Ein kleiner Junge wird versehentlich Opfer einer Gang-Schießerei, der Vater, der durch einen Schuss seine Stimme verloren hat, schwört Rache. Eine Actionstory also, wie sie generischer kaum sein könnte. Der Film hat jedoch zwei Besonderheiten: Er ist von John Woo inszeniert. Und er kommt nahezu ohne Dialoge aus.
Der ehemalige Action-Großmeister Woo hatte seit der missglückten Philip K. Dick-Adaption PAYCHECK mit Ben Affleck (2003) wieder viel in China gearbeitet, sein letzter Film war 2017 MANHUNT, eine Netflix-Premiere. Mit dem immerhin in den Kinos angelaufenen SILENT NIGHT versucht er nun quasi sein Mainstream-Comeback.
Nach den ersten Filmminuten möchte man auch meinen, dass ihm das gelingt: Der Prolog bietet solide, harte, handgemachte Action, wie man sie vom Regisseur kennt und schätzt, wenn auch mit weniger Zeitlupe und ohne Tauben. Was danach kommt, ist allerdings äußerst zwiespältig.
Woo war noch nie ein sonderlich subtiler Regisseur und das Gimmick der wortlosen Erzählung lädt einen wie ihn natürlich zu einer besonders bildhaften Umsetzung ein. Sprich: Der Film quillt nur so über vor plakativen und bisweilen extrem kitschigen Klischees. Da wird im pittoresk ausgeleuchteten Keller trauergetrunken, ein Weihnachtsgeschenk zum Grab des verstorbenen Sohnes getragen, regelmäßig eine Spieluhr aufgezogen und selbstverständlich dürfen auch die üblichen Trainings- und Prepper-Montagen nicht fehlen.
Doch es gelingen Woo auch Szenen, die mit den Erwartungen brechen – der stumme Rächer ist kein Superheld und kommt bei einzelnen Auseinandersetzungen nicht selten an seine Grenzen. Auch das Finale ist im Stil von Woo-Epigonen wie JOHN WICK und THE RAID eindrucksvoll inszeniert.
Warum das jetzt unbedingt an Weihnachten spielen musste, erschließt sich nicht, der Festtag spielt im Grunde keine Rolle. In jedem Fall aber hat John Woo mit SILENT NIGHT den wohl lautesten „Stummfilm“ aller Zeiten abgeliefert.