Joe Salkow sitzt nach seinem Einsatz in Vietnam in einer amerikanischen Heilanstalt, um ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten. Er wurde Zeuge, wie zwei Vietnamesen eine Frau mißhandelten, vergewaltigten und anschließend mit einer Dynamitstange in die Luft sprengten. Nach sechs Monaten Klinikaufenthalt wird er als geheilt entlassen. Aber das ist ein Trugschluß, denn Joe wird weiterhin von den Visionen, die ihn seit diesem Erlebnis heimsuchen, gequält. Eine normale Sexualität kann er nicht mehr ausleben ohne daran zu denken. Das schürt in ihm einen unbändigen Haß auf Liebespärchen, die ihre Sexualität ungehemmt auszuleben pflegen. Er nistet sich in einem abgelegenen Motel ein und besorgt sich eines Tages einen großen Vorrat an Dynamit. Von nun an hat er nur noch den einen Lebenssinn: alle Liebespaare in die Luft zu sprengen. Die Polizei tappt im Dunkeln und findet kein zusammenhängendes Motiv zwischen den grundverschiedenen Opfern des wahnsinnigen „Verheerers“. Mittlerweile geht Joe der Vorrat an Sprengstoff aus, und dieser Umstand degradiert ihn zu einem tatenlosen Voyeur. Mit dem letzten Päckchen Dynamit jagt er seine nervige Vermieterin ins Jenseits und sucht das Haus des Polizeikommissars auf, um sich an dessen Frau zu vergreifen. Doch er wird auf frischer Tat ertappt und schließlich gnadenlos erschossen.
Unfaßbar, was es nicht alles an obskuren Filmen gibt und auf welche Ideen einige Filmemacher kommen. Einer davon ist der gebürtige Belgier Charles Luis Nizet, der sich zeitgemäß als einer der Ersten an einen kritischen Ansatzpunkt zum Vietnamthema versuchte, indem er schonungslos zeigt, welch schwere Folgen Kriegstraumata für die menschliche Psyche mit sich bringen können. Aber der Inhalt offenbart bereits, daß dieser Kritikansatz zu keinem Zeitpunkt ernst zu nehmen ist – genau das Gegenteil ist der Fall. Denn hier geht es um pure Exploitation, die sich gewaschen hat. Grundlegend zielt Nizet auf den Voyeurismus der Zuschauer ab, indem er minutiös die neckischen Spielchen junger Liebespärchen zelebriert. Obwohl der Nudistenfaktor extrem hoch ist, bleiben uns intimere Details glücklicherweise erspart. Auch anturnend ist das alles nicht, denn der Freiraum für diese Szenen wird immer enger, wenn uns Pierre Agostino ständig im Schweiße seines Angesichts wilde Grimassen schneidet und seine Zuckungen höchste Erregung gestehen. Gerade diese Augenblicke sorgen für gröbere Heiterkeit auf Seiten des Betrachters, jedoch verfügt der Streifen über eine Vielzahl Kalauer, die einem die Tränen der Freude in die Augen treiben und bei Menschen mit allzu anfälligem Zwerchfell im schlimmsten Fall noch das Pipi in die Hose.
Zum einen gibt es die großartige Szene, in der Joe sich ganz guerillataktisch an ein Auto heranrobbt, in dem sich grad ein Liebespaar befingert und betatscht, Dynamit unter den Wagen legt und auf selbem Wege wieder von dannen kriecht ohne von den schwerbeschäftigten Unzuchttreibern bemerkt zu werden. Weiterhin wird die Geschichte von einem Off-Sprecher begleitet – zumindest in der deutschen Version, eine andere kenne ich nicht –, der nicht selten das Geschehen mit flockigen Sätzen beschmückt (z.B.: „Joe mietete ein Boot, fuhr zu einer abgelegenen Insel in einem See und suchte dort nach einem Mädchen, um es zu vergewaltigen und in die Luft zu sprengen“!) Zum anderen gibt es auch absurde Situationskomik, wenn Joe die Frau des Polizeikommissars aufsucht und dabei von genau jenem erwischt und mit einem Kinnhaken zu Boden gestreckt wird. Apropos Kommissar: Dessen Büro ist auch die Krönung, besteht es doch lediglich aus einem kleinen Schrank und einem Schreibtisch irgendwo in der Ecke eines kleinen Raumes (umgangssprachlich auch „Wohnklo“ genannt).
