Review

Sieb der Welten

In fast schon bester Xmas-Tradition lässt Netflix die Welt mal wieder zugrunde gehen. In „Leave The World Behind“ sind es kein riesiger Komet wie letztes Jahr in „Don't Look Up“ oder tödliche Augenlichtoffenbarungen a la „Bird Box“, die der Menschheit zu schaffen machen, sondern etwas wohl wesentlich Komplexeres und Behutsameres… Wir folgen einer vierköpfigen New Yorker Familie, die genug vom Stress und den Menschen der Großstadt hat und sich ein Wochenende in einem Luxushaus weit außerhalb gönnt. Doch als dann scheinbar der Inhaber mit seiner Tochter vor der Tür steht, die Technik im ganzen Land streikt und sich die Tiere höchst seltsam verhalten, beginnt sich die skeptische Zweckgemeinschaft genauso wie wir Zuschauer zu fragen, was hinter diesem „Angriff“ und Rückwurf der Zivilisation steht…

In seinen besten Momenten wirkt „Leave The World Behind“ wie eine stylische Mischung aus Jordan Peele und dem Stoff der „Twilight Zone“. Der Beginn rollt gut los, die Stars sind solide aufgelegt, das Budget ist da, die Jungdarsteller nerven nicht. Die Laufzeit scheint zu Beginn etwas einzuschüchtern, aber durch sein Tempo und vor allem das richtig neugierig machende Mysterium im Hintergrund wird einem schnell klar, dass diese weit über zwei Stunden sicher nicht langweilig werden. All das hat dieser Netflix-Hit erstmal auf der Habenseite. Zudem ist audiovisuell immer etwas geboten, es gibt viele Hommagen und Erinnerungen, von Hitchcock mit „The Birds“ und „North By Northwest“ bis zu kleineren apokalyptischen Werken wie „Knowing“ mit Nic Cage oder wohl auch Alex Garlands kommenden „Civil War“. Das Drehbuch ist clever und bringt seine gesellschaftskritischen bis deprimierenden Punkte klar rüber, ich habe eh eine weiche Stelle für solche „Weltuntergangs“-Szenarien, egal ob im großen Sinne oder eher der intimeren Herangehensweise wie hier. Tja, und dann endet der Film. Plötzlich und ohne allzu viel aufzulösen. Theoretisch und trist. Als ob alles nur ein TV-Pilot oder eine lediglich angedachte Idee gewesen wäre. Und aus einem der spannenderen Filme des Jahres wird ein Thriller, der seine Ladung zu früh verschießt. Oder gar nicht. Oder daneben. Oder nur mit Platzpatronen. Und da kann man „Friends“-Fan sein so viel man will… Insgesamt trotzdem gut. Aber hier war viel mehr drin. 

Fazit: packendes, intensives, cleveres und vielschichtiges Endzeit-Szenario mit Stars, Können auf dem Regiestuhl, trotz hoher Laufzeit nie Langeweile. Selbst wenn der elegante Thriller im letzten Drittel massiv Punkte und Möglichkeiten liegen lässt. Ich würde das „Ende“ sogar massiv unbefriedigend nennen. Insgesamt dennoch ein Feiertagstipp beim großen, roten N. 

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