iHaveCNit: All Eure Gesichter (2023) – Jeanne Herry – Studiocanal
Deutscher Kinostart: 14.12.2023
gesehen am 16.12.2023
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema – Petit – Reihe 1, Platz 5 – 20:45 Uhr
In meiner Wahrnehmung gibt es vor allem bei Gewaltverbrechen ein starkes Spannungsfeld zwischen strafrechtlicher Verurteilung der Täter auf der einen Seite und natürlich der Wiedergutmachung und der Genugtuung für die Opfer auf der anderen Seite. Ein Instrument für die Lösung dieses Spannungsfelds ist „Restorative Justice“, hierzulande als „Täter-Opfer-Ausgleich“ bekannt, bei dem sich mithilfe der Moderation von Mediatoren Opfer von Gewaltverbrechen mit Tätern von Gewaltverbrechen an einen Tisch setzen. Die französische Regisseurin Jeanne Herry hat nun mit „All Eure Gesichter“ ein Drama inszeniert, dass uns einen Einblick in die Formen von „Restorative Justice“ liefert und den ich mir sehr gerne natürlich auch angesehen habe.
Einige Opfer von Gewaltverbrechen, Chloe, Gregorie, Sabine und Nawelle haben den Mut gefasst, an einem Programm für „Restorative Justice“ teilzunehmen. Während Gregoire, Sabine und Nawelle Opfer von gewaltsamen Raub geworden sind und hier auf Täter trifft, die diese Form der Verbrechen vorgenommen haben, hat sich Chloe dazu entschlossen, die persönliche Gesichte mit dem sexuellen Missbrauch durch ihren Bruder in ihrer Kindheit und Jugend damit aufzuarbeiten.
„All Eure Gesichter“ ist ein sehr nüchtern und zurückhaltend, fast dokumentarisch inszenierter Film geworden, der es durch diese „leise“ Inszenierung schafft, seine Kraft zu entwickeln, wenn wir als Zuschauer den erschütternden Geschichten zuhören und sich damit selbst wenn eine Person einfach nur über etwas spricht, ein Kopfkino entwickelt, um die erschütternde Geschichte zu untermauern. Der Film zeigt uns hier anhand einer Gruppensituation und einer konkreten 1:1-Situation beispielhaft, wie diese von Mediatoren moderierten Treffen ablaufen und welche Erkenntnisse und Verarbeitungen der Erlebnisse sowohl für die Täter als auch die Opfer durch diese Form des Konfliktmanagements und dieser Kommunikation möglich sind und auch welch emotionale und psychische Herausforderung das für alle Beteiligten ist. Klar sind knapp 2 Stunden bereits eine lange Laufzeit, aber ich hätte dem Film, der durchaus auch für den Zuschauer emotional herausfordernd ist und an die Nieren geht, gerne länger zugesehen, weil hier definitiv noch mehr Raum gewesen wäre, dem schon sehr komplexen und vielschichtigen Thema noch mehr Tiefe geben und auch noch kritischer und differenzierter betrachten zu können.
„All Eure Gesichter“ - My First Look – 8/10 Punkte.