Der Italowestern "Vivo per la tua morte" (wörtlich "Ich lebe für deinen Tod", deutscher Titel "Ich bin ein entflohener Kettensträfling" - mal mit, mal ohne vorgesetztes "Django") entstand 1968, als das Genre seinen Zenit schon überschritten hatte. Zwar gelten die im selben Jahre erschienenen "C'era una volta il West" (Spiel mir das Lied vom Tod, Sergio Leone) und "Il grande silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg, Sergio Corbucci) heute als Referenzwerke des Italowestern, hatten sich aber von dem ursprünglichen schmutzig - zynischen Gegenentwurf zum US-Edelwestern, für den Leone 1964 mit "Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar) den Maßstab gesetzt hatte, schon entfernt und nutzten dessen äußerliche Merkmale für individuelle, künstlerisch ambitionierte Interpretationen.
Im Vergleich zu diesen Filmen wirkt "Vivo per la tua morte" konventionell, noch dem Geist früher Italowestern verpflichtet, was auch auf die äußeren Umstände seiner Entstehung zurückgeführt werden kann. Der dem Drehbuch als Vorlage dienende Roman "Judas Gun" von Gordon D.Shirreffs war 1964 erschienen, dem selben Jahr in dem Hauptdarsteller Steve Reeves seinen bisher letzten Film gedreht hatte ("I pirati della Malesia" (Meute der Verdammten)). Der ehemalige "Mister Universum", der vor allem durch seine Rollen als "Herkules" bekannt geworden war, hatte sich einige Jahre zuvor eine Schulterverletzung zugezogen, die seine kraftraubenden Rollen zunehmend erschwerte. Dass er selbst am Drehbuch mitarbeitete, weist darauf hin, dass er sich die Rolle auf den Leib schrieb, die den Versuch darstellte, noch einmal in einem anderen Genre Fuß zu fassen. Es wurde sein letzter Film und auch für Regisseur Camillo Bazzoni, der bisher vor allem als Kameramann und an Kurzfilmen gewirkt hatte, blieb es der einzige Ausflug ins Western-Sujet.
In dieser Konstellation liegen gleichzeitig die Stärken und Schwächen des Films. Während Bazzonis atmosphärisch dichte Bildsprache, die immer wieder mit der Tiefe des Raums spielt, und aus der Unschärfe heraus überraschende Eindrücke gewinnt, überzeugen kann, basiert die Rolle des Mike Sturges zu sehr auf Steve Reeves damaligem Bekanntheitsgrad und bleibt für einen Italowestern zu eindimensional, mehr an die klassischen Helden des US-Edelwestern erinnernd. Auch die Sympathieträger durften sich im Italowestern bekanntlich menschlichen Lastern hingeben und nahmen die Gesetze nicht immer genau - erst im Vergleich zu ihren korrupten und sadistischen Gegenspielern entstand ihre moralische Instanz. Dagegen bleibt Reeves trotz Cowboy-Kleidung seinem anständigen Herkules-Image treu, erträgt stoisch alles Leid, um dann körperlich überlegen, aber fair, seine Feinde zu besiegen.
Wer Steve Reeves kennt und schätzt wird sich daran nicht stören, auch nicht an den fehlenden Charakterzeichnungen. Mike Sturges ist zwar Farmer, aber in dieser Funktion sieht man ihn nur in einer kurzen Szene zu Beginn, bevor er sich auf den Weg macht, die seinem Vater gestohlenen Pferde wieder zurückzuholen. Er tritt zwar nie als Revolverheld auf, aber an seinen überlegenen Fähigkeiten im Schießen und Faustkampf gibt es keinen Zweifel, ohne das der Film das näher begründet - da genügt schon Reeves Vergangenheit. Das gilt letztlich aber für das Verhalten aller Protagonisten, ob es sich um den Verräter Mayner (Wayde Preston), den korrupten Gesetzeshüter Freeman (Mimmo Palmara) oder den sadistischen Gefängniswärter (Nello Pazzafini) handelt.
Diese verbreiten allerdings gewohntes Italowestern-Feeling und sind für die Gewalttaten zuständig, die Mike Sturges zum Rächer werden lassen. Besonders im Gefängnis von Yuma geht es Genre gerecht zu, wenn Mikes kleiner Bruder Roy, der ebenfalls unschuldig verurteilt wurde, zu Tode gequält wird. Mike vergießt deshalb zwar keine Träne und lässt sich auch nicht zu unüberlegtem Handeln verleiten, aber sein harter Gesichtsausdruck vermittelt die Entschlossenheit, mit der er noch zurückschlagen wird. In der italienischen Originalfassung kommt Reeves in seiner sparsamen Ausdrucksweise allerdings wesentlich sympathischer rüber als in der deutschen Synchronisation. Dort wird ihm eine Schnoddrigkeit in den Mund gelegt, die damals cool wirken sollte, aber gar nicht zu seinem Charakter passt.
Als er in einem Saloon dem mexikanischen Barkeeper das Wechselgeld gibt, sagt er nur "Behalte den Rest !" Auf deutsch wird daraus "Schmier dir den Rest in die Haare!", worauf sich der Barkeeper mit "Muchas gracias" bedankt, was in diesem Zusammenhang unterwürfig klingt und von Reeves noch mit einem verächtlich nachgeäfften "Ja, ja, muchas" bekräftigt wird. Im Original erwähnt er nichts, wie auch bei der anschließenden Prügelei im Saloon kein Wort fällt, während die Szene auf Deutsch mit schwachsinnigen Bemerkungen unnötig ins Lächerliche gezogen wird. An diesem Beispiel wird sehr schön deutlich, was man Ende der 60er Jahre in Deutschland für Humor hielt und das der Held auch gerne noch etwas überlegener auftreten durfte, als er sowieso schon war.
"Vivo per la tua morte" sollte man sich nicht objektiv nähern, denn außer den schönen Bildern bietet er eine vorhersehbare Story, einen zwar sympathischen, aber hölzern agierenden Hauptdarsteller und die beliebten Klischee-Bösewichter. Daraus ergibt sich eine stimmige Italowestern Atmosphäre - für den Liebhaber des Genres (5/10).