iHaveCNit: Girl You Know It´s True (2023) – Simon Verhoeven – Leonine
Deutscher Kinostart: 22.12.2023
gesehen am 26.12.2023 in Samsung ONYX LED 4K
Kinopolis Main-Taunus-Zentrum – Kino 6 – Reihe 13, Platz 21 – 19:50 Uhr
Das in diesem Jahr sehr vielseitige deutsche Kino bietet nun zum Abschluss noch einmal ganz großes Kino mit einem Stoff und einem Thema, dass auch eine filmische Aufarbeitung weit von bereits vorhandenen Dokumentationen auf der ganz großen Leinwand verdient hat. Die Rede ist vom Aufstieg und Fall des von Frank Farian produzierten Disco-Pop-Duos Milli Vanilli, der bereits filmisch gesehen lange in der sogenannten Produktionshölle oder auch einfach gesagt Warteschleife hing, bis nun Simon Verhoeven den Film an den Start bringen konnte. Auch wenn ich im Zeitraum des Zenits von Milli Vanilli erst geboren wurde und noch gar nicht an die Musik gedacht habe, habe ich einen Blick riskiert, den ich nicht bereut habe.
Gegen Ende der 80er-Jahre treffen die beiden Tänzer Robert Pilatus und Fabrice Morvan aufeinander. Als Tänzerduo machen sie sich einen kleinen Namen, bis sie von der Assistentin des Musikproduzenten Frank Farian entdeckt werden. Der Musikproduzent, der ein wenig nach dem Fall von Boney M in Ungnade gefallen ist und nie den großen Erfolg in den USA erzielen konnte, sieht in dem Duo mit ihrem Look die große Chance. Während er im Hintergrund ohne große Einbindung von Rob und Fab die Songs produziert, werden Rob und Fab als „Milli Vanilli“ sehr schnell zur musikalischen Sensation, die weltweit erfolgreich wird. Doch kann die Illusion des Disco-Pop-Duos, bei dem die „Sänger“ nicht singen und ausschließlich vom Playback begleitet werden aufrecht erhalten werden und was passiert, wenn das Geheimnis ans Licht kommt ?
„Girl You Know It´s True“ ist ein elektrisierend mitreißender und interessanter Film geworden, in dem der Aufstieg und Fall des Disco-Pop-Duos vor allem aus der Perspektive des von Tijan Njie und Elan Ben Ali großartig gespielten Duos Robert Pilatus und Fabrice Morvan erzählt wird und natürlich auch ein Großteil der damalig beteiligten Personen im Hintergrund auch an der Produktion des Films beteiligt waren, damit die Geschichte aus der Perspektive und den Perspektiven der Beteiligten erzählt wird – wie auch der von Matthias Schweighöfer verkörperte Frank Farian. Und hierfür nutzt der Film den interessanten inszenatorischen Kniff des Durchbrechens der Vierten Wand, wenn die Beteiligten selbst zum Publikum sprechen ohne dass dieser Kniff als pure Meta-Referenz rüberkommt. Nicht nur die chronologische, biographische Aufarbeitung der Bandgeschichte hat der Film zu bieten, sondern auch, wie die Ideen zur Musik von „Milli Vanilli“ und auch die Musikstücke selbst zustande gekommen sind und dass die gesamte Maschinerie im Hintergrund dafür ganz legaler Konsens im Musikbusiness und der Musikgeschichte ist, selbst wenn es wie im Beispiel von Milli Vanilli dazu gekommen ist, dass die Band keines der Stücke damals selbst eingesungen hat und ausschließlich die Musik vom Band begleitet hat. In seinem inszenatorischen Stil und der gesamten Optik von sowohl Kostümdesign als auch dem Design von Haaren und Make-Up bildet der Film einen sehr stimmigen atmosphärischen Eindruck vom Ende der 80er und dem Beginn der 90er-Jahre und wirft uns regelrecht in die damalige Zeit. Der Film spart auch nicht aus, welche charakterlichen Folgen sowohl schneller Erfolg mit sich bringt und was passiert, wenn man alles auf einmal ganz schnell verliert. Das, was damals scheinbar nach dem technischen Defekt eines Auftritts in Bristols glasklar gewesen ist, dass es sich bei MV um große Lügner und Betrüger handelt und dass so etwas wie eine Hauptschuld bei den Protagonisten liegt, ist im Sinne der komplett legalen, zugrundeliegenden Methoden der Musikindustrie absolut nicht wichtig. So etwas wie eine Schuldfrage ist absolut unwichtig in der Betrachtung dieses damaligen „Skandals“, weil jeder eine gewisse Teilschuld oder auch keiner eine Teilschuld tragen muss. Der Film schafft es in seiner ausdifferenzierten Aufarbeitung dieses „Skandals“ vor allem, den Beteiligten, allen voran Rob & Fab wieder etwas Würde zurückzugeben und ist als filmisches Werk auch so etwas wie eine Wiedergutmachung und hebt sich damit auch von vielen klassischen Musiker-Biopics ab.
„Girl You Know It´s True“ - My First Look – 9/10 Punkte.