Review

Zürich in der Gegenwart: in einer Szene-Bar bereitet sich Anika (Nilam Farooq) darauf vor, die bevorstehende Nacht für ein paar Lines Koks mit dem dort Stoff vertickenden Kleindealer Oliver zu verbringen. Als sie am nächsten Morgen allein in dessen Bett erwacht, kann sie sich an nichts mehr erinnern. Nachdenklich betrachtet sie im Spiegel ein paar blaue Flecken, als es an der Tür läutet.
Um die Ecke spähend sieht sie, wie der Hausherr von zwei finsteren Typen besucht wird, die ihm eine Tasche Koks auf den Tisch stellen. Eine Kostprobe später scheint man sich handelseinig, dann aber wird Oliver nach erfolgter Bezahlung doch mißtrauisch und öffnet noch ein weiteres Päckchen, dessen Inhalt er sofort wieder ausspuckt: gestreckter Stoff! Für weitere Verhandlungen ist keine Zeit, alle drei Beteiligten ziehen die Waffen und schießen aufeinander - kaum eine Minute später steht die konsternierte Anika allein vor drei toten Drogengangstern. Geistesgegenwärtig nimmt sie die Tasche mit dem Stoff und dem Geld und verschwindet barfuß aus der Wohnung. Da ein weiterer Komplize bereits unten im Treppenhaus ist, sucht sie ein Stockwerk tiefer verzweifelt ein Versteck, und tatsächlich ist eine Wohnungstür unversperrt - für den Moment scheint sie gerettet.
Die Wohnung, in der sich Anika gerade frisch macht, gehört der Altenpflegerin Caro (Silvana Synovia), wie sie anhand eines Kittels bemerkt, den sie sich statt ihrer blutbefleckten Klamotten kurzerhand überzieht. Nach einer halsbrecherischen Flucht über das Dach des Hauses gelangt sie zu Caros Arbeitsstätte und überzeugt diese, mit ihr gemeinsam in deren Wohnung zurückzukehren, bevor die bereits eingetroffene Polizei dieselbe durchsucht. Dort angekommen, muß Anika bezüglich der dort abgestellten Tasche (und deren Inhalt) jedoch Farbe bekennen, was Caro überhaupt nicht gefällt. Da klingelt schon die Polizei an der Tür und Kommissar Roland (Anatole Taubman) verhört in wenig charmanter Art die beiden Anwesenden. Einen unangenehmen Ermittler vor der Nase und einen wütenden Drogengangster draußen auf der Straße, erkennen die beiden Frauen Anfang Zwanzig, daß sie trotz gegensätzlicher Interessen jetzt zusammenhalten müssen...

Mit einer Verfolgungsjagd im nächtlichen Zürich als Teaser beginnt die Schweizer Netflix-Produktion Early Bird recht flott und gibt damit schon einmal den Ton vor, der den Großteil des Thrillers bestimmt: durch unglückliche Umstände in eine gefährliche Lage geraten, müssen zwei sich bisher völlig fremde Personen gemeinsam diverse Situationen meistern, wobei sie sich zwischenzeitlich zwar streiten, ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten jedoch jeweils erfolgreich einbringen können. Trotz einiger klischeehafter Figuren auf Seiten der Verfolger gelingt es Regisseur Michael Steiner, sein ungleiches Mädels-Duo sehr authentisch rüberzubringen, sodaß die Sympathien recht schnell verteilt sind.

Dazu tragen auch die im Laufe der Flucht offenbarten Vorgeschichten des weiblichen Duos bei, die wie aus dem richtigen Leben gegriffen erscheinen: die aus Serbien stammende Caro ist auf Bewährung in einem Altenheim beschäftigt und hat ihren kleinen Sohn, dessen Vater diesen abtreiben lassen wollte, einstweilen bei ihrem Bruder untergebracht. Die Schweizerin Anika Baumann dagegen ist drogensüchtig und leistet reichen Geschäftsmännern gegen entsprechendes Honorar Gesellschaft. Im Gegensatz zu Caro ist sie sehr am Inhalt der erbeuteten Tasche interessiert und möchte sich mit ihrer Hälfte des Geldes, immerhin 150.000€, ein besseres Leben gönnen.

Doch das Geld und das Koks werden natürlich vermisst, und so setzen sich sowohl die Handlanger der Drogengangster wie auch der äußerst selbstherrlich auftretende Kommissar in Bewegung, das in die Berge geflohene Duo mitsamt der Tasche nach Zürich zurückzubringen. Nach diversen ebenso realitätsnahen wie spektakulären Wendungen endet der Film, der sich am Ende einen kitschigen Moment nicht verkneifen kann, dann auch dort, wo er begonnen hatte - und nicht unbedingt mit einem Happy-End.

Fazit: Early Birds, dessen Titel von einem belanglosen Spruch aus einem Glückskeks-Zettel ("Der frühe Vogel fängt den Wurm") abgeleitet wurde, bietet ein temporeiches Road-Movie um zwei junge Frauen, die ihre nicht allzu hohen Erwartungen an das Leben ständig wechselnden Gegebenheiten anpassen müssen und dabei eine überaus überzeugende Performance abliefern. Während man die völlig humorlosen, brutalen und frauenfeindlichen Gangster als Realität hinnehmen kann und muß, sind beim teilweise grotesk überzogenen Filmcharakter des Kommissars jedoch deutliche Abstriche vorzunehmen. Insgesamt reicht das aber immer noch für solide 7 Punkte.

Details
Ähnliche Filme