Für Netflix hatte Gareth Evans bereits den Folk-Horrorfilm „Apostle“ gedreht, mit dem Streamingdienst realisierte er auch den Cop-und-Gangster-Actionfilm „Havoc“, der allerdings von Produktionsschwierigkeiten (und den Streiks in Hollywood) geplagt wurde, weshalb das Tom-Hardy-Vehikel wesentlich später als ursprünglich geplant erschien.
Es beginnt mit einem Monolog des Polizisten Patrick Walker (Tom Hardy) über Fehlentscheidungen, die zu Verlusten führen. Schon bald wird klar, was er genau meint, wenn man ihn in seinem eher kläglichen Alltag kennenlernt. Es ist Weihnachten, in einem Ramschladen kauft er noch schnell billigen Tinnef als Geschenk für die sechsjährige Tochter, für das er lediglich eine Plastiktüte als Verpackung bekommt. Es ist eh umsonst: Die in Trennung lebende Gattin will ihn nicht sehen, die Tochter sei um diese Zeit sowieso schon im Bett. Sie wirft ihm vor, dass er krumme Dinger gedreht hat, er rechtfertigt sich, dass er mit seinem regulären Gehalt sonst das gemeinsame Haus nicht habe abbezahlen können. Es ist ein Bild des Vegetierens am Tiefpunkt; da, wo viele Actionhelden ihre Filme beginnen, man denke an Joe Hallenbeck in „Last Boy Scout“ oder Jimmy Conlon in „Run All Night“.
Allerdings passt Walkers Verfassung zum Zustand der restlichen Stadt. Bürgermeister Lawrence Beaumont (Forest Whitaker) ist ein korrupter Vogel, der nur auf freiem Fuß ist, weil Walker den Staatsanwalt in seinem Auftrag erpresste. Auf den Straßen liefern sich Gauner und Polizisten eine Verfolgungsjagd, bei welcher die junge Verbrechercrew die Gesetzeshüter nur abschütteln kann, in dem zwei ihnen eine Waschmaschine aus dem Flucht-LKW werfen, ein Polizeiauto treffen und den Fahrer schwer verletzen. Aber das Räuberquartett besteht wiederum auch nur aus armen Schweinen, die den Coup nur begehen, weil sie bei den ortsansässigen Triaden in der Kreide stehen. Eine noirige Welt, in der so gut wie jeder Dreck am Stecken hat, weshalb „Havoc“ konsequenterweise auch fast nur bei Nacht spielt. Die wenigen Szenen bei Tag sind so verregnet und ungemütlich, dass sie kaum einladender wirken.
Als Charlie (Justin Cornwell) und Mia (Quelin Sepulveda) die Beute aus dem Raub bei den Triaden abliefern wollen, dreht sich die Eskalationsspirale weiter: Drei maskierte Männer tauchen auf und töten fast alle Anwesenden, während Charlie, Mia und ihre Kumpane entkommen. Da unter den Toten auch der Sohn einer Triaden-Matriarchin ist, wird es richtig ungemütlich – und Walker steckt bald mittendrin, weil er einerseits den Fall untersuchen soll, andrerseits Charlie der Sohn von Beaumont ist, der diese gern wohlbehalten aus der Sache heraushaben möchte…
Als Gareth Evans mit „The Raid“ seinen großen Durchbruch feierte, waren auch in diesem Actionhit die Einflüsse von Vorbildern wie „Stirb langsam“ oder „Hard-Boiled“ zu erkennen, doch Evans machte beinahe eine Art Meta-Film daraus, indem er das Actionkino fast rein auf seine Essenz runterbrach, auf beinahe alle Schnörkel verzichtete. Bei „Havoc“ ist dies nicht der Fall, denn hier bedient Evans als Regisseur und Drehbuchautor als die Klischees des Bad-Cop-Movies eher, als dass er sie transzendiert. Schon Walkers Einführung ist eine Abfolge von Standards des Genres, es geht in dem Ton munter weiter, irgendwann zeigt eine Rückblende den obligatorischen Coup mit dreckigen Kollegen, bei dem – wie könnte es anders sein – nicht alles nach Plan lief. Das alles erinnert an Vorbilder von „Serpico“ und „Prince of the City“ über „Cop Land“ und „The Corruptor“ bis hin zu „Training Day“, „Brooklyn’s Finest“ und „Criminal Squad“. Dass Walker raus aus dem Sumpf will, von Beaumont seine Freiheit im Tausch für Charlies Sicherheit fordert, auch das ist ein Plotstandard, der ihn als einen der Besseren unter den Schlechten dastehen lässt. Walker ist immerhin entwaffnend ehrlich über sich und sein Tun, erzählt seiner neuen, rechtschaffenen Partnerin Ellie (Jessie Mei Li) direkt, dass sie wohl jemand bestrafen möchte, wenn sie ihm zugeteilt wird.
