Review

Vater verliert an Weihnachten durch eine verirrte Kugel Sohn und Stimme und ertränkt seine Trauer in Alkohol, während Mutter versucht, die Welt am Laufen zu halten. An Ostern besinnt er sich und plant methodisch seine Rache für nächstes Weihnachten.


Wieder ein Hollywood-Film von Altmeister John Woo. Wieder große Hoffnung, wieder verpufft. Dabei ist Silent Night beileibe kein schlechter Film, nur für einen Woo ist er zu Standard, dem ihm fehlt die richtige Würze zum Woo-Style Heroic Bloodshed.

Letztlich ist das doppelt schade, denn Joel Kinnaman macht als verzweifelter und auf Rache sinnender Vater mit zerschossenem Kehlkopf eigentlich eine gute Figur. Da die Kamera zum größten an ihm klebt, macht der Film auch nicht viele Worte. Das kommt schon gut.

Auch die Action sieht gut aus, ist sauber gefilmt und beinhaltet natürlich eine längere Szene mit lediglich erahnbaren, aber nicht sichtbaren Schnitten, wie sie heutzutage ja oft und gern gezeigt werden. Die Car-Action, die Shoot-Outs und auch die Zweikämpfe haben Wucht und Drive, drängen sich aber vor allem im letzten Drittel des Streifens zu einem großen Action-Finale mit ganz viel Ballerei. Das ist auch super eingefangen und würde so manchen Möchtegern-Actioner adeln und in den Action-Himmel katapultieren, aber für einen Film von John Woo ist das viel zu steril, nicht packend genug, zu wenig Kugelballett.

Zudem wird das durch CGI verwässert. Die Effekte sind durchwachsen, aber leider omnipräsent. Sämtliches Blut stammt aus dem Computer und sieht oft genug schlecht aus und ist manches Mal auch einfach schlecht platziert (zwei Schüsse direkt in die Brust und steht wieder auf). Ebenfalls ziemlich daneben ist die Zielsicherheit der Antagonisten. Die treffen zwar, aber bitte immer nur die reichlich tief sitzende kugelsichere Weste. Schüsse auf Brustbeinhöhe oder gar in den Kopf? Gibt's nur von Papa Kinnaman.

Und die erste Hälfte des Films?
Die besteht zu einem guten Teil aus Drama, aus Trauer und einer, von einigen Tränen abgesehen, halbwegs unbeteiligt wirkenden Mutter. Aber auch wenn zumindest Kinnaman den trauenden Dad gut spielt und auch die Wut gut darstellt, zündet das alles auf emotionaler Ebene so gar nicht. Jeder halbwegs rund laufende Mensch kann sich auch ohne Kinder vorstellen, dass der Schmerz um den Verlust eines Kindes grenzenlos sein muss, das allein reicht aber nicht, diese Emotionen müssen auch getriggert werden. Und genau da versagt der Film, obgleich ich nicht genau den Finger drauflegen und sagen kann, weshalb. Der Funke springt einfach nicht über.

Etwas besser wird es dann bei den Trainingseinheiten, wobei jeder selbst entscheiden muss, wie logisch es ist, dass ein Mensch in 8 Monaten zur Kampfmaschine mit Fähigkeiten im Nah- und Fernkampf, Bombenbau und Stuntfahren wird und dabei auch noch Zeit findet, die Feine auszuspähen. Wovon hat der Mann die ganzen 8 Monate gelebt? Nur von Ersparnissen? Gearbeitet hat er sicher nicht.
Das Drehbuch krankt also an einigen Stellen. Sehr schade, denn John hat es doch eigentlich drauf. Aber diese Zeiten liegen wohl lange zurück.


John Woo Film ohne John Woo Feeling. Kühl, emotionslos, spannungsarm, ein fader Actioner, trotz gut gefilmter Action. Wäre für Leute wie Jesse V. Johnson ein Meisterstück, für John Woo nicht mehr als Routine.
Ach ja, spielt an Weihnachten.

Details
Ähnliche Filme