Angriff auf Polizeistation Krücke
Nicht Cameron, nicht Spielberg, nicht Scorsese, nicht Lucas - John Carpenter hat mittlerweile den mit Abstand größten Einfluss auf junge Genrefilmemacher. Daran habe ich keinen Zweifel, das sage ich nicht nur weil er mein liebster aller Regisseure ist. Jeder der auf aktuellen Filmfestivals oder in der Genrefilmlandschaft allgemein unterwegs ist wird dem seit Jahren nur zustimmen können. Sein unerreichter „The Thing“ setzte dem Creature Feature die eklige Krone auf, „Halloween“ ebnet Slashern bis heute den Weg, „The Fog“ war und ist das Ultimo in Sachen klassische Geistergeschichten, „They Live“ hat gesellschaftlich und paranoiatechnisch ewig viel augenzwinkernd vorweggenommen, Snake Plissken drückte dem postapokalyptischen Betondschungel seinen Stempel auf und „Christine“ ist noch immer das Killerauto schlechthin. Diese Liste liesse sich noch ellenlang fortsetzen. Von unverkennbaren Stilmitteln wie seinen Synthies, Außenseitern und Antihelden, seiner Beleuchtung und den Kamerawinkeln, den charakterlichen Grautönen und meist glasklaren Orten, Zeiten, Geschehnissen ganz zu schweigen. Die Bedeutung und der Einfluss dieses Mannes wird in den nächsten Jahrzehnten nur noch weiter steigen. Eine lebende Legende. Und da darf man natürlich auch sein bockstarkes Frühwerk „Assault on Precinct 13“ nicht vergessen, das in Sachen Spannung, Style und Belagerungsaction ebenfalls ein Highlight und All-Timer ist, dessen Spuren man ganz locker bis heute verfolgen kann. Von dem soliden Remake über „Green Room“, der das Szenario in eine rockige Nazihölle verbaute, oder „Let Us Prey“, „The Void“, „Malum“/„Last Shift“, die alles eher in die Nähe der wahrhaftigen Hölle legten. Carpenter ist überall. Nun kommt mit „Jericho Ridge“ wohl der seinem „Assault“ am nächsten stehende Thriller über eine gehandicapte Polizistin, die eines nachts mehr oder weniger auf sich alleine gestellt von mysteriösen Angreifern in einer einsamen Polizeistation attackiert wird…
Ich würde mich nicht wundern, wenn Carpenter den Machern von „Jericho Ridge“ persönlich eine lobende und respektvolle Mail schreiben, im gleichen Atemzug aber auch nochmal betonen würde, dass er dies ja schon vor fast 50 (!) Jahren bereits (besser) gemacht hätte. Dennoch wird er und muss man von „Jericho Ridge“ beeindruckt sein. Die Hauptfigur und die Beziehung zu ihrem Sohn ist glaubhaft und nicht uninteressant. Die Spannungsschraube wird knackig und gekonnt angezogen, das Niveau der Anspannung ist durchgängig hoch. Die Kugeln sausen und die Action knallt gut durch die Korridore. Der westernartige Score unterstreicht diesen bösen Abend (auch ohne Synthies) sehr gut. Man macht viel aus dem Setting und der Location, auch dank moderner Blickwinkel durch Überwachungssysteme oder Handies. Das amerikanische Gefühl des „Eine gegen alle“ kommt gut rüber und dass in Wahrheit im Ostblock gedreht wurde merkt man null. Das ist tight, das ist knackig und kompakt, das hat ein paar der besten Shootouts seit langem. Kamera und Beleuchtung werden ebenfalls hochwertig und kreativ eingesetzt, ohne an Realismus, Härte und Glaubhaftigkeit zu verlieren. Und so reißt „Jericho Ridge“ vielleicht keine Bäume aus und macht nicht sonderlich viel neu - aber genug richtig!
Fazit: kurz, blutig, intensiv, bleigetränkt. Glaubhaft geschriebene Figuren. Top gespielt. Gnadenlos und hart inszeniert. All das ergibt einen der besten Belagerungsthriller seit Carpenters Eiswagenkinderkillerkommando.