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Aufarbeitung, Warnung oder Verdrängung?

Flick als Bundestrainer war einmal. Spätestens nach dem 1:4 gegen Japan war allen klar - so kann es nicht weitergehen. Doch zeigt diese mit Fremdschammomenten und Ratlosigkeit nicht geizende Amazon Miniseriendoku, dass eigentlich schon im Winter nach Katar die Reissleine hätte gezogen werden müssen… Wie bei der „All or Nothing“-Dokureihe üblich (zuvor folgte man z.B. von Manchester City bis zu NFL-Clubs schon vielen Teams durch ihre Saison), begleitete man die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren durch das (leider sehr kurze) Turnier im umstrittenen Wüstenstaat. Drei Spiele zum Vergessen. Und ein Trainer, eine Mannschaft, ein Verband (und eventuell sogar ein Land?) am Abgrund, in der Krise, im Zugzwang eines kompletten Neuanfangs.

Von Anfang an der Wurm drin

Mittlerweile kennen wir Flicks offiziellen Nachfolger, hat der Auftritt unter Interimslegende Völler gegen Frankreich Bock gemacht und kann man vielleicht wieder etwas positiver auf die kommende EM im eigenen Land blicken. Nicht mit der Hoffnung, dass Deutschland den Pokal holt, sondern zumindest dass die Mannschaft sich reinhängt, nicht wieder in der Vorrunde rausfliegt und vor allem dass es ein europäisches Fussballfest wird. Es hat sich also schon etwas getan seit Katar und sogar seit der Veröffentlichung dieser vierteiligen Amazon-Doku. Zum Teil sind das aber eben auch Fakten und Entwicklungen, die „All or Nothing: DFB in Katar“ noch bescheuerter und unverständlicher erscheinen lassen. Was für Fussballdeutschland und alle Beteiligten schwer zu ertragen sein kann - aber natürlich auch Reiz dieses Einblicks ausmachen kann. Von einer unterschwellig kaputten Stimmung im Team über Flicks fehlenden Einfluss bis zu politischen Störfaktoren, von Ausrastern in der Kabine über fragwürdiges Auftreten der DFB-Führungsriege bis zum allgemeinen Schönreden der wohl größten Krise im deutschen Herrenfussball seitdem der Ball rollt. Aus all solchen Cringemomenten zwischen Graugans-Motivationsvideos und Hipster-„Fußballdoktoren“ kann man schon eine Menge ziehen. Als Zuschauer, als Deutscher, als Fußballfan. Ich hoffe auch als Beteiligter bzw. Nachfolger der Beteiligten. Ob solch eine Doku nicht Anti-Werbung war und je nochmal zustande kommt/käme, ist höchst fraglich. Ein bisschen wie ein Autounfall mit Ansage sind diese knapp 4 Stunden - und das hat man in der Sportwelt, wo so gerne Erfolge zur Schau getragen werden, ja auch nicht allzu oft. 

Fazit: selbst wenn es etliche Stellen der Fremdscham, der Fragwürdigkeit, der Ratlosigkeit und der Wut gibt - der Einblick hinter die Kulisse, in die Umkleiden und recht ehrlich (wenn auch ratlos) wirkenden Worte sind sehenswert und interessant. Selbst wenn das Abenteuer WM 2022 in Katar viel zu kurz und frustrierend war. Oder eigentlich die komplette aktuelle Epoche im Herrenfussball. Leider. „All or Nothing: DFB in Katar“ ist inhaltlich, fußballerisch, planungstechnisch ein Vorzeigebeispiel, wie man es nicht macht. 

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