Nicht selten erinnert THE RAVAGER stilistisch an die Frühwerke von Hershell Gordon Lewis, insbesondere dessen BLOOD FEAST (1963). Jedoch hat Nizets auf Zelluloid gebannter Trashfilm tricktechnisch von Anfang an nichts zu bieten. Die einzige Hascherei sind die Explosionen, die mal mehr, mal weniger professionell in Szene gesetzt. Gewißerweise kann man auch getrost von Glück sprechen, daß die finanziellen Mittel äußerst dürftig gewesen sein müssen, sonst wäre speziell eine Szene, in der Joe eine lesbische Frau mit Benzin übergießt und anzündet, an Sadismus nicht zu übertreffen und kaum zu ertragen. Diese stark eingeschränkten Produktionsbedingungen beflügeln nicht nur den unfreiwilligen Humor, sondern erzeugen auch einen ungemein auffälligen Minimalismus, der seinesgleichen sucht. Die kargen Kulissen und die stellenweise zusammenhangslosen Szenenfolgen erzeugen zuweilen eine nahezu delirierende Atmosphäre, die neben den unzugänglichen und anonymen Protagonisten eine Surrealität hervorbringt, wie man sie selten gesehen hat. Ein außergewöhnliches, filmisches Kuriosum für Menschen, die groben Spaß verstehen.
Obwohl Regisseur Charles Nizet den allermeisten Leuten unbekannt blieb, ist er kein unbeschriebenes Blatt, sondern kann eine leicht überschaubare Anzahl an obskuren Low-Budget-Trash-Granaten vorweisen, die aber in der Versenkung verschwanden und nur den wenigsten bekannt sein dürften. Darunter befinden sich solch illustre Geschichten wie der Sexploiter SLAVES OF LOVE (INSEL DER GRAUSAMEN MÄDCHEN, 1969), wo ein Amazonenstamm mit Hilfe einer magnetischen Anziehungskraft Flugzeuge zur Landung zwingen, um alle männlichen Passagiere und Besatzungsmitglieder zu Sexsklaven zu ächten; oder VOODOO HEARTBEAT (1975) über einen Mann, der durch ein Serum zur mordenden Bestie wird. Und in dem ein Jahr später abgedrehten HELP ME… I’M POSSESSED macht auf einem Schloß in der Wüste ein obligatorischer „Mad Scientist“ mit Hilfe seines buckeligen Assistenten und einer kurvenreichen Krankenschwester Versuche an gefangenen Frauen. THE RAVAGER – meines Wissens war der Streifen (unter dem wundervollen Titel BESTIE DER WOLLUST) hierzulande nur im Kino zu sehen und erschien nie auf Video – mag vielleicht das Aushängeschild sein, aber er ist nicht der einzige Film in Nizets kurzer Laufbahn, der sich mit Krieg beschäftigt. Sein erster Film MISSION: AFRICA (KOMMANDO DES TODES), aus dem Jahr 1968, beschäftigt sich in einfältiger Manier mit dem Zweiten Weltkrieg, wo ein Sonderkommando beauftragt wird einen ominösen Supersprengstoff an sich zu reißen, den die Nazis in einem Labor irgendwo in Afrika herstellen. Der Kreis schließt sich rund zwanzig Jahre später mit RESCUE FORCE (1989), in dem Richard Harrison als CIA-Agent ein Antiterrorkommando in eine trashige Action-Orgie im nahen Osten führt; und überdies ist jener Film der Abschluß einer unbemerkten Filmkarriere.
P.S.: So kurios und geheimnisvoll das kleine Gesamtwerk von Charles Nizet scheint, so mysteriös ist sein Ableben. Angeblich wurde der in Brasilien lebende Mann am 4. Februar 2003 im Alter von 70 Jahren aus unbekannten Gründen umgebracht. Das erinnert mich an den Moment, als ich vom Tod des italienischen Stuntman und Schauspielers Aldo Canti (alias Nick Jordan) erfuhr – er wurde ebenfalls ermordet und tot in seinem Appartement aufgefunden. Irgendwie erschreckend und tragisch solche Nachrichten.