Mit dieser Dirty-Cop-Attitüde beißt sich dann leider manches künstliche Bild, denn gerade bei den Stadtpanoramen und der Autojagd zu Beginn des Films greift „Havoc“ mächtig auf CGI-Effekte zurück – was gerade bei einem Filmemacher wie Evans, der sonst für das Handgemachte steht, doch sehr verwundert, aber wahrscheinlich gab das Budget nicht mehr her. Immerhin hat der Mann immer noch sein Gespür für Atmosphäre behalten, wenn er seine Figuren durch zwielichtige Nachtclubs und die Straßen der Großstadt jagt. Ein weiteres Trademark sie die langen Plansequenzen, auf die Evans und sein Stamm-Kameramann Matt Flanery zurückgreifen, etwa wenn die Kamera Walker in einer schnittlosen Sequenz durch einen der genannten Nachtclubs folgt. Markig, aber etwas schal sind auch die Figuren, darunter der charismatische Cop-Kollege Vincent (Timothy Olyphant). Zum Rezept von „Havoc“ gehört es dann, dass hier gleich mehrere Interessengruppen aufeinandertreffen, darunter das junge Verbrecherquartett, die rachsüchtigen Triaden, die Polizei und Verräter innerhalb der Triaden, um nur einige zu nennen. Es ist eine Jeder-gegen-jeden-Welt, eine Dog-Eat-Dog-Welt, in der sich Walker in erster Linie hindurch zu lavieren versucht, oft indem er und seine Schutzbefohlenen sich dann aus dem Staub machen, wenn sich gerade zwei andere Fraktionen zoffen.
Besagter Zoff ist natürlich die Hauptattraktion eines Gareth-Evans-Films und da wechseln sich bei „Havoc“ Licht und Schatten ab. Denn (sieht man von der CGI-lastigen Autojagd zu Beginn ab), so verteilt sich die Action in erster Linie auf zwei sehr große Set-Pieces plus ein bisschen Kleinkram wie die Rückblende zum Massaker im Triadenquartier. Actionhöhepunkt Nummer eins kommt in der Filmmitte, wenn mehrere Fraktionen in einem Nachtclub aufeinandertreffen, Actionhöhepunkt Nummer zwei ist das Finale, das vor allem aus der Belagerung einer Blockhütte besteht, einem archetypischen US-Szenario. Gunplay, Martial Arts sowie Hauen und Stechen mit allerlei Nahkampfwaffen wechseln sich und gehen ineinander über, sauber choreographiert von Evans und seinem Action Designer Jude Poyer. Allerdings ist ein Tom Hardy nun mal kein Iko Uwais, weshalb die Kamera doch merklich wackeliger unterwegs ist als in den „The Raid“-Filmen, um Doubles zu kaschieren oder die Action dynamischer erscheinen zu lassen. Auf gewohntem Niveau dagegen ist der Härtegrad, wenn die Kontrahenten hier mit einem Fleischerbeil tranchiert, mit einer Harpune aufgespießt oder von Gewehrsalven regelrecht zerfetzt werden. Der Bodycount ist hoch, die Kamera hält immer ordentlich drauf. Aber es bleibt in erster Linie bei diesen beiden Szenen, ein durchgehendes Action-Inferno wie bei den „The Raid“-Filmen fackelt Evans nicht ab.
Inhaltlich und figurentechnisch ist „Havoc“ dagegen nicht so auf der Höhe. Viele Subplots (wie etwa alles zu Walkers Familie) wirken wie unnötiger Ballast, der den Film kaum weiterbringt, anderes (wie das Ausmaß von Walkers Korruption) wird nur nebulös umrissen. Durch das Mehr-Fraktionen-Prinzip mangelt es an einem klaren Hauptschurken. So mag die Matriarchin skrupellos und gewalttätig sein, andrerseits hat sie Grund für ihre Rachsucht und ist das Opfer eines Betrugs, wie das Publikum von Anfang an weiß. Wenn die Identität der Brutalo-Räuber gelüftet wird, ist dies keine allzu große Überraschung – es gibt wenige Verdächtige und natürlich obsiegt auch hier das Klischee, sodass auch hier jene Figuren verantwortlich sind, von denen man es von Anfang an erwartet. Doch nicht nur die Schweinebacken, auch die netten Figuren sind eindimensional und profilarm, sodass ein feiger Mord in einem Krankenhaus nicht schockt, ein Selbstopfer im umkämpften Nachtclub kaum Emotionen beim Publikum auslöst.
Immerhin sind die Darsteller teilweise besser als das Drehbuchmaterial, allen voran Tom Hardy. Wie er den dreckigen Bullen herrlich unheroisch spielt, als jemanden, der einfach nur durchkommen möchte, ohne dabei seine Action-Man-Qualitäten zu verlieren, das hat schon etwas. Oft wirkt eher geschafft und ausgemergelt, um im Überlebenskampf dann nochmal aufzublühen. Timothy Olyphant bringt seinen Charme als mehr oder minder vertrauenswürdiger Kollege gewinnbringend ein, Jessie Mei Li trumpft als ehrliche Polizistin unter Korrumpels auf. Edelsupport gibt es von Luis Guzmán als Passfälscher-Onkel einer Kleinganovin, enttäuschend schwach fällt dagegen die Performance von Forest Whitaker als dreckiger Bürgermeister aus. Der Rest leistet okaye Pflichterfüllung, kleinere Akzente setzt MMA-Championesse, Stuntfrau und Schauspielerin Michelle Waterson als Chefvollstreckerin der Triaden, vor allem durch ihren Körpereinsatz in den Fight-Sequenzen.
Wenn „Havoc“ von der Leine gelassen wird, dann liefert er auch die Action-Exzesse, die der Titel verspricht, gerade in seinen beiden großen, gut choreographierten und ausgesprochen harten Set Pieces. Die Darstellerleistungen von Hardy, Lie und Olyphant sind toll, die Atmosphäre stimmt auch, doch plot- und figurenseitig liefert Evans als Regisseur und Drehbuchautor in erster Linie gut abgehangene, wenig aufregende Klischees ab. Mit seinen „The Raid“-Filmen setzte der Mann Maßstäbe, hier bedient er leider nur Standards – da hatte man mehr erwarten dürfen.