Play It Back
Milli Vanilli - Phänomen, Stars, Betrüger, Opfer? Diese kompakte, berührende, facettenreiche und obendrein unterhaltsame Doku (auf Paramount+) über die zwei Tänzer und (Nicht-ganz-)Sänger solcher Hits wie „Girl You Know It's True“ sagt jetzt eventuell nicht allzu viel Neues an Fakten oder Erkenntnissen - sie berührt und verführt dennoch mehr als man vorher meinen würde. Immerhin hat man es hier mit einem der rasantesten Aufstiege und Fälle der Popgeschichte zu tun.
Ob gesungen oder nicht - Hauptsache ein Hit?
Im Grunde kann man diese Doku fast als letztes Wort in Sachen Milli Vanilli stehen lassen. Klar, schade ist, dass Frank Farian nicht mehr mit aktuellen Worten etwas hinzufügt. Aber ansonsten ist „Milli Vanilli“ ziemlich umfassend und gut. Ein Prototyp in Sachen „Aufstieg und Fall in der Popbranche“. Heutzutage zwar alles andere als überraschend, neu oder schockierend. Gefühlt beim heutigen Stand der Musik und Unterhaltungsindustrie fast schon Tagesgeschäft. Dennoch kommt hier vor allem eins nicht zu kurz: die Menschlichkeit, die damals (und allgemein in solchen geld- und famegierigen Fällen) mehr als nur zu kurz kam. Es wird nicht nur die weltberühmte und durchaus traurige Geschichte ihrer skandalösen Erfolge abgehandelt, sondern vor allem das persönliche Schicksal der beiden. Sowohl vor als auch nach ihrer kometenhaften Karriere. Und das ist geprägt von Kummer, Trauer, Verlust und Missbrauch. Aber auch Verarbeitung, Kampf und dem wahren Glück nach dem falschen. Dass sie auch sowas wie Vorläufer von Jugendlichen von heute sind, die um jeden Preis Erfolg, Bekanntheit und Geld möchten, obwohl das Talent eventuell gar nicht genug gegeben ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Außerdem sind sie ebenso ein Vorläufer, Kollateralschaden und eine Spitze der Musikindustrie an sich, die mittlerweile einfach mehr technische Mittel für solche Fuschs und Fakes hat als damals - jedoch wahrscheinlich noch weniger Skrupel. Deswegen tun einem die beiden - trotz ihrer zwischenzeitlichen Starallüren - ganz sicher am ehesten leid. Nur schafft „Milli Vanilli“ dann eben doch noch einen recht versöhnlichen und aufbauenden Bogen zu schlagen, der im doppelten Sinne als Mahnmal stehen bleiben kann.
Fazit: emotionale und kurzweilige, gegen Ende sogar fast inspirierende Zusammenfassung und Doku über die womöglich größten Playback-Popstars aller Zeiten. Interessant, lustig, traurig, versöhnlich. Ein Spiegelbild der Popkultur mit Wiedererkennungswert und noch immer verdammt coolen Songs. Egal wer sie gesungen hat.