Die Weihnachtsferien stehen an und so bereiten sich die Schüler der privaten Barton Academy auf die Abreise vor. Nicht alle, denn eine Handvoll Jungs „darf“ auf dem Campus verbleiben, da sie aus unterschiedlichen Gründen nicht nach Hause können. Zum Aufpasser wurde Paul Hunham bestimmt, der sich genauso wenig darüber freut wie der Rest, denn sonderlich beliebt ist der Lehrer für antike Zivilisationen nicht.
In der kleinen Gruppe, die also über die schulfreie Zeit auf dem Campus bleibt, entstehen naturgemäß Reibungen. Differenzen zwischen Hunham und den Schülern, aber auch zwischen den Jungs selbst. Da ist es ein kluger Kniff des Skripts, diese überschaubare Meute noch weiter einzudampfen und so konzentriert sich der Film auf das Trio Hunham, Schüler Angus Tully und Küchenchefin Mary Lamb, wobei diese auch immer wieder mit anderen Figuren interagieren.
Dabei ist „The Holdovers“ fantastisch geschrieben, David Hemingsons Skript brilliert auf diversen Ebenen. Zuvorderst zu erwähnen wären im Allgemeinen die den Figuren in die Münder gelegten Zeilen. Zwischen eloquent und unbeherrscht stimmt hier jeder Satz und passt zu den unterschiedlichen Charakteren, sodass die Dialoge nie aufgesetzt klingen. Sie wirken zwar künstlich in einem künstlerischen Sinne, aber eben nicht unnatürlich.
Natürlich fängt Hunham immer wieder mit seinen Vergleichen in die Historie an. Das ist sein Leben, daraus zieht er Leben. Ich mochte diesen grummeligen Einzelgänger von Beginn an, auch wenn das vielleicht nicht intendiert war. Doch enthüllt er, wie auch die anderen zentralen Figuren, mit fortschreitender Spielzeit allerlei Facetten und Hintergründe. Eine der Aussagen in dem von Alexander Payne inszenierten Film, dass hinter jedem Menschen Geschichten und Schicksale stecken. Man sieht sie nicht, erkennt sie nicht, doch schleppt sie jeder mit sich durchs Leben. So auch Hunham, der sein Leben dem gewidmet hat, was er tut. Die Gründe dafür entfalten sich und so prallt dieses gesammelte Leben auf das von Schüler Angus, der mit der Zeit auch weitere Schichten freilegt. Von Hunham, von sich selbst. Auch ein Übriggebliebener. Das ist alles nicht neu, wird hier aber einfach famos dargeboten.
Paul Giamatti brilliert als Mensch mit Prinzipien, einem Wissenden auf der einen und jemandem, der manche Erfahrungen neu zulassen muss auf der anderen Seite. Sein Spiel ist nuanciert, sowohl herrlich komisch als auch berührend, wenn es die Geschichte verlangt. Wobei auch Dominic Sessa als Angus in seinem Debüt hier eine gute Leistung liefert, ebenso wie Da'Vine Joy Randolph als Mary. Beide Figuren bekommen ihre Geschichten und diese verbinden sich mit dieser Zwangsgemeinschaft. Keine Episode wirkt dabei unnötig. Und liegt der Fokus auch auf Hunham und Angus, so bekommt Mary doch den Part, der wohl mit am meisten Empathie hervorruft.
Eine Erwähnung ist auch die dramatischen Zuspitzung im Hinblick auf die Konstellation an sich und die Geschichten hinter den Figuren wert. So schält Hemingsons Skript zwar aus jeder Emotionen und Drama heraus, lässt dies aber nie melodramatisch eskalieren. Eine angenehme Herangehensweise, die das Konstrukt vielleicht auf den ersten Blick leichter konsumierbar erscheinen lässt, hier aber eben nur auf einer anderen Ebene arbeitet. So haben mich die immer wieder eingebrachten melancholischen Tendenzen oft erwischt. Genauso wie die treffsicheren Dialoge, die immer wieder für einen Lacher gut sind. Hier und da lässt sich das Skript auch zu Kommentaren hinreißen. Über die Privilegien der Bessergestellten, deren Gehabe, die Welt an sich und wie man sich in dieser zurecht- oder mit ihr abfindet.
Schon zu Beginn fällt die Präsentation auf. Der visuelle Still ist nicht nur in der Ausstattung auf das Jahr 1970 ausgelegt, Payne imitiert den kompletten filmischen Stil schon durch die Verwendung der Studiologos, des leicht unruhigen Bildstandes, der Farbgebung und manchen Defekten auf der Rolle. Sieht chic aus und auch stimmig, bleibt aber eben eine Imitation. Es schadet dem Seherlebnis nicht, wirkt aber dennoch etwas aufgesetzt. Mark Ortons Score bleibt zwar immer wieder mal im positiven Sinne unauffällig, kann sich aber in manchen Szenen positiv bewusst machen.
So neu ist das hier nicht. Paynes Lehrer-Schüler-Dramödie ist auf dem Papier ein schon öfters durchexerziertes Konstrukt. Und dennoch funktioniert die Mischung hier ausgezeichnet, auch dank eines brillanten Paul Giamatti. So schafft „The Holdovers“ ein Werk zu sein, dass dieser Formel trotz einer bekannten Struktur ein starkes emotionales Fundament mitgibt. Auf dieses baut man mit Witz, einem tollen Ensemble und dem ein oder anderen wässrigen Auge etwas mehr als zwei großartige Stunden. Wunderbar entschleunigt, nicht ohne Klischees, aber ohne diesen Zwang zum Melodrama. Toll geschrieben, ebenso gespielt.