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Die fünfte Phase der Marvel-Offensive hat sich bislang nicht gerade mit Sternenstaub bekleckert: ANT-MAN AND THE WASP: QUANTUMANIA war ein belanglos-buntes Durcheinander, SECRET INVASION die bisher langweiligste Serie des MCU. Nur LOKI und die GUARDIANS lieferten gewohnte Qualität ab, bilden aber ja eigentlich schon ein Universum für sich. Bereits im Vorjahr hatte sich selbst bei Blockbusterfans eine gewisse Superheldenmüdigkeit breit gemacht, die meisten der Filme blieben hinter den Erwartungen zurück.

Auch THE MARVELS ist nicht der erhoffte „return to form“. Im Gegenteil: Selbst wer bislang alle Marvel-Outings akribisch verfolgte, wird beim neuen Film des Studios Schwierigkeiten haben, reinzukommen und den Überblick zu behalten. Gelegenheitskinogänger werden danach möglicherweise nie wieder einen Superheldenfilm sehen wollen. Das MCU wird eben immer mehr zur selbstbezogenen Superheldensuppe und es kann nicht mehr lange dauern, bis dieses Universum implodiert. 

Es empfiehlt sich also, vor Sichtung des Films auf jeden Fall den ersten CAPTAIN MARVEL sowie WANDAVISION zu sehen, um Verwandschaftsverhältnisse und Origin-Story von Monica Rambeaus „Spectrum“ nachvollziehen zu können und optional auch die MS. MARVEL Serie, um Kamala Khan besser kennenzulernen. Obwohl – das pakistanische Plappermaul ist in diesem Film ohnehin inflationär vertreten, das mag für viele mehr als genug sein. 

Wer zu Beginn nach den vielen Rückblenden und Erklärungen hofft, es würde noch so etwas wie eine Handlung ins Laufen kommen, sitzt im falschen Film. Es ist Krieg zwischen den Kree und den Skrulls, ein mystisches Armband sorgt für eine Art schwarze Löcher und Zeitsprünge und die drei Damen von der Erde sollen die Welt retten. Das muss reichen. 

In einem Superheldenfilm, der durch Schauwerte, Witz oder originelle Inszenierungsideen besticht, reicht das auch. Doch THE MARVELS, inszeniert und mitgeschrieben von Nia DaCosta (u. a. CANDYMAN Remake) hat nichts davon: Die Inszenierung ist ein einziges Chaos, man weiß bis zuletzt nicht so richtig, um was es eigentlich geht, die wenigen Actionszenen sind komplett unübersichtlich und der Film sieht immer wieder erstaunlich billig aus, die Ausleuchtung schreit laut und deutlich „Studio!“. Das Drehbuch ist quälend um Witz und Charme bemüht, bleibt aber auf dem Niveau hängen, Superheldennamen für Rambeau auszuprobieren, als hätten das nicht schon drei andere Filme vorher besser getan. Wer Kamala Khan schon in ihrer Serie nervig fand, wird ihr penetrantes Captain Marvel-Fandom hier kaum sympathischer finden. 

So plätschert der Film eine Weile zwischen Weltenzerstörung und Superheldinnen-WG hin und her. Und gerade als man denkt, dass es das jetzt war – kommt der Musicalplanet. Die Zwischenlandung in einer kunterbunten Welt, in der die Bewohner:innen ausschließlich singend kommunizieren, mag in einem anderen Film (sagen wir: einem von Taika Waititi) eine herrlich abgefahrene Idee sein, hier ist sie einfach nur deplatziert und kitschig. Ein ähnliches Gefühl beschleicht einen etwas später, wenn eine Herde Flerken ihren großen, allesverschlingenden Auftritt hat und dabei auf der Tonspur von Barbra Streisand begleitet wird – an sich eine wunderbare Idee, nur hier im völlig falschen Film. 

Was kann man also Positives über THE MARVELS sagen? Der Film ist dankbar kurz – mit 105 Minuten der kürzeste Marvelfilm ever. Er ist divers – Brie Larson scheint die einzige weiße heterosexuelle Person im gesamten Cast zu sein. Und der Film hat einen Post-Credit-Sting, der interessanter ist als die gesamten 104 Minuten davor. Vielleicht gelingt Marvel in der nächsten Phase doch nochmal ein guter Lauf.

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