Sie kennen sich schon seit vielen Jahren, als sie als Jugendliche in Oslo aufwuchsen: die beiden arabischstämmigen ehemaligen Freunde Moaz (Emir Zamwa) und Rami Abdallah (Mohammed Youssef). Doch während sie damals bei kleineren Taschendiebstählen im örtlichen Kiosk zusammenhielten, trennten sich später ihre Wege.
Heute sind beide Anfang 30 und stehen sich diametral gegenüber: Moaz ging zur Osloer Polizei und ist als Jahrgangsbester seit kurzem bei einer Dienststelle, die sich auf Drogenkriminalität spezialisiert hat. Rami dagegen schlug eine kriminelle Laufbahn ein und mischt als Anführer einer sich Enemiez nennenden Gang mittlerweile federführend bei der Einfuhr von harten Drogen nach Oslo mit. Offiziell ist Rami zwar in Ägypten und damit unerreichbar für die Polizei, doch gerade wurde er mit einem Lastwagen wieder nach Norwegen geschmuggelt, wo er erneut seinen Geschäften nachgeht.
Moaz, Vater einer kleinen Tochter und mit einer jungen Staatsanwältin verheiratet, möchte zwar die Enemiez zur Strecke bringen, schreckt aber vor seiner neuen Aufgabe zurück, als er erkennt, daß sein alter Bekannter wieder im Lande ist. Rami dagegen ist viel abgebrühter als sein ehemaliger Kumpel und will diesen als Spitzel gewinnen. Sein erstes Druckmittel, als er den zögerlichen und mißtrauischen Moaz in einer konspirativen Wohnung jovial begrüßt, ist ein halbtot geprügelter Informant der Osloer Polizei auf der Toilette. Der entsetzte Moaz will das Leben des Afghanen retten und läßt sich gegen seinen Willen auf den faulen Deal ein: Informationen über bevorstehende Razzien und mögliche Anklagepunkte der Staatsanwaltschaft, per Wegwerfhandy übermittelt an einen 13-jährigen Schüler, der als Mittelsmann fungiert...
Die norwegische Produktion Blodsbrødre thematisiert ein weiteres Mal die schwierige Arbeit der Polizei gegen skrupellose Drogengangster und wie so oft stehen sich hier zwei Charaktäre gegenüber, die einst im gleichen Milieu aufwuchsen. Die an sich unvereinbaren Standpunkte von Dienstpflicht auf der einen und unbedingtem Machterhalt im eigenen Revier auf der anderen Seite werden jedoch von einer offensichtlich immer noch bestehenden Freundschaft aufgeweicht, wobei Moaz vom Beginn weg wesentlich mehr riskieren muß als sein deutlich schlauerer Gegenpart, der sich Stück für Stück immer mehr herausnimmt. Abgesehen von diesem von Anfang an bestehenden Ungleichgewicht sind sämtliche Beteiligten der Serie derart unsympathisch entworfen, daß man das wenig innovative Katz-und-Maus-Spiel als Zuschauer eher distanziert wahrnimmt.
Da wären zum einen der wankelmütige, keinesfalls überzeugende Moaz, dem man den Musterpolizisten nicht eine Sekunde lang abnimmt: schon nach wenigen Tagen auf der Straße fühlt sich der stets unsicher dreinblickende vollbärtige Cop mit dem Zopf unwohl und will in die Verwaltung versetzt werden. Ein Zauderer, wie er im Buche steht.
Sein Gegenpart Rami dagegen, ebenfalls mit Vollbart, jedoch fast einer Glatze, ist mit seinem süffisanten Lächeln und seiner selten aufbrausenden Art ein ganz anderes Kaliber. Seine Gang, die aus dem Senegalesen Omar, einer 19-jährigen Fahrerin sowie einem norwegischen Handlanger mit einem IQ unter Raumtemperatur besteht, wirkt allerdings ebenfalls keinesfalls so eindrucksvoll, wie der ihr von der Regie angedichtete Ruf als gefährlichste Gang Oslos verspricht. Ramis Bande verzichtet darüberhinaus auf automatische Waffen, reichlich Handlanger in schwarzen Limousinen und spektakuläre Shoot-Outs (wie man dies aus anderen Serien kennt) und wirkt eher wie eine Truppe, die den Verkauf von Dope gerade mal in ihrem Wohnblock kontrolliert.
Während Ramis Bande also so gar nicht dem Image entspricht, das der englischsprachige Titel Gangs of Oslo sich heraufzubeschwören bemüht (apropos Mehrzahl Gangs: die andere "Gang", die noch kurz erwähnt wird, sind die Crooks, ein paar pickelige Jugendliche aus Grönland in Sportkleidung) und entgegen aller Erwartungen auch keine Revierkämpfe austrägt (von einer kleinen Bombe vor der Wohnungstür des milchgesichtigen Crooks-Anführers in einem Mietshaus mal abgesehen) sondern mehr oder weniger in allen 6 Folgen der Serie den verunsicherten Moaz vor sich hertreibt (der sich aus Angst vor Entdeckung seiner Spitzeltätigkeit fast in die Hose macht), gibt der Subplot um die kriminelle Karriere eines minderjährigen Schülers der ohnehin schon schwachen Serie dann endgültig den Rest: die Nebenrolle jenes 13-jährigen Schülers Tarik, der sich durch sein vorlautes Mundwerk Rami andient, welcher den Kleinen als Kurier und - erstaunlicherweise - als Mittelsmann zu seinem früheren Freund Moaz einsetzt, ist derart nervtötend, daß man versucht ist, diesen Mist schon vorzeitig abzudrehen. Daß das altersgemäß nur Angebersprüche (noch dazu in einem erbärmlichen Pidgin-Deutsch) von sich gebende Rotzblag diese ihm im echten Leben nie zukommende Rolle bekommt, ist schlichtweg eine Zumutung: selten hat man einen derartig unsympathischen Filmcharakter und Kinderdarsteller erlebt, der nicht nur das Drehbuch (das sowieso), sondern auch das Casting hinterfragenswert erscheinen läßt.
Blodsbrødre endet dann in einem unausgegorenen Pseudo-Finale, das zugunsten einer möglichen 2. Staffel bewußt auf Fakten verzichtet und der Interpretation des enttäuschten Zuschauer überläßt, was da bei einer Autobahnfahrt wirklich geschehen sein mag.
Fazit: die norwegische Serie ist ein ziemlicher Griff ins Klo, scheitert neben seinen durch die Bank unsympathischen Darstellern und dem schlichtweg falsch gewählten Titel auch komplett an ihren Ansprüchen, die in ganz wenigen, viel zu seltenen Momenten aber zumindest rudimentär noch erkennbar sind (Stichwort: Wahlhelfer mit Rose) und mitunter den einzigen Grund für eine Wertung über dem Minimum darstellen. Wie man die Thematik Drogen und Migrationshintergrund deutlich fundierter angeht, machen (nicht nur) skandinavische Serien (z.B. die schwedische Snabba Cash) seit Jahren vor. 2,51 Gnadenpunkte nach Oslo.