Bei manchen Filmen stimmt es einfach.
Schwieriger ist es, dieses Ziel zu erreichen, wenn es sich um eine Literaturverfilmung handelt. Und dann auch noch um eine Amerikanisierung aus dem Britischen.
Dennoch ist aus „High Fidelity“ ist ein wunderbares Stück Kino geworden, das ein hundertmal durchgekautes Thema auf charmante Art und Weise wiederaufbereitet und neben einem hervorragenden Soundtrack reichlich Gastauftritte bekannter Gesichter bieten kann.
Natürlich hat der Film so sein Zielpublikum, angelegt irgendwo zwischen Anfang Zwanzig und Ende Dreißig, dreht er sich im Kern doch um den Prozeß des Erwachsenwerdens, nur eben nicht von der Pubertät ins Erwachsensein, sondern eher um den Reifungsprozeß vom nominell Erwachsensein zum Erwachsenbenehmen.
John Cusack, der wohl einzige Enddreißiger, dem man den Berufsjugendlichen immer noch ohne Magengrimmen abnehmen kann und so eine Krisentype bereits in dem hochklassigen „Grosse Pointe Blank“ spielte, ist die Idealverkörperung des Slackers (für Engländer: Lads), der zwar eine Existenz begründet hat, sich dann aber weigert, sich in Reife weiterzuentwickeln.
Sein Rob hat weniger damit Schwierigkeiten, zu erkennen, wer oder was gut für ihn ist, sondern eher damit, dieses Gute auch zu schätzen zu wissen. Knackpunkt wird für ihn der Auszug seiner langjährigen Freundin, die ihn zu einem lebenslangen Rückblick auf seine Beziehungen veranlaßt, um zu prüfen, ob und wenn was er falsch gemacht hat.
Es ist die übliche Sinnkrise, die viele um die 30 betrifft, wenn endgültig festgemacht werden soll, wie es im Leben weitergeht und sich auf einen Beruf, eine Frau, eventuell eine Familie festgelegt wird.
Die Suche wird zu einer erkenntnisreichen Reise, die ihm nicht nur zeigt, daß er sich in einigen Sachen ändern muß, sondern auch, daß er gar nicht so viel falsch gemacht hat.
Diese simple Story allerdings zeitgemäß zu verpacken, ist definitiv rund und perfekt gelungen.
Nick Hornbys Roman, der das Lebensgefühl der Thirtysomethings mit den Insignien des popkulturellen Zeitalters verbindet, bleibt tatsächlich in der Filmfassung bestehen.
Fixpunkte und Werte einer Generation werden immer noch an der Musik und den Filmen (wenn nicht an den Klamotten) festgemacht, die zu diesem Zeitpunkt konsumiert wurden.
Cusacks Rob steht somit von Anfang an im Zentrum seiner eigenen Vergangenheit, die er wie eine schwere Last mit sich herumschleppt. Als Besitzer eines Vinyl-Plattenladens ist er geradezu fanatisch der Vergangenheit verhaftet, spürt aber die Last des Anachronistischen bereits, denn seine Euphorie versickert.
Um ihn herum sammeln sich Nerds und schräge Vögel, scheinbare Versager und verklemmte Typen – es läuft etwas falsch im Leben, es muß sich was ändern.
Und weil wir längst alle wissen, wie es denn geht mit den Coming-of-Age-Stories, müssen wir in die Geschichte mit einbezogen werden, werden die Zuschauer permanent von Rob angesprochen, der einen Großteil seines Textes und damit seines Inneren auf schier therapeutische Art und Weise in die Kamera spricht.
Der Film wird so zu einer bunten Collage aus Rückblicken in Robs Vergangenheit, sei es nun Kindheit, Pubertät oder Studienzeit, oder notwendigerweise auch aus Projektionen seiner Phantasie. Seiner Fehler schon bewußt, durchläuft Rob die komplette Palette des Wieder-Single-Seins, diskutiert Vor- und Nachteile aus, argumentiert logisch und verhält sich dann doch wieder verzweifelt-unlogisch-eifersüchtig-protopsychopathisch.
Diese Realitätsnähe, leicht überzogen, macht ihn und den ganzen Film so sympathisch, nicht zuletzt, weil er sich zum Anderssein bekennt. Die schrägen Typen dürfen hier alle so schräg sein, wie sie nun mal sind und jedem ist seine besondere Qualität gelassen.
Am Ende nimmt seine Freundin Rob tatsächlich zurück, obwohl er sich nicht grundlegend geändert hat. Er zeigt Ansätze, ist gesprächsbereit und geht wieder auf sein Mädchen ein, in der Schlußeinstellung ist er gar überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein (womit er einen Lösungsansatz, einen Entwicklungsprozeß auf ein Ziel hin bietet, anders als ins Leere ausufernde Stuckrad-Barre-Manifest „Soloalbum“), ohne daß wir sicher sein können, daß es ihm gelingt. Aber wir wollen es ihm gönnen. Denn indem er dem Impuls nachgegeben hat, seine Chancen ergriffen hat, sind wir bereit zu glauben, daß Stillstand und damit verbundener Rückschritt vorbei sind, etwas, was man sich für sich selbst wünscht.
Die Darsteller agieren durch die Bank weg luxuriös, wobei Cusack natürlich den Vogel abschießt, den man trotz seiner Fehler permanent knuddeln könnte. Für Jack Blacks Belushi-ähnlichen Barry war das der Durchbruch, zumindest als Komödiant im Kino.
Wunderbare Nischen schaffen sich weiterhin Catherine Zeta-Jones, Lili Taylor, Joan Cusack und Tim Robbins in Bitparts, wobei Todd Louisos Dick eine Klasse für sich bleibt. Wunderschön als Ergänzung natürlich der Auftritt von Springsteen, der aber für Robs Generation schon fast eine zu alte Wahl darstellt.
„High Fidelity“ ist ein herzerfrischend direktes und treffsicheres Stück Film, das Humor, Romantik und die damit verbundene Tragik gut ausbalanciert und dabei mit seinen ständigen Best-of-Listen, Pop- und Rockverweisen sowohl in den 80ern, als auch in den 90ern zu Haus ist und außerdem das Kunststück schafft, noch keinen Tag gealtert zu sein.
Ihr, die ihr John Hughes „Breakfast Club“ zu „euren“ ganz persönlichen Filmen zählt, hier ist die Fortsetzung für die 90er und euer sich entwickelndes Leben. (10/10)