließlich an Profit interessierten Pharmafirmen und Ärzten verloren haben, kann man sich über die vielen süffisanten bis zynischen Dialoge und Begebenheiten in Pain Hustlers durchaus amüsieren.


Denn für die High-School-Abbrecherin Liza, die sonst an einer Stange tanzt, geht hier wirklich ein Traum im Land der unbegrenzten Möglichkeiten in Erfüllung: das viele Geld, das sie jetzt verdient, kann sie gut brauchen - auch für ihre Tochter, die an einer seltenen Krankheit leidet. Zudem erweist sie sich als Multi-talent und organisiert party-ähnliche Events, in denen das teuflische Präparat in den höchsten Tönen gepriesen wird. Als das Start-up Zanna schließlich an die Börse geht und beginnt, das bisher nur Krebspatienten verschriebene Mittel als ganz normales Schmerzmittel zu vermarkten (wohlweislich auch mit ärztlicher Unterstützung ehemaliger Gegner des Präparats, die sich kaufen ließen), ist Liza die Tragweite ihres Handelns immer noch nicht bewußt. Erst als die Angehörigen der ersten, nachweislich daran gestorbenen Patienten laut werden (wie z.B. ihr Nachbar im Motel, dem sie zu dem Mittel geraten hatte), begreift sie langsam, worin sie verwickelt ist und mutiert zur Whistleblowerin. Dieses letzte Drittel des mit 123 Minuten überlangen Films, in dem dann mit dem Eingreifen der Ermittler noch diverse Thriller-Elemente eingeführt werden, ist allerdings der am wenigsten gelungene Part der Komödie.


Pain Hustlers, der große Parallelen mit Scorseses The Wolf of Wall Street (2013) aufweist, macht es dem Publikum über weite Strecken leicht, über das Gezeigte zu schmunzeln, indem es die beiden Hauptdarsteller, deren Denkweise und märchenhaften Aufstieg in den Vordergrund stellt, die Opfer des ungebremsten Verkaufswahns des gefährlichen Suchtmittels jedoch weitgehend ausblendet. Trotz juristischen Eingreifens und Verurteilung einiger Pharmafirmen in der Realität haben die USA bis heute mit den Folgen des Skandals - Millionen Schmerzmittel-Süchtige - zu kämpfen. Dies mag auch der Grund sein, wieso die schwarze Komödie Pain Hustlers überwiegend negative Bewertungen erhielt.


Betrachtet man den Film jedoch aus dem fernen(?), von dieser Form der Drogenproblematik gottseidank verschonten Europa rein bezüglich seiner Genremerkmale, seiner Dialoge, seines Schnitts und natürlich seiner darstellerischen Leistungen (Blunt und Evans gehen in ihren Rollen geradezu auf, auch die Nebenrollen sind top besetzt), ist diese fiese Darstellung menschlicher Gier in der Welt des Turbokapitalismus - zumindest in den ersten beiden Filmdritteln - mehr als nur einen Blick wert. 7 Punkte.

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