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Wie tief die Eingeweide als eine Verkettung von Türen und Gängen auch ins Herz der Finsternis führen mögen und wie garstig die Monster auch sein mögen, die daraus hervorkriechen: Der italienische Horrorfilm bewahrt sich doch immer etwas Pittoreskes. Sein Horror, egal wie gellend er mitunter an die Wand gemalt wird, entpuppt sich letztlich zuverlässig als eine oberflächliche Schicht aus frischem Blut, die nur behutsam entfernt werden muss, um das Dolce Vita dahinter wieder zum Vorschein kommen zu lassen.

Vielleicht tummeln sich gerade deswegen so viele Restauratoren unter seinen Hauptfiguren. In „The Well“ ist es die Protagonistin Lisa, wie in so vielen Werken Dario Argentos auch diesmal eine Amerikanerin, die für eine Gräfin aus einem kleinen italienischen Dorf ein altes, von Feuerschäden unkenntlich gemachtes Gemälde restaurieren soll. Damit steht sie in langer Genre-Tradition, und es besteht kein Zweifel, dass ihre Berufung als eine Verbeugung vor den besonders prägnanten Ausformungen des Gialloesken verstanden werden muss, von Pupi Avatis „Das Haus der lachenden Fenster“ (1976) bis hin zu Michele Soavis „The Church“ (1989). Es wirkt immerzu so, als läge der Auftrag dieser Filme darin, den Reichtum des Landes an Kunst und Kultur dazu zu nutzen, auf das Malerische hinzuweisen, das im Angesicht von Tod und Verderben vordergründig unsichtbar erscheinen kann. Die Kunst wird zum Bild im Bild, zur Metapher für den Film selbst.

Lauren LaVera in der Hauptrolle ist keine zufällige Wahl, denn die Darstellerin ist dank „Terrifier 2“ und „Terrifier 3“ auf bestem Wege, zur aktuellen Inkarnation in einer langen Ahnenreihe von Scream Queens aufzusteigen, die bis zu Hitchcock zurückreichen. Im Kampf gegen Art den Clown überzeugte sie durch eine Demonstration bedingungslosen Überlebenswillens, der im völligen Kontrast zu ihrer zarten körperlichen Erscheinung und ihrem zerbrechlichen Teint stand. Diese Außenwirkung wird ihr auch im sonnigen Latium abgefordert. Und die Effektkünstler sorgen dafür, dass dabei ordentlich Abrieb entsteht.

Tatsächlich erinnern einige Gewalteskalationen zur Mitte hin nämlich an den Selbstzweck aus den „Terrifier“-Filmen… und dadurch wiederum an so manche Härte aus den Gore-Exzessen der späten 70er Jahre. Gliedmaßen werden abgehackt, Augen ausgestochen, Gesichter gehäutet und Gedärme aufgewühlt. Das alles in isolierten, sorgfältig vorbereiteten Sequenzen, in denen sich die Kamera mehr Zeit für Details nimmt als eigentlich nötig, indem sie also zelebriert anstatt einfach nur bezüglich der Handlung ihren Punkt zu machen. Die Peiniger selbst stellen das gesamte Spektrum menschlicher Entartung dar, vom hirnlosen Kraftprotz mit John-Wayne-Gacy-Gedächtnis-Make-Up, der in Tradition all der „Frankenstein“-Kreaturen da draußen seinen Instinkten folgt, über die körperlich Deformierte, die an die Statisten etwa aus „Freaks“ (1932) oder „Hexensabbat“ (1977) anknüpft, bis zur übernatürlichen Abscheulichkeit vom Abstraktionsgrad eines „Castle Freak“ (1995), einer puren Übertreibung, die bereits der Phantastik entsprungen scheint – ganz zu schweigen von der dämonischen Instanz, die all diese Gestalten wie Marionetten steuert.

