„Ein Colt für alle Fälle“ (THE FALL GUY) war einer der größten Kindheitshelden der 80er-Jahre. Die TV-Serie mit Lee Majors – erfunden von Glen A. Larson, der damals u. a. auch KNIGHT RIDER, MAGNUM und BATTLESTAR GALACTICA produzierte – war verantwortlich dafür, dass „Stuntman“ auf der Berufswunschliste zahlreicher Jungs mindestens gleich nach Astronaut, Feuerwehrmann und Polizist kam. Klar, konnte man als Stuntman doch all das zugleich sein.
David Leitch, Jahrgang 1975 und damit zum Zeitpunkt der Ausstrahlung genau im richtigen Zielgruppenalter, hat sich diesen Wunschtraum erfüllt: Als Stuntman und Stunt Coordinator verantwortete er einige der legendären Actionszenen Hollywoods von MATRIX bis BOURNE. Mit Stuntkollegen Chad Stahelski produzierte er die JOHN WICK Saga. Und als Regisseur brachte er u. a. ATOMIC BLONDE, DEADPOOL 2, HOBBS & SHAW und zuletzt BULLET TRAIN auf die Leinwand. Ein ganz schönes Portfolio bedeutender Titel und vor allem starker Actionsequenzen also. David Leitch und Colt Seavers sind im Grunde ein „Match made in Heaven“. Was konnte also schiefgehen?
THE FALL GUY beginnt mit einer kurzen Einführung zur Bedeutung der Stuntmen, begleitet von ein paar etwas wahllos scheinenden Clips, dann verabschiedet sich Ryan Goslings Voiceoverstimme auch schon wieder für die meiste Zeit des Films und wir sehen ihn am Filmset in Vorbereitung eines wohl spektakulären Stunts, der offenbar ebenso spektakulär scheiterte. Allein – den Stunt selbst sehen wir nicht. Einen solchen Film nicht mit einem spektakulären „Bang“ zu beginnen, ist entweder besonders clever oder verschenkt. Die folgenden zwei Stunden legen leider letzteres nahe.
Denn offenbar wollte Leitch hier erstmals sein Spielfeld erweitern und eine romantische Liebeskomödie mit etwas Action drehen. Doch Komödie ist definitiv nicht sein Genre. Abgesehen davon, dass man Gosling und Blunt immer gerne zuschaut, haben sie hier noch weniger Chemie als Barbie und Ken, ihre Lovestory hat weder dramaturgischen Rückhalt, noch nimmt man ihnen ihr Geplänkel wirklich ab. Die häufig überlappenden Dialoge scheinen improvisiert, was wohl beiläufig cool und witzig rüberkommen soll, aber wie bei mittelmäßiger Improcomedy ist halt nur etwa jeder zehnte Spruch einigermaßen amüsant, der Rest ist dröge bis bemüht. Darüber hinaus schneidet der Film ständig auf eine Weise zwischen Szenen hin und her, dass er sowohl Comedic Timing als auch Actionfluss ausbremst.
Die Action ist jedoch der Part, bei dem der Film so richtig enttäuscht, insbesondere, wenn man ihn an aktuellen Blockbustern aus der MISSION IMPOSSIBLE- oder auch der FAST AND THE FURIOUS-Reihe misst: Die einzig bemerkenswerte Sequenz ist eine Verfolgungsjagd mit Kampfszene in einem durch Sydney geschleiften Baucontainer, darüber hinaus gibt es noch eine schöne Discoschlägerei unter Drogeneinfluss mit entsprechenden Verfremdungseffekten. Der Rest ist Standard: Explosionen am Strand mit sich überschlagenen Autos, Prügeleien, Schießereien, Bootsfahrten. Das Niveau der Stunts erinnert tatsächlich an die simplen Zeiten des 80er-TVs. Und im Hintergrund wird ein SciFi-Trashfilm gedreht, der glatt als Zack Snyders REBEL MOON PART 3 durchgehen könnte.
Der gesamte Film wirkt so wie eine unfertige Version, in der die Effekte später noch eingefügt und die Dialoge noch geschliffen werden. Vielleicht war es die zu große Ehrfurcht und der Verantwortungsdruck Leitchs, mit THE FALL GUY dem Beruf des Stuntman ein Denkmal setzen zu müssen. Denn dem Film fehlt das Spielerische, das Leitchs beste Arbeiten auszeichnet. Und – verrückterweise – die herausragenden Stunts.