Review

"When A Stranger Calls", der den meisten unter dem deutschen Titel "Das Grauen kommt um 10" bekannt sein dürfte, ist ein im Fahrwasser von "Halloween" entstandener Thriller von Autor und Regisseur Fred Walton. Dabei decken sich vor allem die Ausgangssituation sowie diverse Handlungsstränge und Charaktere mehr als deutlich mit John Carpenters Slasher-Klassiker "Halloween":

Die junge Jill wird eines Abends, während sie auf die Kinder des Ehepaares Mandrakis aufpasst, von einem unbekannten Anrufer terrorisiert. "Haben Sie schon nach den Kindern geschaut?" fragt stets die unheimliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Anfangs hält sie die Anrufe noch für einen dummen Streich, doch allmählich bekommt sie Panik und ruft entnervt die Polizei, mit der Bitte festzustellen, von wo der Anruf kommt.
Als der Unbekannte sie ein weiteres Mal anruft, kann die Polizei den Anruf lokalisieren: er kommt direkt aus dem Haus...
Jill kann im letzten Moment dem wahnsinnigen Killer entkommen... - aber zurück bleiben zwei bestialisch ermordete Kinder und ein verstörter Killer, der daraufhin in einer Nervenheilanstalt untergebracht wird, aus der er nach sieben Jahren entkommen kann. Der ehemalige Detective John Clifford, der damals Curt Duncan stellen konnte, heftet sich an dessen Fersen, um ihn endgültig zur Strecke zu bringen. Von seinen Mitmenschen missverstanden und abgelehnt und von seinem Jäger in die Ecke getrieben, bleibt Duncan nichts weiter, als zu den Anfängen zurückzukehren. Als Jill, nun selbst zweifache Mutter, das Telefon abnimmt, hört sie eine ihr vertraute Stimme und die Frage: "Haben Sie nach den Kindern geschaut?"...

Die Parallelen zu "Halloween" sind natürlich nicht von der Hand zu weisen - auch wenn "When A Stranger Calls" im weiteren Verlauf der Handlung ganz eigene Wege geht und sich größtenteils vom Vorbild entfernt. Curt Duncan wirkt auf dem ersten Blick, im Gegensatz zum gesichts- und emotionslosen Michael Myers, wie der nette Nachbar von nebenan - von dem man nicht erwartet, dass er ein brutaler Mörder sein könnte. Wie es ihm gelang aus der Heilanstalt zu entkommen und was ihn zum Mörder hat werden lassen, bleibt dabei unbeantwortet. Vielmehr konzentriert sich Waltons Thriller auf den Charakter Duncans und dessen Flucht vor seinen Verfolgern. Duncan wird als ein Mensch gezeigt, der an sich und seinen Taten zu zerbrechen droht und sich nichts mehr wünscht, als einen Menschen, der ihm Geborgenheit gibt und ihn so akzeptiert, wie er ist. Doch im undurchdringlichen Großstadt-Dschungel stößt er auf Ablehnung und Verachtung. Seine Geste, eine Frau zu einem Drink einzuladen, wird damit quittiert, dass er brutal zusammen geschlagen wird. Ohne Geld in den Taschen, ist er auf sich allein gestellt - darauf angewiesen zu betteln und in Notunterkünften zu übernachten. Als Clifford ihn aufspürt treibt er ihn zum Äußersten...

Charles Durning als John Clifford spielt dabei eine Rolle, die an Donald Pleacences Auftritt als "Dr. Loomis" in "Halloween" erinnert und dabei genauso besessen davon ist, den Killer zur Strecke zu bringen. Als Privatdetektiv wird er von Mr. Mandrakis beauftragt, Duncan zu stoppen - doch während bei "Dr. Loomis" ausschließlich das Wohl der Bewohner von Haddonfield im Vordergrund steht, macht Clifford keinen Hehl daraus, Duncun töten zu wollen - auch wenn es die Situation nicht erfordert. Er geht sogar so weit, sein Vorhaben einem befreundeten Kollegen anzuvertrauen, der Clifford bei seinem Plan freie Hand lässt und Hinweise auf Duncans möglichen Aufenthaltsort verrät.
Hinsichtlich dieser kontroversen Handlungserweiterung und der Charakterisierung Duncans, die stellenweise so etwas wie Mitleid für ihn hervorruft, distanziert sich "When A Stranger Calls" weitestgehend von "Halloween", während der Prolog und das Finale ganz im Zeichen des Vorbilds stehen. Walton weiß hier die Spannungsschraube anzuziehen und für nervenaufreibende Schocks zu sorgen - ohne dass auch nur ein Tropfen Blut vergossen wird. In dieser Hinsicht ist Waltons Film Carpenters Werk sogar noch überlegen - schafft er es doch, das gesamte Grauen in den Köpfen der Zuschauer abspielen zu lassen. Keine plakativen Schocks und blutigen Kills - "When A Stranger Calls" bezieht seinen Schrecken und seine Atmosphäre aus seiner ruhigen Inszenierung und einigen bösen Twists und Überraschungen, die für weitaus mehr Nervenkitzel sorgen als blutüberströmte Leichen.
Auch im Mittelteil gibt es durchaus einige Spannungsmomente und clever inszenierte Sequenzen, die in Flashbacks versuchen, Aufschlüsse und Hinweise auf Duncans Psyche zu liefern.

"Das Grauen kommt um 10" hat durchaus gute Ansätze und kann über weite Strecken aus dem Schatten des Originals heraustreten - dennoch muss ich dem Film auch eine geschwätzige und behäbige Inszenierung bescheinigen.
Während "Halloween" ein zeitloser Klassiker ist und bleibt, nagt an Waltons Werk - gemessen an heutigen Sehgewohnheiten - der Zahn der Zeit. Und da es durchaus Zuschauer gibt, die mit "Halloween" nichts anfangen konnten, sei denen der Film weniger zu empfehlen. Wer es jedoch gerne ruhiger angehen möchte, keine Probleme mit einer routinierten und unaufgeregten Umsetzung des Stoffes hat, wer das Grauen gerne in seinem Kopf abspielen lassen möchte - all denen sei "When A Stranger Calls" uneingeschränkt zu empfehlen.

Die Veröffentlichung des Labels EXPLOSIVE MEDIA GmbH im Vertrieb der AL!VE AG verdient dabei Ihre Aufmerksamkeit und besticht als DVD-Erstveröffentlichung in HD-Abtastung und präsentiert die Softbox in einem Pappschuber ohne FSK-Aufdruck. Bei dem Cover handelt es sich um ein Wendecover, darüber hinaus rundet ein informatives, vierseitiges Booklet den durchaus positiven Gesamteindruck dieser Auflage ab. Der Film selbst liegt als deutsche und englische Sprachfassung vor.

Details
Ähnliche Filme