Wenn man schon über die klassischen Schreckgestalten der Filmgeschichte spricht, ist es wohl letztlich „Das Bildnis des Dorian Gray“, das für die Grundierung sorgt, dreht sich doch alles um ein von Ruß überzogenes Gemälde über einem Kamin, dessen Freilegung erwartungsgemäß eng mit der Dramaturgie des Films verknüpft ist – ähnlich im Grunde, wie man es zuletzt in Joe Begos‘ „Bliss“ (2019) präsentiert bekam. Selbst hier eröffnen sich wieder Parallelen zu Argento, der ja mit „The Stendhal Syndrome“ (1996) auch bereits die Leinwände einer Kunstausstellung in einen dreidimensionalen Raum verwandelte. Von der keuchenden Gestalt, die sich hinterrücks nähert, bis zur Hand, die nach der Schulter eines Mädchens greift, das mit dem Rücken zur Kamera steht: Regisseur und Drehbuchautor Federico Zampaglione baut Verweise und Zitate wie schrille Ornamente in seinen Bilderrahmen ein, um Tradition fortleben zu lassen.

Das führt soweit, dass selbst die handwerklichen Mängel jenen der Vorbilder nachempfunden zu sein scheinen. Die sprunghafte Erzählweise hinterlässt regelmäßig klaffende Lücken, die wie Blackouts nach einem Trinkgelage ihren Tribut fordern. Obgleich die Handlung simpel genug ist, um trotzdem jederzeit durchschaut werden zu können, mangelt es dem Drehbuch oder zumindest dem Endschnitt an Feingespür, um zu entscheiden, in welchen Momenten die Motivation einer Figur, sei es der rätselhaften Gräfin, ihrer ebenso rätselhaften Tochter oder sonstigen einheimischen Gestalten, besser hätte ausgearbeitet werden müssen.

Es gibt gerade im Mittelteil Momente, da wähnt man sich fast noch in der Exposition, als auf einmal der Endspurt Richtung Auflösung in Gang gesetzt wird, ohne dass dieser Übergang nennenswert signalisiert worden wäre. Gewisse Nebenfiguren werden auch mal eine Zeit lang einfach vergessen, derweil das Dorfleben aus toter Kulisse zu bestehen scheint; selbst beim Besuch im örtlichen Pub fängt die Kamera keine anderen Gäste als die Protagonistin ein. Gerade diese Ungereimtheiten und Teilausschnitte sind es aber eben auch, die den Charme einer längst vergangenen Epoche des Filmemachens teilweise zurückholen.

Ähnlich verhält es sich mit der Inszenierung des Horrors selbst. Ein kruder Mix aus Realismus, Travestie und Effektarbeit, der wohl kaum ein gesamtheitliches Bild ergibt. Da ist zum einen die an einem Gendefekt leidende Melanie Gaydos, ein hauptberufliches Model, das sich dazu entschieden hat, die körperlichen Eigenarten ihrer Erkrankung zu einer Kunstform zu machen. Während Zampaglione sie schattenhaft und stilvoll inszeniert, leitet er die Kamera zugleich dazu an, mit Dutch Angle voll auf den blökenden Keller-Ork draufzuhalten, wann immer er im Bild erscheint, als befänden wir uns in einem Low-Budget-Streifen, in dem der ganze Stolz der Produktion, die Maske, in voller Ausleuchtung präsentiert gehört. Um das Bild endgültig unrund zu machen, gesellen sich am Ende auch noch einige suboptimale Computereffekte hinzu, die in völliger Disharmonie zu den aufwändigen Goreeffekten aus dem Mittelteil stehen, deren Wirkung man zum Finale immer noch in den Knochen stecken hat.

Dass derartig konzipierte Horrorfilme zu einem völligen Missverständnis zwischen Filmemacher und Publikum geraten können, gehört wohl zum Risiko. Von gutem Horror erwartet man sich heute vermutlich andere Qualitäten, hat sich in der Breite doch selbst hier inzwischen ein gewisser Anspruch auf homogenes Erzählen und hochwertige Inszenierung durchgesetzt. Diesbezüglich hat Federico Zampaglione abseits der idyllischen Schauplätze und hochwertigen praktischen Effekte kaum Argumente auf seiner Seite. Und doch verfügt „The Well“ über eine hochgradig effektive Ebene, die sich all jenen erschließt, die das asymmetrische Filmemachen von damals vermissen, als sich niemand wirklich darum scherte, ob die einzelnen Puzzleteile nahtlos ineinanderpassten, solange sich am Ende nur das gewünschte Motiv auf der Leinwand bildete.

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